Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Lehren und Lernen

Starke Kinder

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Ein Tag an der Hans-Christian-Andersen Schule

Laute Musik, lachende Gesichter, trippelnde Füße. Doch plötzlich unterbricht die CD. Elf Zweitklässer erstarren wie auf Kommando und rufen aus vollem Hals: »Nein!« Stopptanzen mal anders. »Ich will die Kids erst in Schwung bringen, ehe wir gleich mit den Rollenspielen anfangen«, erklärt Präventionsexpertin Claudia Wieder. Im Zuge ihres mehrwöchigen Selbstbehauptungskurses an der Hans-Christian-Andersen Schule trainiert sie Förderschüler zu starken Kindern.

»Wer selbstbewusst ist, hat bessere Chancen«
Das durch die Gelsenwasser-Stiftung ›von klein auf‹ geförderte Konzept für die Klassen Zwei bis Vier ist nur eines von vielen verschiedenen Projekten im Jahreskalender der Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache in Deininghausen. »99 Prozent unserer Kinder wechseln nach dem Verlassen der HCA an eine allgemeine weiterführende Regelschule, meist die Sekundar- oder Gesamtschule. Da müssen sie sich im allgemeinen System behaupten. Wir wollen ihnen den Übergang erleichtern«, so Schulleiterin Rosie Uysal. Sie weiß: »Es erfordert Mumm, sich zu melden und zu sagen: ›Ich habe das nicht verstanden, erklären Sie  mir das bitte noch einmal!‹ Wer selbstbewusst ist und die eigenen Stärken kennt, hat bessere Chancen, die schulischen Anforderungen trotz Förderbedarf erfolgreich zu meistern. Darüber hinaus schützt sicheres Auftreten vor Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt.«

Streit auf dem Schulhof: Knirpse mischen sich ein
Wie man sich verbal gegen Streithähne wehren und bestimmt ›Nein‹ sagen kann, warum Körpersprache und Blickkontakt dabei ganz wichtig sind, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und dass man in kritischen Situationen auch seinem Bauchgefühl vertrauen sollte, all dies lernen die HCAler bei Claudia Wieser. Heute ist der vorerst letzte Termin des Klassenprojekts. Und dafür hat sie sich ein extraspannendes Rollenspiel ausgedacht. Die jungen Teilnehmer sollen sich gedanklich in eine Standardsituation auf dem Schulhof hineinversetzen: Ein Kind wird von anderen geärgert und muss ›gerettet‹ werden! »Ich höre oft: ›Da muss man helfen‹, aber gerade die Kleinen brauchen eine Anleitung, wie diese Hilfe überhaupt aussehen könnte«, so die Präventionstrainerin, die hauptamtlich beim Marcel-Callo-Haus beschäftigt ist. Josie hat eine Idee: »Hingehen und fragen: ›Was soll das? Warum macht ihr das?‹« Auch Antonia bringt einen guten Vorschlag: »Ich würde das Kind, das geärgert wurde, trösten.« Doch was kann man tun, wenn man sich nicht traut einzugreifen? Hier weiß Niklas Rat: »Den Lehrer holen. Oder Mama und Papa!« Denen kann und sollte man sowieso alles erzählen, was einen bedrückt. Als Vertrauenspersonen und Vorbilder ihrer Kinder werden die Eltern eng in viele Schulangelegenheiten einbezogen. So wurde im Vorfeld des Selbstbehauptungstrainings bereits ein Elternabend veranstaltet.

