Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Soziales

»Hier geht es ums Leben – bis zuletzt!«

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Kinderhospizdienst Ruhrgebiet e.V.

Es gibt Momente, da gerät alles aus dem Lot. Von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr, wie es war. Wie bei Dorothee Beckmann vor knapp drei Jahren. »Ich war im fünften Monat schwanger mit meinem vierten Kind und hatte einen Vorsorgetermin bei meiner Gynäkologin, zu dem ich meinen jüngsten Sohn mitgenommen hatte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, fühlte mich gesund, alles in Ordnung. Plötzlich meinte die Ärztin während der Ultraschalluntersuchung: ›Da stimmt was nicht.‹«

Aus den Fugen

Das kleine Herz hatte aufgehört zu schlagen. Eine absolute Schocksituation – auch für den dreijährigen Sohn. »Er hat gleich gespürt, dass da etwas aus den Fugen geraten war. Meine älteren beiden reagierten ebenfalls auf die Totgeburt. Meine Tochter stellte mir viele Fragen: ›Warum ist das Baby gestorben? Was ist da passiert?‹ Sie hat so das Geschehen zumindest ansatzweise verarbeitet. Der älteste Sohn ging an sich recht schnell wieder zur Normalität über. Bei dem Kleinen aber war es anders. Er hat viel geklammert, fragte immer, wenn ich mal wegmusste: ›Wann kommt die Mama wieder? Sie kommt doch wieder?‹ Es war eine schwere Zeit – für alle.« Bis Dorothee Beckmann irgendwann den Tipp bekam, sich vom Kinderhospizdienst unterstützen zu lassen. »Ehrlich gesagt war ich zunächst irritiert«, schildert sie ihre erste Reaktion. »Ich dachte, die sind doch eigentlich für die Zeit davor zuständig. Glücklicherweise habe ich dann aber doch den Kontakt aufgenommen. Das war eine gute, wichtige Entscheidung.«

Gesucht …

… werden ehrenamtlich Interessierte, die Zeit schenken können (vier Stunden pro Woche) und eigene Trauerprozesse gut bearbeitet haben.
Aufgaben:

  • Sie begleiten betroffene Familien im täglichen Leben, damit ihnen Zeit und Kraft für den Alltag verbleibt.
  • Sie verbringen Zeit mit dem erkrankten Kind und den Geschwistern und teilen Stunden des sich Wohlfühlens oder auch des Traurigseins.
  • Sie sind Gesprächspartner für alle Familienmitglieder, sie geben Raum für Sorgen, Ängste, Trauer und Hoffnungen.

In einer mehrmonatigen Schulung im Rahmen eines Befähigungskurses werden Sie vorbereitet. Hier werden Themen behandelt wie die Rolle der ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen in der Familie, der Umgang mit kranken und mit sterbenden Kindern, Nähe und Distanz, Spiritualität in der Begleitung und vieles mehr. Der Kinderhospizdienst Ruhrgebiet e.V. bietet den ehrenamtlichen Mitarbeitern/innen regelmäßige kollegiale Supervision und Fortbildungen sowie professionelle Unterstützung in ihrem Aufgabenbereich an.

Sicherheit und Gefühl für Normalität

»Natürlich macht die Begleitung lebensverkürzt erkrankter Kinder den Großteil unserer Arbeit aus. Zu unseren Aufgaben gehört aber auch die Unterstützung der Familie nach dem Verlust eines Kindes«, berichtet Birgit Schyboll, Vorsitzende des Kinderhospizdienst Ruhrgebiet e.V. »Gerade bei Geschwistern ist eine solche Unterstützung ungemein wichtig. Wie eben bei dem kleinen Sohn der Beckmanns. Im Alter von drei Jahren haben Kinder nicht den Wortschatz, um auszudrücken, was sie bewegt, ängstigt, was sie traurig oder wütend macht. Uns war klar, dass er und seine Familie Sicherheit und einen Raum für die Trauerbearbeitung brauchen.« Den ­älteren beiden standen Kindertrauerbegleiterinnen und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen zur Seite. Birgit Schyboll: »Die Vorgehensweise ist bei jedem Kind anders – je nach Alter, Persönlichkeit, Situation. Den größeren Kindern wurde die Möglichkeit zur Bearbeitung ihrer Trauer gegeben. Zusätzlich wurden die jeweiligen Interessen des Kindes berücksichtigt wie Fußball, Basteln oder auch Werken.« Dorothee Beckmann: »Für meine Kinder war das alles ungeheuer wertvoll. Sie durften mir davon erzählen, mussten aber nicht – ganz, wie sie wollten. Das konnte ganz unvermittelt zu einem späteren Zeitpunkt geschehen, beispielsweise wenn wir vor einer roten Ampel standen.«

Zeit schenken

Seit nunmehr 16 Jahren begleiten die ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen des Kinderhospizdienst Ruhrgebiet e.V. lebensverkürzt erkrankte Kinder, Jugendliche und deren Eltern auf dem Weg der kleinen und großen Schritte des Abschiednehmens. Hauptsächlich findet diese Begleitung im Alltag der Familie statt. Da sein, Zeit mit dem erkrankten Kind verbringen, vorlesen, spielen, erzählen, zuhören, gemeinsam schweigen … Es sind ganz unterschiedliche Aufgaben, denen sich die ­geschulten ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen stellen. Den Angehörigen wird so eine wichtige Entlastung geschaffen. Sei es, dass die Mutter die Zeit für Gespräche nutzt oder sich eine kleine Auszeit nehmen kann: um einkaufen zu gehen, Fenster zu putzen oder einfach nur zu schlafen.

