Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Herbstspaziergang

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»Ich leb, weiß nit, wie lang,
Ich stirb, und weiß nit, wann,
Ich fahr, weiß nit, wohin,
Mich wundert, dass ich fröhlich bin.«

Volksspruch

Manche mögen es seltsam finden, viele können es so gar nicht nachvollziehen, aber es ist nun mal so: Ich mag Friedhöfe. Ich liebe diese ruhige, ganz eigene Stimmung jenseits vom oftmals nur wenige Meter entfernt stattfindenden Alltagstrubel und Verkehrslärm, in der ich mich plötzlich als kleines Rädchen im großen Getriebe wahrnehme. Momentaufnahmen des Seins mit der Gewissheit, dass Leben schon vor mir stattgefunden hat und auch nach mir stattfinden wird. Interessanterweise bereitet mir diese Erkenntnis keine Angst, im Gegenteil.

Oft habe ich mir im Urlaub von Sightseeing, Badestrand und Skipiste eine Auszeit genommen. In Paris war es der Cimetière du Père-Lachaise mit seinen prachtvollen Gräbern von Frederic Chopin, Oscar Wilde oder Simone Signoret. In Berlin ist es immer (!) der Dorotheenstädtische Friedhof: klein, aber die Namen auf den Grabstelen umso größer. Brecht. Hegel. Heinrich Mann. In Köln der beeindruckende Malatenfriedhof, hier liegen unter anderem die unvergessenen Kölner Humoristen Willi Millowitsch, Jupp Schmitz, Willi Ostermann wie auch der gerade viel zu früh verstorbene Dirk Bach. Überschaubar, schlicht, fast herzig: Heiligenblut am Großglockner. Schmiedeiserne Kreuze mit Familiennamen wie Pichler, Lackner, Kramser. So unterschiedlich die Friedhöfe auch sind, hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Landschaftsarchitektur, ihrer Gräbergestaltung – sie alle geben beeindruckendes Zeugnis wieder: von Menschen und ihren Geschichten, von Städten und ihrer Geschichte.
Auch bei uns gibt es Friedhöfe, die einen Besuch mehr als wert sind. Sei es, weil hier bekannte Castroper, Rauxeler, Habinghorster oder Henrichenburger Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben und diese eine wichtige, historische Facette unserer Stadt bilden. Sei es, weil mit Rasenflächen, Alleen, Sträuchern, Wegen und Bänken ruhige Naturkulissen geschaffen wurden, die mit insgesamt 51 Hektar einen wichtigen Part der Castrop-Rauxeler Grünflächen bilden Doch abgesehen von der friedlichen Landschaft sind es eben doch die Gräber selbst, die nicht nur den Charakter der Friedhöfe ausmachen, sondern eben daran erinnern, dass hier Menschen ein Zeichen gesetzt worden ist. Unsere Friedhofskultur unterliegt einem Wandel. Anonyme Bestattungen und Rasengräber lösen die traditionellen Einzel- und Reihengräber ab. Dies mag unserem zunehmend entfremdeten Umgang mit Sterben und Tod geschuldet sein, vielleicht auch unseren veränderten, globaleren Lebensbedingungen. Wie dem auch sei, die Vorstellung, dass ein Friedhofsgang in der fernen Zukunft über das Jetzt und Hier und über uns vermutlich wenig aussagen wird, stimmt schon nachdenklich. Nicht nur Trauer braucht einen Ort, das wissen Psychologen und Trauerbegleiter allzu gut, auch der Erinnerung an das Leben sollten wir diesen Raum geben.

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