Sprachheilpädagogischer Unterricht
Als einzige Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sprache im ganzen Ost-Vest hat die Hans-Christian-Andersen Schule ein weites Einzugsgebiet. 77 Kinder aus Castrop-Rauxel, Datteln, Waltrop und Oer-Erkenschwick werden täglich mit Schulbussen nach Deininghausen gebracht, um hier in kleinen Klassen von speziell geschulten Sonderpädagogen betreut und entsprechend ihres besonderen Förderbedarfs unterstützt zu werden. »Es ist nicht etwa so, dass unsere Kinder kein  Deutsch sprechen, vielmehr liegt eine verzögerte oder gestört verlaufende sprachliche Entwicklung vor«, betont Rosie Uysal. »Dahinter steht oft eine mangelhafte auditive Verarbeitung von Sprache, das heißt, die Schüler nehmen Sprache nicht so genau wahr wie ihre Altersgenossen, können Gehörtem nicht so gut folgen und benötigen länger, um sich sprachliche Lerninhalte dauerhaft zu merken. Der Wortschatz ist meist reduziert, das Sprachverständnis eingeschränkt, was bei längeren und komplexen Formulierungen mit unbekannten Begriffen oder Nebensätzen zu Problemen führt. Beim Sprechen treten häufig Abweichungen in Artikulation und Grammatik auf: Da heißt es dann beispielsweise ›Täfer‹ statt ›Käfer‹ oder ›Ich Schule gehen‹ statt ›Ich gehe zur Schule‹.« Um diesen Beeinträchtigungen Rechnung zu tragen, werden an der HCA spezielle sprachheilpädagogische Unterrichtsmethoden angewandt. »Zum Beispiel: Jeder Buchstabe wird einzeln eingeführt, zudem arbeiten wir mit besonderen Hilfestellungen wie Lautgebärden und sprachlich (nicht inhaltlich) vereinfachten   Texten.«  Der Unterricht erfolgt nach den Richtlinien  und Inhalten der allgemeinen Grundschule. Allerdings ist die Schuleingangsphase (Klassen Eins und Zwei) so angelegt, dass sie es den Kindern ermöglicht, dort drei Jahre im gleichen Klassenverband zu bleiben.

Mit Herz und kreativen Konzepten
Da die HCA die gleichen Regularien wie herkömmliche Grundschulen erfüllt, ist ein Wechsel ins konventionelle System jederzeit möglich. »Als ›Durchgangsschule‹ haben wir die Aufgabe, sprachliche Entwicklungsverzögerungen auszugleichen und die Kinder fit zu machen für ihre weiterführende Schullaufbahn«, so Rosie Uysal. Diesem Ziel widmet sich die Rektorin mit viel Herz und unkonventionellen Konzepten. Kreative und persönlichkeitsbildende Angebote zur Ergänzung des ›normalen‹  Unterrichts haben hier einen hohen Stellenwert. Während sich Niklas, Josie und Co. in Selbstsicherheit üben, wird ein paar Türen weiter für das Weihnachtskonzert geprobt: ›In der Weihnachtsbäckerei‹, schallt es aus dem Klassenzimmer, untermalt vom Rhythmus der Steelpans. ›Ran an die Pan‹ heißt das Programm der NRW-Initiative ›Kultur und Schule‹ unter der Leitung von Künstler und Musiklehrer Werner Weidensdorfer, das von den Schülern der Klassen Drei und Vier begeistert angenommen wird. Gerne nehmen die Schüler  auch an  Trainingseinheiten mit Therapiehund Maggie, dem Theaterworkshop und dem  Trampolinspringen teil: Wenn es die Geldmittel zulassen, sollen diese beliebten Projekte im Jahr 2016 weitergeführt werden. Ein absolutes Highlight hat darüber hinaus im Monat November stattgefunden: Drei Förderkinder haben sich erstmals und mit Erfolg am stadtweiten Vorlesewettbewerb beteiligt!

»Der Aufbau von Selbstbewusstsein ist natürlich eine Lebensaufgabe«, weiß Präventionstrainerin Claudia Wieser. »Aber man kann schon jetzt einige positive Veränderungen bemerken: Selbst die schüchternen und stillen Kinder trauen sich inzwischen, bei den Rollenspielen mitzumachen.« Diesen Eindruck kann Rosie Uysal nur bestätigen: »Es tut ihnen gut! Die Kids merken unheimlich schnell: ›Ich kann was!‹«

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