Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

»Vom Wasser sieht alles ganz anders aus!«

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Kanalrundfahrt mit einem Hafenmeister

»Kapitän Kerksiek an Herne Ost! Ich hab’ hier so’n nettes Mädel vom Stadtmagazin. Wir tuckern mal’n bisschen vor der Schleuse rum. Nich’ erschrecken!«

Ruhrgebietscharme in Vollendung

Bernd Palmowski hängt das Funkgerät ein, nimmt Gas weg und dreht nach Backbord ab, um dem ›netten Mädel‹ mit der Kamera die perfekte Schleusensicht zu gewähren. Ein paar Schnappschüsse, dann geht es weiter über den Rhein-Herne-Kanal. Gemächlich pflügt die ›Kapitän Kerksiek‹, das Schulschiff des AMC Castrop, durchs trübe Wasser. Am anderen Ufer ein Angler, umringt von einem Schwarm kanadischer Wildgänse. Dahinter ragen Industriebauten und Strommasten in einen leicht diesigen Sommerhimmel – Ruhrgebietscharme in äußerster Vollendung. »Die Welt vom Land aus betrachten, das kann jeder«, philosophiert Bernd Palmowski. »Aber vom Wasser, da sieht alles ganz anders aus. Und man erreicht Orte, die man ohne Boot nicht erreichen könnte.«

Wächter über 200 Liegeplätze

Der passionierte Hobbyskipper kennt die deutschen Kanäle wie seine Westentasche. Seit zehn Jahren bildet der Hafen am Kilometer 38 in Pöppinghausen den Ausgangspunkt für seine zahlreichen Touren, die ihn bis nach Holland oder an die Ostsee führen. Davor lag sein Kutter lange am Rhein. »Zu viele Fahrgastschiffe, zu viele Schubverbände. Das hat irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Hier genießt man mehr Ruhe.« Seit nunmehr drei Jahren wacht Bernd, wie ihn seine Vereinskollegen rufen, außerdem als einer von zwei Hafenmeistern über die großflächige Anlage mit den rund 200 Liegeplätzen. Und genau dazu wollte ich ihn heute eigentlich interviewen – wer hätte gedacht, dass daraus eine nette kleine Kanalrundfahrt werden würde?

Vom Kohle- zum Yachthafen

Mit routinierter Hand steuert der Rentner das Schiff nacheinander durch die beiden Hafenbecken des Castroper Automobil- und Motorbootclubs. Hier findet sich alles, was schwimmt, vom sportlichen Flitzer mit Außenborder bis hin zur 15-Meter-Luxusyacht. »Die meisten Leute wissen ja gar nicht, dass es so etwas in Castrop überhaupt gibt!« Der Emshafen diente früher als Schlepperhafen, ehe er Ende der 60er-Jahre vom AMC gepachtet wurde. »Später, als die Zechen dichtmachten, kam dann der König-Ludwig-Hafen hinzu, ein ehemaliger Kohleverladehafen der Deutschen Steinkohle AG.« Als Hafenmeister sind Bernd Palmowski und sein Kollege Werner Schlosser für alle möglichen und unmöglichen Belange der Vereinsmitglieder und Gäste verantwortlich, von der Liegeplatzvergabe und Einweisung neuer Besucher über die Instandhaltung von Vereinsheim und Sanitäreinrichtungen bis hin zum sogenannten ›Kranen‹: Wenn die Boote im Herbst aus dem Wasser geholt und aufgebockt werden. »Dann steht die ganze Meile voll.«

»Hat der Hafenmeister nix zu tun?«

Jetzt zum Sommerende liegen bereits einzelne Schiffe auf dem Trockenen und warten darauf, von ihren Eignern winterfest gemacht zu werden. Doch die meisten Boxen sind noch belegt. Hier genießt ein Ehepaar das warme Wetter bei einem Kaffee, dort ›rödelt‹ ein Mann an Deck herum. Tampen knatschen, Wellen schwappen leise gegen Bordwände. Verschiedene Hände heben sich zum Gruß. Man kennt sich, man hilft sich. »Hat der Hafenmeister wieder nix zu tun?«, ruft ein Yachtbesitzer scherzend zu uns herüber. »Der hat nie was zu tun, das weißte doch, Fritz!«, kommt die schlagfertige Antwort, und ich beginne zu ahnen, warum das Thema ›Binnenschifffahrt‹ für die meisten hier in Pöppinghausen so viel mehr als ein Hobby ist. Es ist eine Lebensweise. Und die macht nicht nur Arbeit, sondern vor allem glücklich.

Mini-Urlaub an Bord

»Früher haben meine Frau und ich freitagsmittags abgelegt und weg waren wir«, erzählt Bernd Palmowski. Er schmunzelt: »Heute machen wir das immer noch, nur muss ich dazu das Handy ausschalten, denn es gibt immer jemanden, der irgendetwas von mir will.« »Zwei Tage auf dem Schiff sind zwei Tage Urlaub«, bekräftigt Co-Hafenmeister Werner Schlosser. »Einfach mal rauskommen, entspannt vor sich hin schippern, die Landschaft langsam an sich vorbeiziehen lassen – mehr als zwölf km/h sind auf dem Kanal ja sowieso nicht erlaubt.« Für mich jedenfalls fühlt sich diese halbe Stunde an Bord schon wie ein kleiner Mini-Urlaub an. Fast habe ich vergessen, dass ich eigentlich zum Arbeiten hier bin …

Mehr zum Verein: www.amc-wassersport.de

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