Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Menschen

Das Schicksal geht seine eigenen Wege

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Im Gespräch mit Hasan Demirci

Wirtschaftswunderdeutschland in den 60er-Jahren. Wir alle kennen den Begriff des Gastarbeiters, der in dieser Zeit geprägt wurde. Was aber kaum jemand weiß, ist, dass damals nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche zu uns kamen – so wie Hasan Demirci. Gerade mal 15 Jahre war er jung, als er sich auf den Weg machte – ohne Eltern, ohne Familie, allein. Wobei, ganz allein war er dann doch nicht. Insgesamt waren es 76 junge Türken zwischen 13 und 15 Jahren, die sich vor gut 50 Jahren ins Ruhrgebiet aufmachten, um hier eine Ausbildung zu absolvieren. Eine Reise, die ungeheuer viel Mut und Entscheidungskraft voraussetzte …

Lehrlinge gesucht!

1964 machte in Anatolien eine aufsehenerregende Nachricht die Runde: Deutschland sucht Bergbaulehrlinge! Doch mehr, neben der Lehre wurde zudem die Option eines weiterführenden Studiums gegeben: zum Techniker, Steiger oder Bergingenieur. Auch der junge Hasan Demirci las davon in einem Aushang im Arbeitsamt seiner Heimatstadt Zonguldak an der türkischen Schwarzmeerküste. Nebenbei bemerkt ein Ort, in dem der Bergbau ebenfalls eine wesentliche wirtschaftliche Rolle spielte. Allerdings waren es keine guten Zeiten damals in der Türkei, die beruflichen Aussichten alles andere als rosig. Spontan meldete sich der 15-Jährige an, still und heimlich ohne jemandem davon zu erzählen.

»Ich musste meine Eltern bearbeiten«

Als nur wenige Wochen später sein Name auf der Liste der infrage kommenden Bewerber erschien, war es höchste Zeit, Farbe zu bekennen. »Ich musste meine Eltern bearbeiten, sie waren nicht begeistert, im Gegenteil!«, erinnert er sich. »Mit 15 allein in ein fremdes Land, das kommt gar nicht infrage!« so die Reaktion. Doch der Jugendliche war begeistert von dieser Chance und ließ nicht locker: »Hört euch das doch mal an!« Also ging die Familie schließlich gemeinsam zur Informationsveranstaltung. Die Jugendlichen würden in einer ›guten‹ deutschen Familie untergebracht werden, sie würden Deutsch lernen und neben der Lehre unter Tage und der dazugehörigen Berufsschule sogar die Chance bekommen, Bergbau zu studieren. Die letzte Option überzeugte die Eltern schließlich. Barg sie doch die Chance für Hasan, später als Ingenieur heimzukehren und sich eine gute Zukunft aufzubauen. »So war der Plan«, erzählt Hasan Demirci, »Lehre, Studium und dann zurück nach Hause. Es kam anders, das Schicksal geht seine eigenen Wege.«

Von Istanbul ins Ruhrgebiet

Bevor es konkret losging, mussten noch einige gesundheitliche Untersuchungen durchgeführt und Prüfungen absolviert werden. Schließlich wollten die anwerbenden Bergwerkgesellschaften sichergehen, dass die jungen Menschen die nötigen Voraussetzungen mitbrachten, um die schwere körperliche Arbeit auf der Zeche, aber auch alle weiteren, nicht zu unterschätzenden Herausforderungen zu meistern. Bei Hasan kein Problem: Er war gesund, war intelligent und begabt. Also fand er sich schließlich gemeinsam mit 75 weiteren ausgewählten Teenagern am Bahnhof in Istanbul ein, von wo aus die Reise in den neuen, aufregend unbekannten Lebensabschnitt startete. »Schon die dreitägige Zugfahrt war interessant«, berichtet er. »Ich war bis dahin ja nie aus meiner Stadt rausgewesen. Und ich fand sehr spannend, wie sich alles veränderte: die Landschaft, die Menschen, die Sprache. Alles wurde immer moderner, heller, voller.« Schließlich, am 24. November 1964, hielt der Zug in Essen. Von hier ging es weiter nach Dortmund-Huckarde und Marten, nach Datteln oder – wie bei Hasan und weiteren 26 ›Kollegen‹ – nach Castrop-Rauxel in das Pestalozzidorf ›Am Hasenwinkel‹ auf Schwerin: sein neues Zuhause.

