Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

150 Jahre Erin

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Das schwarze Gold der grünen Insel

150 Jahre ist es her, dass auf Erin die ersten Kohlen gefördert wurden. Für uns ein willkommener Anlass, in die wechselvolle Geschichte des Bergbaus auf Castrops ›grüner Insel‹ einzutauchen …

Ein Ire im Ruhrrevier

Die Historie der Zeche beginnt mit einem Mann: William Thomas Mulvany (1806–1885) bereiste als Repräsentant einer irischen Investorengruppe erstmals im Jahr 1854 das Ruhrrevier und begeisterte sich für das unausgeschöpfte Potenzial der Region. Ein Jahr später siedelte er mitsamt seiner Familie nach Deutschland über. Es war ihm gelungen, erfahrene Ingenieure aus Nordengland für sein Projekt anzuwerben, und dank der modernen englischen Bergbautechnik entwickelten sich zunächst die Zechen Hibernia in Gelsenkirchen und Shamrock in Herne zu profitablen Bergwerken. Mitte der 1860er-Jahre richtete Mulvany den Blick gen Osten. Am 19. Februar 1866 gründete er die ›Prussian Mining and Iron Works Company‹ (›Preußische Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft‹). Wichtige Posten wurden mit Familienmitgliedern besetzt, die Geschäftsberichte in englischer Sprache verfasst. Mit dem vorhandenen Grundkapital von 800.000 Talern bzw. 120.000 Pfund Sterling erwarb die Gesellschaft unter anderem unerschlossene Grubenfelder auf Castroper Gebiet.

Kohlen wurden per Pferdeschleppbahn transportiert

Bereits Ende 1866 starteten die Abteufarbeiten für die Schächte 1 und 2 im Feld Heinrichsburg an der Karlstraße. Am 10. September 1867 kam es zur Konsolidation aller Grubenfelder unter dem Namen Erin (keltisch für ›grüne Insel‹: Irland) mit einer Berechtsame (Nutzungsrecht an bestimmten Grubenfeldern) von insgesamt 10,6 Quadratkilometern. Noch im selben Jahr erreichte man das Karbon bei 207 Metern Teufe und brachte die ersten Kohlen zutage. Das ›schwarze Gold‹ wurde zunächst per Pferdeschleppbahn zum Bahnhof Castrop der Köln-Mindener-Eisenbahn in Rauxel transportiert – die Trasse verlief parallel zur heutigen Bahnhofstraße. Da sich die geförderten hochwertigen Fettkohlen gut zum Verkoken eigneten, nahm 1870 eine Kokerei ihren Betrieb auf. Im gleichen Jahr erreichte die Förderung mit 569 Beschäftigten fast 88.000 Tonnen. Der unternehmerische Erfolg spiegelte sich auch im Lebensstil des Zechengründers wider: 1872 erwarb William Thomas Mulvany das altehrwürdige Haus Goldschmieding als Sommerresidenz für seine Familie und ließ einen Landschaftspark nebst Pferderennbahn anlegen.

Vom Pech verfolgt

Die Glückssträhne war jedoch nur von kurzer Dauer. Schon bald wurde die Zeche von einer Reihe von Katastrophen heimgesucht: Im Oktober 1871 forderte eine Schlagwetterexplosion im Flöz Mathias neun Todesopfer. Im April 1872 brachte ein Wassereinbruch die Grube zum ›Ersaufen‹. Bis 1874 kam es immer wieder zu Schlagwetterexplosionen, Wassereinbrüchen und Grubenbränden. Fast schien es, als werde Erin vom Pech verfolgt. Der zur selben Zeit einsetzende Preisverfall brach der Preußischen Bergwerks- und Hütten-AG schließlich das Genick. 1877 meldete die Aktiengesellschaft Konkurs an. Für Mulvany war die unternehmerische Tätigkeit im Ruhrrevier damit beendet. Das Bergwerk blieb zunächst in Betrieb. Dann schlug das Schicksal erneut zu: Im April 1877 musste die Grube infolge wiederholter Wasserdurchbrüche aufgegeben werden. Ein schwerer Schlag für Castrops Bergarbeiterfamilien, die in jenen Jahren bittere Not litten.

Neuanfang unter Grillo

1882 trat mit Friedrich Grillo eine der schillerndsten Gründerpersönlichkeiten des Ruhrreviers auf den Plan. Der Industrielle investierte umfangreich in die stillgelegte Zeche, ließ die ersoffene Grube sümpfen und alte Fördersysteme durch moderne Konstruktionen und Maschinen ersetzen. Auch die Tagesanlagen von Erin wurden unter seiner Verantwortung weiter ausgebaut: So entstanden u. a. eine Schmiede, eine Schlosserei, eine mechanische Werkstatt und eine Schreinerei, außerdem eine große Waschkaue, Beamtenbüros und eine Lampenstube. Im Sommer 1884 erfolgte – nach siebenjährigem Stillstand – die erste Förderung für den Selbstverbrauch. Ab Juli 1886 wurden wieder Kohlen von Castrop in die Welt versandt. Grillos Investitionen machten sich in relativ kurzer Zeit bezahlt.

