Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Weihnachten – weißt du noch?

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Weihnachten. Es ist die Zeit des Plätzchenbackens und Baumschmückens, des Schenkens und des Beschenktwerdens, der Familie und des Beisammenseins. Vor allem aber ist es die Zeit der Stille, der Versöhnung und der Besinnung: auf Menschen, die uns am Herzen liegen. Menschen, die vielleicht nicht mehr unter uns weilen, die jedoch vor allem an diesem einen besonderen Tag bei uns sind – in unseren Erinnerungen und Gedanken.

Gerade der Heiligabend birgt eine Fülle an Erlebnissen, die Jahr für Jahr unter dem Tannenbaum wiedererwachen. Es können rührende Momente sein, traurige aber auch lustige oder ärgerliche Begebenheiten, die uns durch den Kopf und durchs Herz gehen.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein fröhliches, bewegtes, nicht zu stressiges, friedliches und erinnernswertes Weihnachtsfest!

 

Puppe auf Reisen

Jule Springwald

Ich erinnere mich genau: Es war, als mein zweitjüngster Bruder ›unterwegs‹ war. Mein Papa schrieb an seiner Doktorarbeit und arbeitete nebenbei in der Bank – oder umgekehrt – denn irgendwoher musste das Geld zum Leben ja kommen.

Trotzdem war es schwierig, obwohl meine Großeltern schon viel halfen, und zu Weihnachten gab es auch nicht die großen Geschenke, die man den Kindern heutzutage auf den Gabentisch legt.

Ich hatte zu der Zeit zwei Puppen, eine kleine Babypuppe und eine etwas größere, mit dunkel aufgemalten Haaren, aber sie hatte immerhin schon Schlafaugen und eine Geräuschmaschine im Rücken, die ›Mama‹ quiekte. Die ›Haare‹ hatten allerdings beim Spielen ziemlich gelitten und sahen reichlich zerkratzt aus.

Die Kleidung für die beiden hatten meine vielen Tanten – Papa hatte ja neun jüngere Schwestern – genäht, gestrickt, gehäkelt, und sie wurde immer sorgfältig im Nachtschränkchen aufbewahrt. Auch eine wunderschöne Holzwiege gab es, von Opa selbst gebaut und von Mama angemalt.

In diesem Jahr wollte ich am Nikolausabend meinen Puppenkindern die süßen Sachen zeigen, die ich bekommen hatte. Aber – o Schreck! In der Wiege lag nur die kleine Babypuppe, die große war verschwunden. Ich suchte im ganzen Zimmer, im ganzen Haus und hatte meine beiden größeren Brüder in Verdacht. Dann fiel mir ein, dass ich am Nachmittag nicht aufgeräumt hatte und meine Puppe vielleicht darum weggelaufen sei. Meine Eltern versuchten mich zu beruhigen, aber ich war schier untröstlich.

Na ja, mit Weihnachtsbäckerei und Weihnachtsmarkt und über der ganzen Vorfreude aufs Christkind ging die Zeit bis Weihnachten doch ziemlich schnell vorbei. Zwischendurch fragte ich wohl dann und wann nach meiner Puppe, aber sie blieb verschwunden, und mein Papa tröstete mich und sagte, sie sei wohl verreist.

Am Nachmittag des Heiligen Abend fuhren wir zur Bescherung zu meinen Großeltern. Dort gab es jedes Jahr – auch später – zu Nikolaus ein Paar neue Pantoffeln und Süßigkeiten für jedes Kind und zu Weihnachten einen warmen Schlafanzug und eine selbst gestrickte Mütze, Handschuhe und dicke Socken: für meinen ältesten Bruder in dunkelblau, für den zweitältesten in dunkelgrün und für mich in weiß.
 
In diesem Jahr aber hatte mein Opa für meine Brüder einen Kasten aus Holz für ihre Legosteine gebaut, mit vielen Fächern für die verschiedenen Bausteine und Fenster, und meine Oma hatte einen Winteranzug für meine vermisste Puppe gestrickt … Und da thronte sie, das etwas ›zerkratzte‹ Haar war wieder neu lackiert, und mein Opa hatte sogar noch ein neues Puppenbett und einen passenden Schrank dazu gebaut.

Ich glaube, ich habe mich mehr gefreut, als ich es über eine neue Puppe mit echten Haaren getan hätte. Und lange Zeit war ich davon überzeugt, dass mein Papa da irgendwie beteiligt war und meiner Puppe wohl die Reise ins Weihnachtsland beschert hatte, damit sie neue Haare bekam.
Den Puppenschrank gibt es heute noch. Er hat die vielen Jahre überlebt und nur einmal einen neuen Anstrich bekommen. Und nachdem meine Tochter ihn einige Jahre in Gebrauch hatte, steht er nun wieder bei mir und wartet darauf, dass meine kleine Enkelin ihn bespielt. Ich kann es kaum erwarten.

 

Ach ja, Weihnachten ...