Glückauf in Deutschland

Vor drei Jahren kam bei Hasan Demirci und einigen seiner damaligen Wegbegleiter die Idee auf, anlässlich des 50. Jahrestages ihrer Ankunft in Deutschland ihre Erlebnisse zu erzählen. Daraus entstand der Gedanke, diese Geschichten innerhalb einer Wanderausstellung bildlich darzustellen: das Projekt ›Glückauf in Deutschland‹, das Ende letzten Jahres auch in Castrop-Rauxel zu Gast war.
Weitere Informationen unter: vifdo.wordpress.com

»Ich spürte, ich gehöre dazu«

Das Pestalozzidorf ist eine Aufenthaltsform, die in den 50er-Jahren nach Ideen des Schweizer Pädagogen Heinrich Johann Pestalozzi entwickelt wurde. Junge Flüchtlinge, Kriegswaisen aber auch minderjährige Berufsanfänger sollten hier eine persönliche und betreute Unterbringung finden, die ihnen das Leben in einer neuen Umgebung, in einem neuen Lebens- und Arbeitsfeld erleichterte. Es handelte sich um eigens gebaute, geschlossene Siedlungen von Doppelhäusern, in denen je ein Ehepaar bis zu sechs Berglehrlinge versorgte und unterstützte. Hasan Demirci lebte zunächst bei Familie Lessmann, dann nach drei Monaten bei Familie Köhler. »Aus Altersgründen: Lessmanns konnten nicht mehr«, erklärt er. Es war eine neue Welt, äußerst strukturiert mit einem strengen Regelwerk. Um 22 Uhr hatten die Jungs zu Hause zu sein, danach wurde die Tür abgeschlossen. Eigener Haustürschlüssel? Gab es nicht. Also bitte pünktlich sein! Taschengeld: drei DM pro Woche – große Sprünge ließen sich damit nicht machen, vor allem wenn man bedenkt, dass allein das Porto für den wöchentlichen Brief in die Türkei 50 Pfennig betrug. Und doch hat sich Hasan Demirci sofort wohlgefühlt: »Was die anderen Jungen gedacht haben, weiß ich nicht. Aber ich spürte: Ich bin hier, ich gehöre dazu. Natürlich war man traurig, wenn ein Brief von zu Hause kam. Da hatte man schon mal Heimweh. Und auch der erste Heimaturlaub nach acht Monaten war nicht ganz leicht. Manche von uns sind sogar dort geblieben. Die anderen haben die Zähne zusammengebissen – so wie ich. Ich wollte diese Chance nutzen!«

Schule, Zeche, Fußball, ›Mensch ärger dich nicht‹

Wobei er sich seinen Alltag schon etwas anders vorgestellt hatte. Seine Vermutung war gewesen, dass hauptsächlich Schule und später Studium anstünden. Von wegen! Schicht von früh morgens 6 bis 14 Uhr, so sah der Tag aus. Auch später, als der Deutschunterricht hinzukam, musste auf der Zeche ordentlich angepackt werden: Nach vier Stunden Lernen standen weitere vier Stunden Feilen, Drehen und Hobeln auf dem Plan. Und doch gab es immer noch genügend Freiraum für Freizeit: für Tischtennis und Fußball mit den anderen Jungs in der Siedlung, für Kartenspiele und ›Mensch ärger dich nicht‹ in der Pestalozzifamilie. Schließlich, drei Jahre später (1967) schloss Hasan Demirci die Knappenprüfung erfolgreich ab. Das Vorhaben, direkt im Anschluss das Fachabitur zu machen und damit die Voraussetzung für das angestrebte Studium zu schaffen, wurde allerdings auf Eis gelegt: »Ein halbes Jahr lang habe ich die Aufbauklasse besucht, aber dann kam der Sommer, und es war heiß. Alle gingen zum Freibad, nur wir saßen im Klassenraum. Da dachte ich mir: ›Bist du dumm!‹, und ich habe die Schule abgebrochen.«

