Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Sport und Freizeit

Von der Draisine zum Drahtesel

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Die Geschichte des Fahrrads

Was ein Vulkanausbruch mit der Erfindung der Draisine zu tun hat? Muskelkraftbetriebene Gefährte waren schon im Mittelalter bekannt. Um Zugtierexkremente vor ihrer Haustür zu vermeiden, ließen die Herrschenden kleine Gartenwägelchen von Lakaien transportieren. Die Geschichte des modernen Zweirads beginnt mit der Erfindung eines gewissen Karl Drais. Der aus Baden stammende Forstlehrer meldete im Jahr 1817 in Frankreich das Patent auf eine selbst gebaute sogenannte ›Laufmaschine‹ an. Damit wollte er eine praktische Alternative zum bislang wichtigsten Transportmittel schaffen: dem Pferd. Seit 1812 hatte eine Serie von Missernten den Haferpreis in Deutschland in die Höhe schießen lassen. Auf den Ausbruch des Vulkans Tambora östlich von Bali folgte 1816 ›das Jahr ohne Sommer‹. Es kam zu einer Hungersnot, bei der viele Pferde verendeten. Die Draisinen bestanden vollständig aus Holz, inklusive der Reifen. Pedale und Kette waren in der Urkonstruktion noch nicht vorgesehen. Um vorwärts zu rollen, musste man sich mit den Füßen vom Boden abstoßen.

Flotter als die Postkutsche
Das Schlittschuhlaufen habe ihn zu der Idee inspiriert, schrieb Karl Drais später. Im Juni 1817 fuhr der Tüftler mit seiner Laufmaschine aus Mannheim zum Schwetzinger Relaishaus und zurück – mit 15 Stundenkilometern schneller als die Postkutsche. Die Nachricht vom flotten Gefährt aus Südwestdeutschland verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Europa. Handwerker bauten die Draisine allerorts nach. Sogar Rennen wurden veranstaltet. Da die Straßen zu jener Zeit holperig waren, wurde gerne auf die ebenen Gehwege ausgewichen. In ihrem Geschwindigkeitsrausch gerieten die Fahrer bald in Konflikt mit Fußgängern. So dauerte es nicht lange, bis die Zweiräder in verschiedenen Städten behördlich verboten wurden. Das Sinken des Haferpreises und der Aufstieg der Eisenbahn sorgten schließlich dafür, dass die Draisine aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand.

Gefährliche Angelegenheit: das Hochrad
Erst mit dem Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden wieder Laufmaschinen. Ein Meilenstein in ihrer Entwicklungsgeschichte war die Erfindung der Pedalkurbel. Um höhere Geschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometern pro Stunde zu erreichen, wurde das Vorderrad auf bis zu zwei Meter Durchmesser vergrößert. Als Fahrer thronte man hoch über dem Erdboden. So erforderte das Hochradfahren einiges Geschick: Zum Aufsteigen musste man Anlauf nehmen und auf den Sattel grätschen. Später half eine Fußraste. Dafür konnte mit einem einzigen Tritt eine Strecke von bis zu sechs Metern zurückgelegt werden. Die neuen Hochräder, die inzwischen aus einem Stahlgestell mit Stahlspeichen und Gummibereifung bestanden, fanden schnell Anklang bei den jungen Leuten in Frankreich, England und Deutschland. Autopionier Karl Benz soll ein Fan des Kurbelvelozipeds gewesen sein. Die Fahrt war allerdings nicht ganz ungefährlich: Viele Menschen stürzten aus der Höhe zu Tode.

Auf der Überholspur
Auf das Sturzrisiko beim Hochradfahren verweist der Name ›safety bicycle‹ für das spätere Niederrad, das wieder ›normalgroße‹ Räder hatte und mit Kettenantrieb funktionierte. Da Antrieb und Lenkung voneinander getrennt waren, fuhr es sich deutlich sicherer. Zusätzlich sorgte die Einführung des trapezförmigen Fahrradrahmens (›Diamantrahmen‹) für Stabilität. Der Luftreifen machte das Radeln noch ein Stück angenehmer. Anfang des 20. Jahrhunderts ermöglichte eine Beleuchtung durch Karbidlaternen die Fortbewegung auch nachts. Das ›Velo‹ hatte seinen Siegeszug auf der Überholspur begonnen: Aufgrund seines niedrigen Preises war es erschwinglich für die Massen. Arbeiter fuhren mit dem Rad zur Arbeit, und auch aus Sport und Freizeit war das Radeln nicht mehr wegzudenken. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: Gerade bei uns im Ruhrgebiet hat sich in jüngster Vergangenheit viel getan. Erste Teile des Radschnellweges Ruhr, einer ›A40 für Radfahrer‹, wurden bereits eröffnet. Was hoffen lässt. Vielleicht … Vielleicht wird der Traum vom entspannten Radeln auf Nostalgiepfaden ja doch noch wahr. Man muss kein ›Schnellfuß‹ sein, um daran Spaß zu haben!

© Foto: Wikimedia

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen