Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Tod in der Tiefe

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Die Opfer von Erin

Nostalgiker mögen sich an eine ganzvolle Bergbau-Ära erinnern – doch der Wirtschaftsaufschwung forderte auch seine Opfer. Wenngleich die Zeche Erin von den ganz schlimmen Katastrophen verschont blieb, wollen wir zum Abschluss unserer Reihe anlässlich des 150. Jahrestags ihrer Abteufung an diejenigen erinnern, die bei der Arbeit unter Tage in Gefahr gerieten oder gar ihr Leben ließen.

Mit Spitzhacke, ohne Schutzhelm

Warum starben damals so viele Menschen bei Grubenunglücken? Alte Fotos zeigen: Die Bergleute des 19. Jahrhunderts trugen weder Schutzhelme noch entsprechende Kleidung. Die Kohle wurde per Hand mit der Spitzhacke abgehauen, bei niedrigen Flözen oft in unbequem kniender Position. Maschinen kamen kaum zum Einsatz. Auch waren die Streben zu jener Zeit noch manuell mit Holzstempeln und Holzkästen mehr schlecht als recht gesichert. Immer wieder kam es zu Strebbrüchen, bei denen die Arbeiter lebendig begraben wurden. Auch Wassereinbrüche, Grubenbrände und sogenannte Schlagwetterexplosionen waren keine Seltenheit. So forderte eine Explosion im Oktober 1871 im Flöz Mathias neun Tote, zehn weitere Bergleute wurden teils schwer verletzt. Wie kam es dazu?

Häufig heftig: Schlagwetterexplosionen

Gerieten die unter Tage auftretenden Gasgemische aus Methan (5 bis 14 Prozent) und Sauerstoff mit offenen Flammen oder Funken in Kontakt, verursachte dies eine Verpuffung. Häufige Zündquellen waren die bis ins 20. Jahrhundert verwendeten Wetterlampen, die oftmals unbefugt geöffnet wurden. Aber auch Funken, die durch Schlagen von Stahl auf Stein bzw. Metall auf Metall oder beim Zusammenbrechen harter Gesteinsschichten entstanden, konnten heftige Verpuffungen auslösen. Untertägige Sprengarbeiten sowie elektrische Geräte bargen ebenfalls ein großes Risiko. Bei besonders intensiven Explosionen sollen Förderwagen verformt und durch die Luft geworfen worden sein. Die schlimmste Schlagwetterexplosion des Ruhrbergbaus ereignete sich 1946 in Bergkamen, dabei wurden 405 Kumpel getötet. Hier ergaben nachträgliche Untersuchungen, dass menschliches Versagen zum Unglück geführt hatte. Auf Erin war man also vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Schufterei bei Hitze und Staub

Ab 1906 kam in den Flözen der ›grünen Insel‹ erstmals ein druckluftbetriebener Abbauhammer zum Einsatz. Das ›moderne‹ Gerät stieß bei den Bergleuten jedoch auf große Skepsis: Man befürchtete insbesondere Gelenkerkrankungen durch den Hammerrückstoß und die hohe Schlagzahl. Auch sonst bewirkten die technischen Innovationen bei geringerem Personal keineswegs eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, im Gegenteil. So berichtete der 1919 in Danzig angeworbene Hermann Suckau, dass das Arbeitspensum immer höher geschraubt worden sei. Hitze, Staub und mangelhafte Hygiene führten dazu, dass viele Männer den körperlichen Belastungen nicht standhielten, sich bei der Arbeit in beengten Verhältnissen verletzten, erkrankten oder mit der gefürchteten Staublunge vorzeitig in Rente gehen mussten.

Ein Knistern verkündete die drohende Gefahr

Besondere Schlagzeilen machte der Vorfall 1964 im Flöz Röttgersbank. Sieben Kumpel arbeiteten in 640 Metern Tiefe, als ein tückisches Knistern im Gebälk die drohende Gefahr ankündigte. Es gelang ihnen gerade noch, auf Anordnung des Strebführers Nowack, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, da brach der Streb hinter ihnen auf 40 Metern Länge ein. Der Weg zum Schacht war verschüttet, die Bergleute saßen in der Kopfstrecke wie in einer Mausefalle fest. Sie hatten jedoch Glück im Unglück, denn es gab genug Luft zum Atmen, die Temperatur lag bei 18 bis 20 Grad und in ihrem Gefängnis befand sich genug Ausbaumaterial, um den Raum abzusichern. Die gegen 14.30 Uhr zur Rettung herbeigeeilten Helfer konnten sich von draußen mit den Eingeschlossenen verständigen. Knapp drei Stunden später war ein Bergungsplan ausgearbeitet. Dieser verzichtete auf einen Durchbruch durch das Geröll und sollte stattdessen einen 1,80 Meter hohen Tunnel durch die 22 Meter dicke Kohlewand treiben.

Dramatische 41-Stunden-Rettungsaktion

Jeweils vier Bergleute, die ständig abgelöst werden mussten, arbeiteten ununterbrochen. 24 Stunden später war die Hälfte der Distanz überbrückt und es wurde mit einem 125 Millimeter dicken Rohr eine Verbindung zu den Eingeschlossenen hergestellt. Durch das Rohr wurden die Männer verpflegt und konnten Nachrichten an ihre bangenden Familien übermitteln. Die Art der Verpflegung hatte man in Absprache mit einem Professor vom Bergmannsheil und dem Werksarzt festgelegt: morgens mit Ei überbackenes Kalbfleisch, mittags gebratenes Tartar, Blumenkohl, Kartoffelpüree, Tee und Kognak, nachmittags Fruchtsaft und abends Essen auf Wunsch. Danach sollten sich die Eingesperrten auf ärztliche Anordnung schlafen legen. Gegen 22.30 Uhr erreichte das Rettungsteam die kritische Zone, die Kohle wurde hier immer weicher und begann zu rieseln. Die Tragstempel konnten daher nicht mehr im festen Stein verankert werden, sondern mussten im Rahmenausbau auf der Kohle liegend eingebracht werden. Insgesamt vergingen 41 Stunden, bis die Kumpel ihr ›Gefängnis‹ verlassen konnten und mit einem glücklichen Lächeln auf den kohlegeschwärzten Gesichtern aus dem Förderkorb stiegen.

Neue Ausrüstung für mehr Sicherheit

Im Laufe der 60er-Jahre wurde der Holzausbau schließlich durch den Schildausbau abgelöst. Die 1,5 Meter breiten, 30 bis 40 Tonnen schweren Schilde konnten bis zu vier Meter hochgefahren werden und lieferten bei Brüchen einen besseren Schutz. Bis über hundert von ihnen sicherten einen einzigen Abbauraum. Die Ausrüstung der Bergarbeiter wurde ebenfalls überholt: Neben einem Plastikhelm mit batteriebetriebener Lampe an der Stirnseite sowie einer Sauerstoffmaske für den Notfall gehörten Knieschoner, feste Lederschuhe mit Stahlkappen und Ohrstöpsel gegen den Lärmpegel zur Standardausstattung. Ein harter, riskanter Job blieb der Kohleabbau aber bis zum Schluss.

Wir bedanken uns beim Stadtarchiv Castrop-Rauxel für die Bereitstellung von Text- und Bildmaterial.

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