Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Menschen

»Nehmen Sie sich Zeit!«

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Im Gespräch mit Bürgermeister Rajko Kravanja

Donnerstagmorgen um 8 Uhr. Ein früher Termin, der einzige, den Rajko Kravanja spontan für uns ›freischaufeln‹ kann. Für ihn eine normale Arbeitszeit. Der neue Bürgermeister ist ein Frühstarter. Gut so, in den ersten Wochen im Amt liegt schließlich einiges an, zurzeit sowieso. Und dann noch wenige Tage bis Weihnachten … Womit wir beim Thema wären: Wir fragten Rajko Kravanja nach seinen Weihnachtswünschen – für sich und für die Bürgerinnen und Bürger Castrop-Rauxels.

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Weihnachten ist die Zeit der Muße. Je älter man wird, umso mehr lernt man die ruhigen Stunden mit der Familie zu schätzen. Mein Rat: Nehmen Sie sich diese Stunden! Es ist so wichtig in unseren hektischen Zeiten, in denen das Privatleben viel zu oft hintenansteht. Ich sehe dies auch bei den vielen ehrenamtlichen Helfern hier in Castrop-Rauxel. Sie wie ich kennen es nur zur Genüge, dass man zur Grillparty dazustößt und der Grill schon leer ist. Meine Empfehlung: Genießen Sie die Weihnachtstage zu Hause oder bei Freunden. Nutzen Sie die Gelegenheit, dabei sein zu können, ›wenn noch Würstchen da sind‹. Gespräche, Miteinander, Begegnungen – das sind wertvolle Momente.

Ihre Sicht auf 2015?
Es war ein ereignisreiches Jahr. Und ich bin im Rückblick unglaublich stolz auf die Castrop-Rauxeler. Auf ihre Offenheit und Souveränität. Darauf, wie sie mit ungewohnten, unbekannten Situationen umgegangen und auf andere, fremde Menschen zugegangen sind. Es ist nicht alles rosarot, was in den vergangenen Monaten geschehen ist. Aber das Engagement der Bürgerinnen und Bürger überstrahlt alles.

Worauf freuen Sie sich?
Castrop-Rauxel wie überhaupt auch die Kommunen haben es nicht leicht. Die Haushaltsmittel sind beschränkt. Umso stärker nehme ich wahr, wie wichtig unsere Vereine sind. Sie sind der Kitt unserer Gesellschaft, und ich freue mich darauf, im nächsten Jahr gemeinsam mit ihnen Ideen anzustoßen.

Überhaupt liegt mir daran, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Mir ist der Kontakt zu den Bürgern sehr wichtig, diesen Kontakt möchte ich unbedingt pflegen und ausbauen, zum Beispiel mit einer regelmäßigen Bürgersprechstunde auf dem Markt. Natürlich spielen heute auch andere Kommunikationsmittel eine Rolle. In sozialen Netzwerken wie Facebook oder WhatsApp ist die Hemmschwelle, mich anzusprechen, nicht so groß. Das finde ich gut, und ich antworte auch auf solche Anfragen – sofern mir zeitlich möglich – direkt und persönlich.

Was wünschen Sie sich und den Menschen in Castrop-Rauxel?
Vor allem Gesundheit! Früher dachte ich, wenn ich Politiker dies auf ähnliche Fragen antworten hörte: ›Typische Phrase!‹ Aber jetzt merke ich, dass mehr dahintersteckt. Gesundheit und Wohlbefinden sind Güter, die wir nicht beeinflussen können. Von daher können wir nichts anderes tun, als sie uns aus ganzem Herzen gegenseitig zu wünschen. Außerdem wünsche ich den Menschen Zeit – für sich, für ihre Familien und Freunde – und dass sie immer einen Traum vor Augen haben.

Wie sehen Ihre Hoffnungen und Pläne für 2016 aus?
Jeder sollte das tun, was auf der Hand liegt. Das kommende Jahr wird eine Herausforderung. Wir können nur bedingt und begrenzt planen, das gilt für die Flüchtlingssituation ebenso wie für die Finanzen. Ein Anliegen ist mir, dass wir eventuelle Ängste gegenüber Fremden abbauen. Dabei habe ich die Gewissheit, dass wir uns durch persönliche Begegnungen besser kennenlernen und feststellen werden: Es sind einfach nur Menschen. Das gilt längst nicht nur für Flüchtlinge. Es gibt viele, die unserer Hilfe bedürfen, ob sozial Schwächere, Obdachlose oder Kinder. Hier müssen unser Fokus breit und unser Herz offen sein: für alle!

»Du hast doch gar keinen dicken Bauch!«
So manche Castroperin, so mancher Rauxeler muss ihr bzw. sein bisheriges ›Bürgermeisterbild‹ zurzeit revidieren. So auch die Redakteurin, die zum ersten Mal in ihrem Leben einem Bürgermeister gegenübersitzt, der jünger ist als sie. Um einiges jünger.
Aber auch kleine Mitbürger staunen nicht schlecht, wenn sie den ›Stadtchef‹ zum ersten Mal sehen. Wie vor Kurzem beim Weltvorlesetag als Rajko Kravanja eine Kita besuchte, um den Knirpsen aus einem Buch vorzulesen. Die waren ganz aufgeregt, der Bürgermeister ist schließlich schon eine bedeutende Persönlichkeit. Und so fragten sie immer wieder: »Wann kommt er denn?« und »Wo ist der denn?«
Als er sich ihnen dann vorstellte, wollten sie es zunächst gar nicht glauben. »Du bist nicht der Bürgermeister! Der Bürgermeister ist dick und alt! Du hast doch gar keinen dicken Bauch!« Des Rätsels Lösung: Der einzige Bürgermeister, den die Kids bislang kannten, war der Bürgermeister aus ›Benjamin Blümchen‹. Jetzt sind sie schlauer.
Nebenbei bemerkt hatte vor einiger Zeit ein Politikwissenschaftler aus Passau herausgefunden, dass jene überaus beleibte und wenig beliebte Figur aus der angesagten Kinderbuchreihe durchaus mit der Politikverdrossenheit junger Menschen in Verbindung gebracht werden könne. Wie schön, dass die kleinen Castrop-Rauxeler hier jetzt ein anderes Bild vor Augen haben. Wir müssen uns also um die Politikverdrossenheit junger Europastädter wohl keine Sorgen mehr machen.

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