Bier statt Limonade

Im November 1887 ging Erin in den Besitz der Gelsenkirchener Bergwerks-AG über. Durch die florierende Kokerei gelangte die GBAG an die Spitze der Kokserzeuger im Ruhrrevier. Das Unternehmen setzte den Ausbau des Bergwerks fort und konnte die Umsätze so noch einmal steigern: Weitere Schächte wurden abgeteuft, die Tagesanlagen noch einmal modernisiert. 1910 feierte man die Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes mit Lohnhalle. 1911 folgte die Einrichtung eines Milch- und Limonadenausschanks. Hier konnten sich die Kumpel nach einer langen Schicht stärken – wenn sie nicht auf ein ›Herrengedeck‹ in die nächste Kneipe zogen. Im Jahr 1913 erreichte die GBAG mit 625.560 Tonnen Kohle einen neuen Rekord. Die Belegschaftszahl lag zu dieser Zeit bei 2.475 Mann. Die meisten lebten in unmittelbarer Nähe der Zeche, weshalb auch der Werkswohnungsbau vorangetrieben wurde.

»Je moderner das Handwerkszeug, um so qualvoller für den Bergmann«

Während die Kohlehauer der Vergangenheit mit Spitzhacke und Schaufel zu Werke gingen, bewirkte die fortlaufende Modernisierung einen immer höheren Profit bei weniger Personal. Für die Arbeiter war dies nicht unbedingt von Vorteil. So berichtete der 1919 in Danzig angeworbene Hermann Suckau von menschenunwürdigen Bedingungen unter Tage: »Je moderner das Handwerkszeug wurde, um so qualvoller wurde es für den Bergmann.« Schmutz, Staub und Hitze, aber auch die mangelnde Hygiene waren für den jungen Mann, der eine kranke Frau und zwei kleine Kinder versorgen musste, nur schwer zu ertragen. Derweil wurde das Arbeitspensum immer höher geschraubt. »Eine Rücksichtslosigkeit sondergleichen war folgendes: Da in der Grube kein Pferdestall war, wurden die Pferde mit den Leuten gefördert. (…) Die Bergleute, die auf den Untersätzen waren, mußten nun den Segen der Exkremente über sich ergehen lassen. (…) Die davon Betroffenen waren naß, die Butterbrote aufgeweicht und ungenießbar.« Hermann Suckau schuftete rund dreißig Jahre auf dem Pütt, eher er – wie viele seiner Kollegen – wegen einer schweren Staublungenerkrankung in Rente gehen musste.

Kriegsjahre

Laufende Veränderungen auf Betriebsleiterebene taten dem wirtschaftlichen Erfolg keinen Abbruch. 1940 lag die Förderung bei 1.204.180 Tonnen. Und auch in den nächsten vier Kriegsjahren wurde die Millionenmarke geknackt, was allerdings nur durch Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern möglich war. 1945 kam der Betrieb auf Erin infolge von Bombenangriffen zum Erliegen. Im April wurde die Zeche durch amerikanische Truppen besetzt und kurz danach an die Verwaltung der britischen Militärbehörde übergeben. Die Förderung wurde im selben Monat wieder aufgenommen, dennoch sollte sich die Beseitigung sämtlicher Kriegsschäden noch lange hinziehen. Ab 1951 begannen die Abteufarbeiten für den Hauptförderschacht 7, der mit sieben Metern Durchmesser erheblich größer war als die alten Schächte und eine elektrische Fördermaschine erhielt.

Das Ende einer Ära

Im Januar 1969 wurden Zeche und Kokerei schließlich an den Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) verkauft, ebenso wie die benachbarten Zechen Lothringen und Graf Schwerin. Es sollte der letzte Besitzerwechsel in der wechselvollen Geschichte der ›grünen Insel‹ sein. 1973 konnte mit über 1,48 Millionen Tonnen die höchste Jahresfördermenge in der Historie von Erin erzielt werden. Auch die Kokserzeugung lag bei bis zu 750.000 Tonnen. Rund 3.000 Bergleute waren zu dieser Zeit auf dem Pütt beschäftigt. Dann führte die Stahlkrise zu immensen Absatzproblemen: Die nun schließenden Stahlhütten waren die wichtigsten Abnehmer der in Castrop produzierten Kokskohlen gewesen. So beschloss der EBV, sich nach und nach aus dem Bergwerksgeschäft zurückzuziehen. Am 23. Dezember 1983 ging mit der Stilllegung von Erin die mehr als hundertjährige Ära des Bergbaus in Castrop-Rauxel zu Ende.

Ein Bergmann erzählt …

»Dann waren wir auf der ersten Sohle gelandet. Ich gehörte zu Revier I. Im Gänsemarsch ging es nun der Arbeit entgegen. Nachdem wir so 20 Minuten gelaufen waren, kamen wir an einen Bremsberg (Abhauen). Diese Bremsberge gehören heute nur noch der Vergangenheit an. Ich musste am Bremsberg sitzen bleiben, bis der Steiger kam. Mit dem Steiger kam auch der Fahrsteiger. Fahrsteiger B. fordert mich auf mitzukommen. Wir gehen ein paar Schritte, und dann ist da so ein Loch. In dieses Loch verschwindet mein Herr Fahrsteiger. ›Kommen Sie nur immer nach‹, sagt der gute Mann. Hmm, denke ich, du hast gut Reden. Erstens war der Mann kleiner als ich. Zweitens war er an den Schein einer Benzinlampe gewöhnt. Drittens erwies sich dieses Loch als Fahrweg. Viertens war dieser Fahrweg höchstens 75 cm hoch und einen halben Meter breit, dazu noch 40 Grad einfallend. Der Schweiß drang mir schon aus allen Poren, dauernd stieß ich mit dem Kopf an die Holzbalken (Kappen). Die Luft war stickig und schlecht. Das Herz klopfte wie ein mit Preßluft betriebener Schmiedehammer.«
(Auszug aus ›Ein Bergmann erzählt aus seinem Leben‹ von Hermann Suckau, 1899–1970) 

Wir bedanken uns beim Stadtarchiv Castrop-­Rauxel für die Bereitstellung von Text- und Bildmaterial.

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