Antje Dittrich

Eigene, übliche Weihnachtstraditionen gab es bei uns kaum. Dies liegt vermutlich daran, dass wir mit der Familie am letzten Schultag direkt nach dem Bimmeln der Schulglocke Richtung Skiurlaub aufbrachen, wo wir mit Tante Christa und Onkel Helmut, mit Tante Anne und Onkel Dietmar Jahr für Jahr eine wunderschöne Zeit verbrachten – auch eine Tradition! Nebenbei bemerkt, so richtige, echte Tanten und Onkel waren die vier eigentlich nicht. Es handelte sich vielmehr um sehr enge Freunde meiner Eltern, und die wurden halt Tante und Onkel genannt – ach ja, so war das nun mal zu der Zeit.

Vor allem an einem Ort fühlten wir uns äußerst wohl: In Heiligenblut am Großglockner gab es den Glocknerhof, ein wunderschönes familiengeführtes Hotel. Ach ja, stimmt, da gab es sogar ein Lied, das abends in der Hofbar von Band und Gästen immer mit Inbrunst geschmettert wurde: ›Im Glocknerhof, im Glocknerhof, da bin ich wie zu Haus …‹. Rund vierzig Jahres ist das jetzt her, und doch kann ich den just aus der Erinnerung hochgekurbelten Song aus dem Effeff mitsingen und habe für den Rest des Tages definitiv einen Ohrwurm ...

Ein Lied, wenn auch ein anderes, spielt die Rolle bei einer besonderen Weihnachtserinnerung in Heilligenblut. Es war Usus, dass am Vortag schon ein Schildchen auf dem Frühstücksbuffet stand mit dem Hinweis: ›Liebe Kinder, bitte kommt heute um 16 Uhr in das Fernsehzimmer. Wir wollen mit euch für Weihnachten üben.‹ Ach ja, Fernsehzimmer, so was gab es damals wirklich noch! Wie dem auch sei, die kleinen Gäste des Hauses kamen der Bitte wohl auch nach. Ich selbst war natürlich – selbstredend! – mit meinen 14, 15 Jahren viel zu erwachsen dafür.

Am Heiligabend versammelten sich dann alle Hotelgäste und Mitarbeiter des Hauses in der Hotelhalle mit dem gemütlichen Kamin vor dem Weihnachtsbaum, der eigenhändig von Familie Pichler – ach ja, stimmt, Pichler hießen die Hotelbesitzer – geschmückt worden war. Der Juniorchef hieß die Gästeschar herzlich willkommen, seine drei Kinder trugen Gedichte vor und der Seniorchef las das Lukasevangelium. Als krönender Abschluss durfte dann der Gästekinderchor vor dem Baum Stellung beziehen. Die Dirigentin – Frau Pichler – hob die Hand und los ging’s: ›Ihr Kinderlein kommet.‹

Strahlend schmetterten die Kids los, vor allem ein kleiner Junge. Der Bub sang und wippte und wippte und sang, schaute dabei immer von rechts nach links zu den Mitsängern und gab dann plötzlich richtig Gas. Schneller und schneller wurde er, die anderen sahen ihn völlig irritiert an und hatten sichtlich Schwierigkeiten, ihr Tempo zu halten. Ganz anders er, er hatte und hielt sein Tempo. Wobei, stimmt nicht ganz, er wurde noch flotter, bis er irgendwann durch war und begeistert trötete: »Erster!«

Uns liefen die Tränen – vor Rührung, aber auch weil es einfach herrlich lustig war. Es bekamen übrigens alle, nicht nur der schnellste, als Dankeschön ein kleines Präsent. Ach ja, im Glocknerhof, im Glocknerhof …

 

»Das Christkind war da, das Christkind war da!«

Franziska Hüggenberg

Ich war fünf, es war also Heiligabend 1992. Wie jedes Jahr war das Wohnzimmer abgeschlossen, weil ja das Christkind kam – keine von uns durfte rein. Ich habe als kleiner Schlumpf mit meinen beiden Schwestern draußen gespielt, und wir sind dabei immer ums Haus rumgehüpft und -gesprungen. Währenddessen hatten meine Eltern heimlich den Baum geschmückt und darunter die Geschenke platziert.

Dummerweise hatte Papa vergessen, die Rollladen herunterzulassen, so dass ich zufällig vom Garten aus einen Blick ins Wohnzimmer erhaschen konnte und sah, dass bereits die Geschenke da waren – darunter auch die Spielküche, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Ganz aufgeregt lief ich zu meinen Schwestern und rief freudestrahlend: »Das Christkind war da, das Christkind war da!« Dies hat nun aber auch Papa mitgekriegt ...

Irgendwann war es dann so weit. Wir saßen schon ganz ungeduldig wartend in der Küche. Endlich läutete die Glocke vom Krippenspiel, die Wohnzimmertür ging auf – endlich! Zielstrebig lief ich zu dieser einen bestimmten Stelle am Weihnachtsbaum, ich wusste ja genau, wo die Küche stand. Aber Moment mal, da stand sie plötzlich nicht mehr!

Ich war völlig verwirrt und ganz traurig. Habe es einfach nicht verstanden, weil ich sie doch schon gesehen hatte. Aber irgendwann fand ich sie dann doch. Papa hatte sie halt an einer anderen Stelle versteckt. Ob unter einer Decke oder einem Karton, das weiß ich nicht mehr genau. Aber was ich noch genau weiß, ist, wie glücklich ich war: Das Christkind war doch – mit meiner Spielküche! – zu mir gekommen!

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