Ferienhaus

»Wir haben immer wieder durch von uns begleitete Familien erfahren, wie schwer es ist, ein geeignetes Urlaubsdomizil zu finden, das auf die besonderen Anforderungen eingeht: barrierefrei, mit möglichst vielen Steckdosen, an denen medizinische Geräte angeschlossen werden können und vieles mehr«, berichtet Birgit Schyboll.
All dies bietet das Ferienhaus ›Gezeiten‹ in Norddeich mit zwei gemütlich eingerichteten Wohnungen – nur wenige Minuten vom Strand entfernt. Sogar ein Spezialbett ist vorhanden, so dass der aufwendige Transport des eigenen Krankenbettes entfällt.
Tipp: Das Ferienhaus ›Gezeiten‹ kann in den von Familien nicht genutzten Zeiten von allen interessierten Urlaubsgästen angemietet werden.

»Ich habe es mir schwerer vorgestellt«

Nicht jeder traut sich diese Arbeit zu, wie Birgit Schyboll nur allzu gut weiß: »Viele, vor allem unsere männlichen Ehrenamtlichen sagen anfangs: ›Wir packen gern mit an, leisten Hilfs- und Fahrdienste – kein Problem! Aber die Begleitung eines lebensverkürzt erkrankten Kindes und seiner Familie traue ich mir nicht zu, das geht mir zu nah.‹ Wenn sie aber im Zuge ihrer Tätigkeit in Kontakt mit den Familien kommen und strahlende Kinderaugen sehen, ändern sie ihre Einstellung und merken, dass sie es durchaus schaffen. Hatten sie vielleicht im Vorfeld die Assoziation ›hier geht’s ums Sterben der Kinder‹, so stellen sie im Laufe der Zeit fest, dass es genau anders ist: Es geht – auch und gerade in dieser herausfordernden Lebenssituation – ums Leben! Schließlich beginnt die Begleitung bereits ab der Diagnosestellung und kann daher über mehrere Jahre gehen.« Praktikantin Franziska, die seit einigen Wochen beim Kinderhospizdienst Ruhrgebiet e.V. ist, hat eine ähnliche Erfahrung gemacht: »Ich möchte eventuell soziale Arbeit studieren und habe bereits verschiedene Praktika absolviert, zum Beispiel in Kindergärten. Nun wollte ich die andere Seite sehen. Es ist wichtig, diese Aspekte des Lebens und der Arbeit mit Kindern kennenzulernen, und, ehrlich gesagt, habe ich es mir schwerer vorgestellt.«

Spenden

Die Begleitung des Kinderhospizdienst Ruhrgebiet e.V. ist für die betroffenen Familien kostenfrei und wird aus Spendenmitteln finanziert. Auch Sie können mit Ihrer Spende helfen.

Volksbank Sprockhövel
IBAN: DE83452615470019191919
BIC: GENODEM1SPO

Glückliche Momente schaffen

Wie ihr geht es vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern. Alle empfinden es als enorme Bereicherung, die Familien in ihrer besonderen Lebenssituation begleiten und unterstützen zu können. Mittlerweile besteht das Team aus mehr als 30 geschulten ehrenamtlichen Mitarbeitern/innen. Die Aufgaben wachsen stetig, so dass weitere ehrenamtliche Teamverstärkung gewünscht ist. Birgit Schyboll: »Bislang mussten wir glücklicherweise noch keiner Familie sagen: ›Wir können Sie nicht begleiten.‹ Die Anfragen wachsen aber. Die Anzahl lebensverkürzt erkrankter Kinder nimmt zu. Zu Beginn unserer Arbeit vor 16 Jahren wurde von einer statistischen Größe ausgegangen, dass etwa 23.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland von einer lebensverkürzenden Krankheit betroffen sind. Mittlerweile sind es über 40.000 in Deutschland und etwa 400 in unserem Tätigkeitsbereich, der sich in einem Radius von 30 bis 40 Kilometern um Witten definiert – darauf gilt es zu reagieren. Von daher möchten und müssen wir ehrenamtlich und personaltechnisch aufstocken. Uns geht es darum, Familien zu begleiten, zu entlasten und den Kindern glückliche Momente zu ermöglichen. Ebenso hilfreich ist der Austausch betroffener Familien untereinander.« Es sind kostbare Augenblicke, die den Familien so viel geben – auch im Hinblick auf ›die Zeit danach‹. So sagte eine Mutter nach dem Tod ihres Kindes: »Diese beglückenden Momenten und Erinnerungen sind uns heute ein hilfreicher Trost, mit dem wir weiterleben können.«

Ehrenamtlich Interessierte melden sich bitte unter Tel. 0 23 02 / 27 77 19.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.kinderhospizdienst-ruhrgebiet.de

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