Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Lehren und Lernen

Geschaffen für den Traumberuf

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Im Gespräch mit Erziehern

Ein fröhliches Tohuwabohu herrscht an diesem sonnigen Vormittag auf dem Außengelände des städtischen Familienzentrums ›Mikado‹ an der Bodelschwinghstraße. Rund 30 ›wild gewordene‹ Knirpse schwärmen über den Spielplatz aus, erobern das Klettergerüst, rutschen, schaukeln oder manschen mit nicht enden wollender Begeisterung im Sand. Das ist niedlich anzuschauen – und auch ganz schön laut und wuselig. Im Sommer des großen Erzieherstreiks wollen wir mehr wissen über die abwechslungsreiche, anspruchsvolle und anstrengende Arbeit im Kindergarten.

Eingebuddelt …
»Man ist eigentlich immer voller Essensreste, Farbe und Dreck«, lächelt Marvin Eickhold, einer von drei bei der Stadt angestellten männlichen Erziehern, der gerade von sieben Zwergen im Sand eingebuddelt wird und die Prozedur langmütig über sich ergehen lässt. »Die ›guten‹ Klamotten bleiben besser zu Hause«, bestätigt seine Kollegin Svenja Poclet mit einem Schmunzeln. Beide haben ihre Ausbildung vor einem Jahr abgeschlossen. Als Dritte im Bunde treffen wir Celine Nkoolo, die sich noch in ihrem Anerkennungsjahr befindet. Alle sind sich einig: »Für den Beruf musst du geschaffen sein.«

»Jeder Tag ist anders. Gerade das macht den Job so spannend.«

Bildungsdokumentationen für jedes Kind
Die sogenannte ›Arbeit am Kind‹ erfordert ständige Aufmerksamkeit, Empathiefähigkeit und viel Geduld – wenn der Becher zum fünften Mal umkippt oder ›Hänschen‹ partout nicht aufhören will zu brüllen. »Das kann man nicht lernen. Man hat es, oder man hat es nicht.« Dazu birgt der Kita-Alltag aber auch eine ganze Reihe Aufgaben, die konkretes erzieherisches Fachwissen voraussetzen: soziale Kontakte fördern, die sprachliche Integration unterstützen, individuelle Interessen aufgreifen, Impulse geben, kreative Gruppenangebote gestalten und nicht zuletzt schriftliche Bildungsdokumentationen für jedes einzelne Kind verfassen. Herausforderungen, so unterschiedlich wie die kleinen Charaktere in den bis zu 25 Kinder starken Gruppen. Jeder Tag ist anders. Gerade das macht den Job so spannend.

Hier wird ›spielend‹ deutsch gelernt
»Wir sind die Vorbilder, bei uns schauen sich die Kids ab, wie man isst, miteinander umgeht und sich sprachlich ausdrückt«, erklärt Marvin Eickhold. Da über 60 Prozent der kleinen Tagesgäste im ›Mikado‹ einen Migrationshintergrund haben, hapert es manchmal noch mit der Verständigung. »Beim Spielen lernen die Kinder aber meist schnell«, so der 22-Jährige. Ein Eindruck, den Einrichtungsleiterin Claudia Berg unterstreicht: »Wir haben hier schon einige positive Überraschungen erlebt: Dreijährige, die zunächst kein Wort Deutsch herausbringen und wenige Tage später plötzlich anfangen, ganze Sätze zu sprechen. Solche tollen Entwicklungen sind aber natürlich nur möglich, wenn die Personalsituation stimmt. Der Fachkräftemangel wirkt sich leider auch auf viele Kindertagesstätten aus. Durch die verhältnismäßig niedrige Bezahlung bei steigender Arbeitsbelastung ist der Erzieherberuf für viele junge Menschen wenig attraktiv.«

»Heute stehen die ersten Eltern um 6.50 Uhr vor der Tür, weil sie um 7 Uhr den Bus zur Arbeit erwischen müssen.«

Neue Inhalte, alte Rahmenbedingungen
Nicht die Kinder seien das Problem, betont sie. »Schuld an der Belastung sind äußere Faktoren: Wir haben heute wesentlich mehr Inhalte zu bewältigen als noch vor einigen Jahren. Doch die Rahmenbedingungen wurden nicht an die neuen Anforderungen angepasst.« Vieles werde von den Beschäftigten erwartet, ohne dass dafür personell aufgestockt worden sei, angefangen bei der U3-Betreuung über eine Ausweitung der Betreuungszeiten auf acht Stunden inklusive Mittagessen bis hin zu den Beratungs- und Bildungsangeboten für Eltern, die ein zertifiziertes ›Familienzentrum‹ stellen muss. »Als ich anfing, reichten die Kernzeiten von 9 bis 12.30 Uhr. Heute stehen die ersten Eltern um 6.50 Uhr vor der Tür, weil sie um 7 Uhr den Bus zur Arbeit erwischen müssen.« 2006 öffnete die erste Spielgruppe für unter Dreijährige. Inzwischen betreut das ›Mikado‹ rund 22 Kleinkinder, die Jüngsten kommen mit nicht mal einem Jahr. Sie wollen gewickelt, altersgemäß betreut und ernährt werden. Eine große Verantwortung für die Mitarbeiter! Ab wann darf feste Nahrung verabreicht werden? Welche Lebensmittel sind für Kleinkinder ungeeignet? Was tue ich im Notfall?

Mit Herz und Verantwortung
»Die Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder«, berichtet Claudia Berg. »Es ist ein echter Balanceakt, diesem Vertrauen gerecht zu werden, ohne die Kleinen in Watte zu packen. Schließlich sollen sie sich bei uns auch entfalten können.« Nichtsdestotrotz: Unsere Castrop-Rauxeler Erzieher lieben ihren Job. Celine Nkoolo, selbst Mutter, erzählt von Gesprächen mit befreundeten Elternpaaren: »Die fragen immer: ›Wie machst du das bloß? Wir verlieren schon die Ruhe, wenn wir uns nur um zwei Kinder kümmern müssen, und du musst gleich eine ganze Schar beaufsichtigen‹«, lächelt die 31-Jährige. Svenja Poclet kennt die Antwort: »Erzieher ist man mit Herz, das hat man einfach im Blut.« Marvin Eickhold ergänzt: »Wenn man live mitbekommt, wie toll sich die Kurzen entwickeln, wenn man sie lachen hört und das Strahlen in ihren Augen sieht, dann rücken alle Schwierigkeiten in den Hintergrund. Dann weiß ich, dass ich meinen Traumberuf gefunden habe.«

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