Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Sport und Freizeit

Durchgeknallt!

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Ein Blogger geht Downhill

Wer ›Megavalanche‹ im Internet googelt, stößt auf Bilder von durchgeknallten Adrenalin-Junkies, die sich im Pulk mit ihren Mountainbikes verschneite Pisten hinunterstürzen. Der Massenstart in den französischen Alpen gilt als das längste und härteste Downhill-Rennen der Welt. Mittendrin: Florian Pätzold. So zumindest der Plan für 2017. Über www.rockster.tv lässt uns der Castrop-Rauxeler Blogger an seinen Vorbereitungen für das Extremevent teilhaben.

»Da willst du vor deinem 40. runterfahren«
»Ich hatte dieses absolut geile Video vom Start der ›Megavalanche‹ gesehen und beschlossen: ›Da willst du noch vor deinem 40. Geburtstag mitfahren!‹«, grinst der 39-Jährige, der auf den ersten Blick gar nicht wie einer von diesen überambitionierten Extremsportlern wirkt: kräftiger Körperbau, schwarzer Schlabberlook und Metal-Bart. Ein XL-Mann mit einem XL-Herzen. Letzteres hat der ›Rockster‹ unwiderruflich verloren – an ein ›steiles‹ Gerät mit schlanker Taille und scharfen Kurven. »Für Bikes hatte ich schon immer etwas übrig. Ich weiß noch, als Papa damals die Stützräder abmontiert hat und ich panisch dachte: ›Ich kann doch so nicht fahren?!‹ Doch irgendwann hatte ich den Dreh raus.« Er lächelt: »Das war so ein kleines, wildes, rotes Ding mit Rücktritt.« Der Beginn einer großen Leidenschaft, die bis zum Teenageralter anhielt, dann vorübergehend abkühlte, aber nie ganz erlosch. »Mit Mitte 30 fingen die gesundheitlichen Problemchen an. Also habe ich mein altes Rad aus dem Keller geholt. Daraufhin hat mir mein Arzt erst einmal Bluthochdrucktabletten verschrieben – ich kann jedem, der nach längerer Pause wieder anfängt, exzessiv Sport zu treiben, nur raten, sich vorab medizinisch durchchecken zu lassen.«

»Mein Bike ist mein Heiligtum«
Inzwischen ist Florian wieder topfit. Er fährt jeden Tag, bei jeder Witterung, überall da, wo es sich ergibt und – ganz wichtig – wo es erlaubt ist: auf Radrouten rund um das Haus Goldschmieding, durch das Castroper Holz, das Naturschutzgebiet Langeloh oder auf den Halden Hoheward und Hoppenbruch. »Ich gehöre zu denen, die Rücksicht nehmen und nicht mit Highspeed an Wanderern und Hunden vorbeipreschen.« Für spezielle Downhill-Trails reist Florian auch schon mal bis nach Dortmund, Witten oder Winterberg – mit ›Öffentlichen‹. Einen Führerschein hat er nicht. Dafür ist er inzwischen stolzer Besitzer eines schnittigen Enduro Mountainbikes mit 160 Millimetern Federweg. »Dafür habe ich mein ›MacBook Pro‹ abgegeben«, verrät der studierte Medienbetriebswirt: »Man könnte sagen, dass ich meine alte Liebe für meine neue Liebe verkauft habe. Und ich würde diesen Schritt jederzeit wieder tun!« Augenzwinkernd fügt er hinzu: »Mein Bike ist mein Heiligtum. Niemand darf es anfassen, es sei denn, ich erlaube es. Nachts parke ich es im Schlafzimmer, so dass ich es morgens als Erstes sehe und schon beim Aufwachen denke: ›Ja, ja, wir fahren gleich los.‹ Das hat etwas von einer Beziehung.«

»Dieses ›Rausballern‹ macht den Kopf frei«
Dass in dieser Beziehung auch schon mal ›die Fetzen fliegen‹, verraten die Sehnenrisse, Rippenbrüche, Prellungen und Platzwunden, die sich Florian Pätzold in fünf Trainingsjahren zugezogen hat. Aber einer wie er gibt niemals auf. »Dieses ›Rausballern‹ macht auf jeden Fall den Kopf frei. Aber auch ich muss ab und an meinen inneren Schweinehund überwinden. Mein Blog dient daher auch zur Kontrolle. Es fällt leichter, sich immer wieder neu zu motivieren, wenn Leute zugucken und nachhaken: ›Wie läuft’s?‹« Am Ende sitzt er aber doch allein im Sattel, kämpft sich allein über den Berg. Deshalb gibt er jetzt, rund zwölf Monate vor dem großen Finale, noch einmal richtig Gas. »Um Kondition aufzubauen und Gewicht loszuwerden, habe ich mir zusätzlich ein Rennrad zugelegt.« 20 Kilogramm sollen noch runter bis zur ›Megavalanche‹ im Sommer 2017. Auch ein Trainingslager in Frankreich ist geplant. Um sich an die Höhenluft zu gewöhnen. »Zum Vergleich: Die Halde Hoheward misst 150 Meter, der Pic Blanc in den französischen Westalpen rund 3.350 Meter. Beim Rennen werden vom Gipfel bis zum Ziel rund 1.600 Höhenmeter überbrückt.«

»Klar ist das total bekloppt. Aber es gibt immer Leute, die sind noch bekloppter«
Ist das nicht doch ein klitzekleines bisschen lebensmüde? »Ich habe immer schon ein extremes Leben geführt, nach dem Motto: ›ganz oder gar nicht‹. Ich will nicht mit 70 aufwachen und denken: ›Hättest du das damals nur gemacht.‹ Natürlich habe ich keine Ambitionen, Erster zu werden. Ich bin einfach froh, wenn ich beim Massenstart von 300 und ›ein paar Zerquetschten‹ als letzter Zerquetschter überhaupt da runterkomme.« Er lacht: »Klar ist das total bekloppt. Aber es gibt immer Leute, die sind noch bekloppter.«

Fahrräder für Flüchtlinge
Mobilität ist eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Nur wenn Geflüchtete in Deutschland die Chance bekommen, sich in ihrer neuen Heimat frei zu bewegen, können sie sich langfristig integrieren. Aus diesem Grund hat die Flüchtlingshilfe Castrop-Rauxel mit Unterstützung von Agora und ADFC eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge eingerichtet. »Wir setzen alte, gespendete Räder instand und verteilen sie an bedürftige Menschen«, berichtet Initiator Andreas Kemna. Zur Fortführung des Projekts sind die Ehrenamtlichen auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. »Wer ein ungenutztes Bike, Ersatzteile oder Werkzeug übrig hat, kann sich gern mit uns in Verbindung setzen.«
www.fluechtlingshilfe-castrop-rauxel.de


www.rockster.tv

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