Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Menschen

Im Gespräch mit Steiger Schorsch

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Die Zeiten ändern sich

Heilige Barbara! Was hat der Mann alles zu erzählen ... Über 44 Jahre unter Tage und über die harte Arbeit, die den Kumpels alles abverlangte. Über den großen Zusammenhalt untereinander und über die mindest ebenso großen Herausforderungen, die das allmähliche Zechensterben mit sich brachte. Über seine Passion, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle textlich und musikalisch zu verarbeiten. Und über sich selbst: seine Kindheit in Bochum-Gerthe und sein Leben auf Schwerin. 81 Jahre ist Hans Georg Zimoch – der singende Steiger Schorsch – mittlerweile alt, doch ist ihm dieses Alter beim besten Willen nicht anzusehen und vor allem nicht anzuhören. Da kann es auch durchaus schon mal lauter werden beim Vortrag von Gedichten und Geschichten. »Oh ja!«, schmunzelt er selbst. »Erst kürzlich, als ich bei den Aufnahmen für den Aprilscherzfilm von CAS TV mitgemacht habe, hieß es von den anderen Beteiligten: »Ne, ne, der braucht kein Mikro!« Dabei begann sein Leben ungewöhnlich leise.

So fing alles an ...

Seine Mutter Anna, genannt Änne, stammte aus einer Bergarbeiterfamilie aus Dortmund-Dorstfeld. Bereits sie hatte keine leichte Kindheit: Krankheit des Vaters, kaum Geld, viele Sorgen und Nöte. Oft war das Jugendamt bei der zehnköpfigen Großfamilie zu Besuch und veranlasste schließlich, dass Ännes drei jüngste Geschwister in ein Kinderheim übergeben wurden. »Schon das Wort Jugendamt ließ meine Mutter später im Leben erzittern«, erzählt Schorsch. »Sie war katholisch erzogen, betete öfter am Tag und ließ sich, obwohl ihr viele den Hof machten, auf keinen Mann ein. Nach ihrer Ausbildung zur Kaltmamsell bekam sie mit einundzwanzig Jahren eine Stelle als Köchin im großen Hotel Wassermann in Münster. Schließlich gab es dann doch einen Mann, den sie erhörte: ein Gardeoffizier und der Heeresmusikchef der deutschen Wehrmacht. Später erzählte sie gern: ›Er sah toll aus in seiner Uniform, und es passierte dann gleich beim ersten Mal auf dem Liebeshügel in Telgte, östlich von Münster. Vorher hatte ich nie etwas mit einem Mann.‹ Von ihm wurde sie schwanger und bekam große Angst, weil sie nicht verheiratet und das erzkatholische, puritanische Münster ihr Zuhause war. Angst davor, dass das Jugendamt auch in ihrem Leben eine Rolle spielen könnte. Angst, dass sie als Mutter eines ›Bastards‹ sicher auch ihre gut bezahlte Arbeit verlieren würde. Also verbarg sie ihre Schwangerschaft vor der Hotelleitung mit übergroßer Garderobe, ging auch vorsichtshalber in der ganzen Zeit nicht zum Frauenarzt und sammelte Urlaubs- und Freitage für die Zeit ihrer Niederkunft. Im Juni 1936 nahm sie ihren Urlaub und fuhr zu ihrer Mutter nach Dortmund. Der Vater aber jagte sie aus dem Haus, weil er weiter Furcht vor dem Jugendamt hatte. Mit geplatzter Fruchtblase stand sie im Treppenhaus, wusste nicht wohin und wollte sich über die Straße in die Gartenlaube schleichen, da holte ihre Mutter sie unter Tränen doch in ihre Wohnung, wo Anna mit ihrer Hilfe einen 13,6 Pfund schweren Jungen zur Welt brachte. Schon eine Woche später, fuhr sie mit dem ›Dicken‹ – mit mir – wieder nach Münster.«

Der heimliche Säugling

Drei Jahre lang versteckte die junge Mama ihren Sohn oben unterm Dachgiebel des Hotels und versorgte ihn still und heimlich, unterstützt von den anderen Zimmermädchen. Drei Jahre lang, in denen der kleine Schorsch – um nicht entdeckt zu werden – möglichst nicht schreien, laut lachen oder plappern durfte. Schließlich wurde Änne durch eine Freundin auf die Heiratsannonce eines Bergmanns aus Bochum-Gerthe aufmerksam gemacht, der nach dem Tod seiner Gattin für sich eine Frau und für seine zwei Kinder eine liebevolle Mutter suchte. Es erschien ihr als perfekte Gelegenheit, ihrem Sohn ein ›normales‹ Familienleben mit Vater und Geschwistern zu ermöglichen. So ging es also zurück in den ›Pott‹.

