Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Popcorn, Plüsch und Sensationen

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Auf den Spuren der Castroper Kinos

Wir haben mit Indianer Jones nach verlorenen Schätzen gejagt, uns schreckenserfüllt an die Schulter unseres Sitznachbarn geklammert, weil uns die Nahaufnahme einer vibrierenden Pfütze auf einer abgelegenen Insel namens Jurassic Park Schlimmes ahnen ließ, haben Rotz und Wasser in unsere Taschentücher geheult, während der tapfere Leonardo Di Caprio im Nordatlantik sein Leben aushauchte – einige Herren behaupten bis heute, sie hätten Tränen gelacht … Manchmal waren es gerade die leisen Töne, die uns wie in ›Amelie‹, ›grüne Tomaten‹ oder ›Das Leben ist schön‹, zum Schmunzeln oder Weinen brachten. Ja, wenn sich der Vorhang öffnet und die Leinwand knisternd zum Leben erwacht, dann lassen wir uns nur allzu gern in jene fremde Welt entführen, in der für zwei oder drei Stunden alles möglich zu sein scheint – bequeme Plüschsessel und Popkorn inklusive: die Welt des Kinos!

Reise durch die Kino-Geschichte
Fast jeder von uns verbindet mit dem Ort Kino wundervolle Kindheits- und Jugenderinnerungen.  In Castrop-Rauxel gibt es heute nur noch die Kurbel. Mit den modernen Filmpalästen der Großstätte kann dieses kleine, nostalgische Lichtspielhäuschen sich in technischer Hinsicht zwar nicht messen, aber das muss es auch gar nicht, verfügt es doch über einen ganz eigenen Charme. Das alte ›Casino‹ in Habinghorst wird seit 1978 vom WLT als Probenraum genutzt. Ältere Einwohner mögen sich noch an die alten Filmtheater der Vergangenheit wie das ›Deli‹ und das ›Scala‹ in Habinghorst, die ›Kammer‹ am Markt oder das ›City‹ in Ickern erinnern. Wir wollten mehr erfahren und begaben uns mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs sowie der Heimatforscherin Ursel Beushausen und last but not least der Facebook-Gruppe ›Du bist Castroper wenn ...‹ auf eine Reise durch die lokale Kino-Geschichte.

Die Wanderjahre
Kaum zu glauben, aber das Kino war nicht immer eine feststehende Institution. Zur Zeit Kaiser Wilhelms zogen mobile Filmvorführer durch die Lande, um ihre ›lebenden Fotografien‹ auf Jahrmärkten und in Gasthöfen zu präsentieren. Hinweise belegen, dass ein solcher Wanderunternehmer mit seinem ›Kurbelkasten‹ auch in Castrop gastierte: 1892 soll eine Passionsdarstellung auf dem Germanenhügel an der Denkmalstraße für Aufsehen gesorgt haben. Von gemütlichem Eintauchen ins Filmgeschehen konnte damals allerdings noch keine Rede sein. Die Zuschauer saßen in einer Bude oder einem provisorisch hergerichteten Raum auf recht unbequemen Holzstühlen und starrten auf eine stumme Leinwand.

Kino im Gasthof
Ab 1910 entstanden in Castrop, Habinghorst und Ickern die ersten festen Filmtheater. Den Anfang machte der alte ›Kaisersaal‹ an der Mühlenstraße (heute befindet sich hier das Jugendzentrum BoGi’s). Im selben Jahr eröffnete Heinrich Wember in den Räumlichkeiten seiner ehemaligen Fouragehandlung an der Kronprinzenstraße in Habinghorst (heute Lange Straße) das ›Central-Theater‹, welches in den 70er-Jahren ›Casino‹ hieß. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich seit 1912 das ›Alhambra‹ (später ›Scala‹) – die historische Fassade an der Lange Straße 69 ist noch heute zu bewundern. Auch im ›Haus Busch‹ in der Altstadt flimmerten zu jener Zeit schon Filmstreifen über die Leinwand. An der Lönsstraße (damals Kaiser-Friedrich-Straße) wurde zum Zwecke kinematographischer Vorführungen sogar ein eigener Saalbau namens ›Metropol-Theater‹ errichtet. Weitere Konkurrenten ließen nicht auf sich warten. Historische Quellen berichten von einem wahren ›Kinokrieg‹: Während sich die Besucher in den Vorstellungen amüsierten, sollen die Betreiber hinter den Kulissen ihre Messer gewetzt haben.

Sensationen in Schwarzweiß
Das Programm bestand in der Regel aus mehreren kurzen Streifen in Schwarzweiß, die live von Piano oder Drehorgel begleitet wurden. Für die Musiker, die neue Filme nicht vorab sehen konnten und auf heillos verstimmten Instrumenten improvisieren mussten, stellte dies jedes Mal eine kleine Herausforderung dar. Nicht selten wurde die Vorstellung durch kleinere Tanzeinlagen oder Sketche ergänzt. Später kamen sogenannte ›Filmerklärer‹ in Mode, die den Inhalt erläuterten. Manchmal übernahmen Schauspieler den Gesangs- oder Sprechpart der Filmakteure. Gezeigt wurde zunächst vor allem ›Sensationsware‹, von Kriegsschiffparaden über Fürstenempfänge bis hin zu Bränden, Karambolagen und handfesten Prügeleien. Es waren schon damals die Herzensbrecher, die bösen Schwiegermütter und Gauner, die für volle Kinosäle sorgten. Erst als Kirchen und Erzieher zum ›Kampf gegen den Schund‹ aufriefen, kamen zunehmend belehrende Darstellungen zu Themen wie Natur, Tiere, Volkskunde oder Industrie auf die Leinwand. Die Kosten für eine Vorstellung betrugen zu jener Zeit nur wenige Pfennige – das klingt wenig, aber die Leute verdienten ja auch nicht so viel. Gleichwohl entwickelte sich das Kino zu einem beliebten Freizeitvergnügen. Statt in die Kneipe ging man mit seiner Frau in die ›Flohkiste‹!

Aufstieg und Fall
Nach dem Ersten Weltkrieg startete man erste Versuche mit Buntfilmen, die handkoloriert und sehr kitschig waren. In den 1930er-Jahren eroberte schließlich die Nadeltontechnik das Land und leitete eine neue Epoche des Filmwesens ein. 1934 öffnete das Gloria-Theater an der Oberen Münsterstraße mit dem Hans-Albers-Film ›Flüchtlinge‹ seine Pforten. Im gleichen Jahr wurde der ›Deli-Palast‹ an der heutigen Lange Straße 23 als modernstes Lichtspielhaus am Ort ins Leben gerufen. Zur Einweihung wurde die prunkvolle Strauss-Operette ›Der letzte Walzer‹ gezeigt. Insgesamt sollen in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu zehn Lichtspielhäuser auf Castrop-Rauxeler Stadtgebiet existiert haben, die nach Kriegsende zum Teil mühsam wieder aufgebaut wurden. So zum Beispiel das ›Gloria-Theater‹ an der Oberen Münsterstraße, das später den Namen ›Kurbel‹ erhielt. Heute ist vom ehemaligen ›Kino-Boom‹ in der Stadt nicht mehr viel zu spüren. Mit dem Triumph des TV verschwand ein Filmtheater nach dem anderen von der Bildfläche. Einzig die ›Kurbel‹ hält noch tapfer die Stellung und entführt die Besucher in wunderbare Welten. Mein erster Kinofilm war übrigens ›Die unendliche Geschichte‹. Und Ihrer?

Das Stadtmagazin bedankt sich beim Stadtarchiv, bei Ursel Beushausen sowie der Facebook-Gruppe ›Du bist Castroper wenn ...‹ für die große Hilfsbereitschaft und die Bereitstellung der historischen Fotos, Quellen und Erinnerungen. Wie Kinokenner bemerken werden, konnte aus Platzgründen (Heftausgabe) nicht jedes Kino in Castrop-Rauxel erschöpfend behandelt werden. Auch wurde unsere Recherche durch Unstimmigkeiten erschwert, die in Bezug auf Jahreszahlen und Namen bei den unterschiedlichen Quellen auftraten: Schriftliche Dokumente, Internet und persönliche Rückblenden weichen eben doch manchmal voneinander ab. Wir haben uns bemüht, die historischen Fakten bestmöglich ›herauszusieben‹!

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