Liebe auf den ersten Blick

Mittlerweile gab es andere Lebensinhalte, standen nicht mehr nur Ausbildung und Beruf im Vordergrund. ›Schuld‹ daran hatte wohl auch Anne. 1968 lernte Hasan Demirci die 15-Jährige in der italienischen Eisdiele ›Milano‹ kennen, hier half er zeitweilig nach Schichtende als Kellner aus. Liebe auf den ersten Blick! Allerdings war es eine Liebe mit Hindernissen. Annes Eltern zeigten sich nicht besonders begeistert über den türkischen Freund ihrer Tochter und versuchten unter anderem mit Eisdielen- und Ausgehverbot, der Beziehung einen Riegel vorzuschieben. Vergeblich, die beiden gehörten einfach zusammen und nach vier Jahren durfte geheiratet werden. Allerdings sollte sich jetzt zeigen, dass auch Hasans Eltern ein Problem mit der Hochzeit hatten. »Ich schrieb nach Hause, dass ich heiraten würde, und im Gegensatz zu sonst kam auf diesen Brief keine schnelle Antwort. Im Gegenteil, ich musste lange auf eine Reaktion warten, und das machte mir klar, wie schwierig diese Situation für meine Eltern war. Da war auf der einen Seite mein sehr konservativer Vater, der eng mit den anatolischen Traditionen und seinem Glauben verhaftet war. Auf der anderen Seite wurde meinen Eltern wohl klar, dass ich nicht wie geplant irgendwann zurückkehren würde«, sagt Hasan Demirci. »Nach vielen Wochen schrieb mir mein Vater: ›Du, nicht ich, musst mit ihr glücklich werden. Aber ich weiß, wenn Anne in deinen Armen ist, wird sie glücklich sein. Meinen Segen habt ihr.‹ Das hat mich damals sehr berührt. Ich hätte nie gedacht, dass mein Vater so etwas sagen würde. Das zeigte mir, wie wichtig es ihm war, dass es mir gut geht.« Und selbst jetzt, 46 Jahre später, ist Hasan Demircis Stimme anzuhören, wie sehr ihn diese Worte nach wie vor bewegen.

»Was der kann, kannst du auch!«

Sein Fachabi und das Studium hat er dann doch noch durchgezogen. »Es kam damals ein türkischer Bergingenieur zu Besuch nach Castrop-Rauxel, um das deutsche Bergwerk kennenzulernen. Ich betreute ihn auf der Zeche und stellte fest, dass er unsere Arbeit nur aus Büchern kannte. Er wusste mit keinem einzigen Werkzeug etwas anzufangen – trotz Studium. Da dachte ich: ›Bist du etwa dümmer als er? Was der kann, kannst du auch!‹. Es hat mich so gewurmt, dass ich mit meiner Frau gesprochen habe und ihr sagte, dass ich doch wieder loslege.« Es folgte also über den 2. Bildungsweg das Fachabi in Datteln und schließlich das Studium auf der Bergfachschule für Technik in Dortmund.

Den Begriff Integration gab es damals nicht

Heute ist Hasan Demirci Rentner und blickt auf ein erfülltes Arbeitsleben zurück, auf viele Jahre als Steiger auf Erin und auf Zeche Westerholt in Gelsenkirchen – aber auch auf eine Zeit, die völlig anders war als die unsrige. »Heute ist ja Integration in aller Munde, das Wort gab es damals nicht. Auch wir waren anders als die heutige Jugend: selbstständiger, wir haben uns sogar unser Spielzeug selbst gebastelt. Es war schon aufregend, ich habe abenteuerliche Sachen erlebt.« Sein Sohn Deniz Demirci nickt: »Es ist wirklich etwas Besonderes, wenn man die Geschichten so hört. Das lässt sich kaum nachvollziehen.«

Buchtipp: Im Zusammenhang mit der Ausstellung wurde ein Buch herausgegeben mit ungeheuer lebendigen und lesenswerten Biographien und Rückblicken.
Glückauf in Deutschland
Herausgeber: Viktoria Waltz; Verein für Internationale Freundschaften e.V. Dortmund
Bestellbar beispielsweise unter buecher.de
9,90 Euro

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