Harte Zeiten, schwere Kindheit

Ein normales Familienleben und eine unbeschwerte Kindheit sollte der Kleine nicht erleben dürfen. Vom Stiefvater erfuhr er lediglich Ablehnung – »Er nannte mich nie beim Namen!« –, stand immer im Schatten der ›neuen‹, jüngeren Brüder. Auch Änne, bis zum ›Geht-nicht-mehr‹ überlastet von schwierigen wirtschaftlichen, kriegsbedingten und persönlichen Umständen sowie der stetig weiter wachsenden Familie, konnte ihm die nötige Zuwendung nicht so geben, wie sie eigentlich wollte. Andere Kinder oder Jugendliche mögen in einer solchen Situation scheitern, verstummen und nicht in der Lage sein, irgendwann auf eigenen Beinen zu stehen. Ganz anders Schorsch. Von klein auf unterstützte er die Mutter, wo und wie er nur konnte. Trug schon mit acht, neun Jahren tatkräftig zum Lebensunterhalt bei, indem er einem Bauern auf den Feldern half. »Hacken, beim Dreschen anpacken, Rüben verziehen … Oh, meine Knie! Für Zwei Mark Fuffzig am Tag! Irgendwann hatte ich 108 Mark zusammen, von denen wollte ich mir eigentlich ein Akkordeon kaufen. Das wurde aber nichts, meine Mutter brauchte das Geld, um uns Kinder satt zu kriegen. Oft sagten die Menschen zu ihr: Sie brauchen keinen Mann, Sie haben doch den Schorsch!«, erinnert er sich.

»Die armen Nachbarn!«

Ach ja, das Akkordeon. Es sagt viel aus über die große Leidenschaft des damaligen Bochumer Jungen. »Ich habe die Musikalität mit der Muttermilch eingesogen, und ich habe sie auch gemeinsam mit meiner Mutter ausgelebt«, erzählt er. «Wir haben zusammen gesungen, selbst wenn es nichts zu singen gab. Auf Hochzeiten, zu runden Geburtstagen, vor verletzten Lanzern – als Honorar gab es ein Stück Schinken auf die Hand. Überhaupt, ich war immer schon verrückt auf Instrumente. Auf dem Pütt damals habe ich mir meine erste Cantulia gekauft, dann eine Hohner, dann eine Trompete ... Und alle Instrumente habe ich autodidaktisch erlernt. Die arme Nachbarschaft! Auch später bin ich nie ohne Gitarre im Kofferraum zur Arbeit gefahren.« Womit wir beim Thema Pütt und beim jungen Bergmann Schorsch angekommen wären. Zielstrebig ging er hier seinen Weg, zuerst auf Zeche Lothringen (1951 bis 1976), dann als Steiger auf Erin und schließlich von 1983 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1995 auf Zeche Prosper Haniel. Mit Hand und Hirn! Anpacken konnte er immer schon, gar keine Frage. Aber vor allem hatte er Überblick, Koordinationstalent und Verantwortungsgefühl noch und nöcher. Und er hatte eine zweite große Leidenschaft: Geschehnisse und Erlebnisse textlich und – hier kommen beide Passionen zusammen – in Liedern zu verarbeiten. Mal sind es eigene musikalische Ergüsse, mal bekannte Melodeien, in denen er als singender Steiger Schorsch meist spontan, aus dem Bauch heraus sein Leben ›verwurstete‹:  schöne und traurige Momente der Arbeitswelt, harte Bedingungen und das ›An-die-eigenen-körperlichen-Grenzen-kommen‹, Kameradschaft und Freundschaft, Liebe und Familie ...

»Mit 81 merkst du: Es passiert so viel!«

Es gäbe noch viel zu erzählen aus Schorschs Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben: zahlreiche Anekdoten, die einen schmunzeln, aber auch immer wieder mal schaudern lassen. Seit 22 Jahren ist der Bergmann Hans Georg Zimoch in Rente, für den singenden Steiger Schorsch mit seiner Stimme und seinen Instrumenten, seinen musikalischen Momentaufnahmen und Zeitzeugnissen ist aber hoffentlich noch lange nicht Schicht am Schacht. Wir fragen: Wie ist das eigentlich? Viele Menschen schwärmen ja heute von den guten, alten Zeiten – was war besser, was schlechter und was genau hat sich verändert? Hans Georg Zimoch: »Mit 81 merkst du: Es passiert so viel! Früher saßen die Menschen dichter zusammen. Heute hört man in einer sechsköpfigen Familie kein Wort. Alle starren auf, tippen in oder wischen über ihr Handy. Die Affinität zu den Menschen fehlt, Empathie geht verloren. Das war früher anders! Damals zählte Nähe, war Nachbarschaft noch wichtig. Und selbst nach dem dicksten Zoff gab man sich irgendwann die Hand. Glauben Sie mir, ich habe mich mit meinem Nachbarn selbst öfters ordentlich in der Wolle gehabt. Aber wir gingen dann doch wieder aufeinander zu. Und die Arbeit – tja ... Damals meinten die Leute oft zu mir: ›Es ist laut, es ist staubig! Und ihr schwärmt von eurer Arbeit, wie man von einer Frau schwärmt?‹ Da sagte ich: ›Ja! Hier haben wir einen Wahnsinnszusammenhalt!‹ Das war es: der Zusammenhalt. Es war eine schöne, aber auch schwere Zeit. Und heute? Ich bin über jeden Tag froh, ich habe keine Angst vorm Sterben.«

Weitere Informationen zu Hans Georg Zimoch, zu seinen CDs und seinen Büchern: www.dersingendesteiger.com

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen0