Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Postkutschenromantik und Spukgeschichten

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Erinnerungen an den alten Biesenkamp

Der Biesenkamp war nicht immer die moderne, vielbefahrene Verbindungsstraße, die wir heute kennen. Alteingesessene Castroper mögen sich erinnern: an eine winklige Gasse mit malerischen alten Fachwerkhäusern und einem Kopfsteinpflaster, ›das einem Hals und Beine brechen‹ konnte. An rauschende Kastanien, Gras bewachsene Mauern und windschiefe Zäune. An bunte Blumenbeete und duftenden Flieder, Kinderlachen und Holzbänke im Vorgarten …

Der Name Biesenkamp taucht erstmals 1823 in historischen Dokumenten auf. Unter ›Biesen‹ sind Binsen, also Gräser zu verstehen, welche als Weidefutter dienten, ›Kamp‹ ist die Bezeichnung für eingefriedetes Landstück. Dies lässt darauf schließen, dass sich hier einst ein eingezäunter Viehweideplatz befunden haben könnte. Von Anfang an war der Biesenkamp keine gewöhnliche Straße, zusammen mit dem angrenzenden Kirchplatz bildete er die Keimzelle der Stadt, welche damals von wogenden Kornfeldern und saftigen Weiden umgeben war.

In einem doppelten Ring lagen die Häuser des Kirchplatzes, des Biesenkampes, der Münster- und Wittener Straße um die alte St. Lambertuskirche und boten somit ein in sich geschlossenes Ortsbild. Wie die Bauernhäuser der umliegenden Bauernschaften waren auch die Bürgerhäuser auf Steinsockel gesetzte Lehm- oder Ziegelfachwerkbauten, deren Dächer noch bis ins 19. Jahrhundert mit Stroh gedeckt waren. Da die Bürger neben ihrem Handwerk oder Gewerbe meist eine kleine Landwirtschaft betreiben mussten, um über die Runden zu kommen, war es völlig normal, dass Mensch und Tier unter einem Dach zusammenhausten.

Alte Brauchtümer wurden am Biesenkamp seit jeher gepflegt: Jedes Jahr zu Rosenmontag zogen die ›Sturen Jungs vom Biesenkamp‹ mit ihren Musikinstrumenten durch den Ort, zu erkennen an ihren hohen Zylindern und den blauen Bauernkitteln mit roten Halstüchern. In den dunklen Winkeln des Viertels rund um das katholische Gotteshaus war nicht nur der christliche Glaube, sondern auch der Aberglaube beheimatet: So soll beim 1754 erbauten Hause Reitemeyer der Wolfshund gespukt haben. Auch das Haus mit der Nummer 2 war den Anwohnern nicht ganz geheuer, denn hier hatte einst ein Freimaurer gewohnt. Es wurde wiederholt ausgesegnet.

Während in den benachbarten Geschäftsstraßen schon ein lebhafter Betrieb eingesetzt hatte, blieb der Biesenkamp zunächst ruhig und beschaulich. Hast und Geschäftigkeit kannten die ›Leute vom hohen Wall‹ nicht: Man ließ es langsam angehen und blieb am liebsten unter sich. In Erzählungen wird wiederholt auf die gute Nachbarschaft hingewiesen. Gerne traf man sich auf einen Plausch vor dem Haus. Kinderscharen spielten auf dem Heuboden des Hofes Edelhoff, in den Pferdeställen hinter dem Gasthaus Busch und auf dem Hofe Echterhoff: Hier lebte Castrops letzter Nachtwächter, ›Heinrich im Düstern‹ genannt. Für eine lokale Attraktion sorgte  Drechslermeister, oder auch  ›Piepen Julius‹, der auf seinem Hof ein Puppentheater mit selbstgeschnitzten Figuren sowie ein Karussell aufgestellt hatte. Ein weiterer Anziehungspunkt für die kleinen Biesenkämper war Nohlens Schaufenster, welches als erstes Geschäft in Castrop Spielwaren zeigte.
Nach und nach hielt das geschäftige Treiben Einzug ins Dorf. Von 1858 bis 1880 diente der Biesenkamp als Pferdemarkt. Auch eine Posthalterei lag an der Straße, die von Witten über Castrop nach Münster führte. Wenn Fuhrunternehmer Nikolaus Müller seine Kutsche über das holprige Pflaster lenkte, konnte man noch zur Jahrhundertwende die Posthornromantik einer idyllischen Kleinstadt erleben. Ab 1882 hatte die Metzgerei Haas ihren Sitz am Biesenkamp. Ihr Fleisch soll sogar in den adeligen Häusern bis Bladenhorst und Bodelschwingh begehrt gewesen sein. Auf dem Gelände der Castroper Volksbank befand sich seit damals der Dincklagsche Bauernhof – aus den Reihen dieser angesehenen Familie stammten zwei Castroper Bürgermeister, Jan Dincklage (1678) und Caspar Dincklage (1800). Ausschachtungen für den Neubau der Volksbank 1973 förderten historische Fundstücke wie Reste von Pumpen und Hausgeräten zu Tage.

Mit der Industrialisierung kam es zu einer radikalen Veränderung des Stadtbildes. 1890 erfolgte die Erweiterung der Lambertuskirche, die zwischen den alten Fachwerkhäusern nun wie ein Riese unter Zwergen hervorstach. Kutschen waren nur noch selten auf dem Gelände unterwegs, sie wurden immer stärker von motorisierten Fahrzeugen verdrängt. 1952 musste der alte Biesenkamp daher einem modernen breiten Straßenzug weichen. 14 historische Bauten wurden abgerissen und durch neuzeitliche Kauf- und Geschäftshäuser ersetzt. So erhielt die Straße ein völlig anderes Gesicht. 1990 wurde mit der Einweihung des Biesenkampplatzes eine weitere ›Verschönerungsmaßnahme‹ abgeschlossen. Doch in den Erinnerungen der älteren Anwohner leben die Geschichten vom alten Biesenkamp noch heute fort.

Historische Fotos: Stadtarchiv C.-R.

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