Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Menschen

Kohlenkind

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Klingelingeling ... Das Christkind ruft, die Tür geht auf, und Mamas hochrotes Gesicht lugt aus der Türe. Das Christkind ist – ja, na klar – inzwischen weggeflogen. Den ganzen Nachmittag hat es mit uns’rer Mama zusammen im Nebenzimmer Geschenke herbeigeschafft und liebevoll eingepackt. Wir Kinder spitzten die Ohren, weil das vielversprechende Rascheln einfach nicht zu überhören war. Der Papa versüßte uns den ewig langen Nachmittag mit den selbst aufgenommenen Tonbandliedern, nach deren Rhythmus wir Kinder uns auf der (und rund um die) Couch bewegten. Und wir durften die zauberhaften Weihnachtsgeschichten im Radio hören. Das beflügelte unsere Fantasie!

Das Allerschönste: Wir durften den Weihnachtsbaum schmücken, der Papa und die Kinder. Die Stube war warm und kuschelig, die Kugeln glitzerten, und – natürlich! – das Lametta war das Allerbeste. Und nebenan raschelte und knisterte es geheimnisvoll, immerfort. Dann gab es immer noch das Paket aus Süddeutschland von Oma, das wurde jetzt schon ausgepackt. Sie beglückte uns mit Mohnstriezel, echt ostpreußisch, und noch etwas Praktischem, zum Beispiel einer Liebestöter-Unterhose. Meine Schwester und ich, wir weinten vor Freude, der Papa auch, weil wir wussten, unsere Oma hatte doch eigentlich nur ganz wenig Geld.

Endlich, um Punkt 6 Uhr abends, klingelte also das Glöckchen. Die Türe öffnete sich – und uns Kindern blieb der Atem weg: Der Tisch mitten im Wohnzimmer war auf volle Länge ausgezogen und beladen mit den buntesten Geschenken und Köstlichkeiten, der bog sich fast, und sogar drumherum standen noch die herrlichsten Dinge: Puppenwagen und Kaufladen und, und, und – voll bestückt –, alles vom Christkind. Der allergrößte Augenblick vom ganzen Jahr! Wo hatten unsere Eltern bloß das Geld her? Sicher vom Munde abgespart.

Dies alles musste natürlich den Nachbarskindern gezeigt werden, unbedingt. Am Weihnachtstage danach kamen sie allesamt gucken – und auch sie bekamen große Augen. Später haben wir das nicht mehr gemacht. Wir kapierten, dass wir besser dran waren als sie. Wo sie doch unsere Spielgefährten waren. Die Gerda war meine beste Freundin. Sie hatte noch drei Schwestern, und ihr Papa arbeitete im Pütt, genau wie meiner. Uns’re Mutti erzählte uns Kindern, dass deren Mama wohl das meiste Geld an Weihnachten immer für die Verwandtschaft an der Ostsee ausgegeben hat. Und die eigenen Kinder gingen fast leer aus. Wir waren darüber traurig und wütend, und leidtaten sie uns auch. Ab und zu hab’ ich der Gerda was abgegeben. Da konnte ich nicht anders – ihre Freude darüber machte auch mich glücklich.

Ach ja, die herrlichen Winterzeiten mit viel Schnee! Wir legten uns mitten auf die Straße oder in den Hof und machten einen ›Engel‹, das war das Höchste: Flach mitten ›inne‹ Flocken reinlegen und dann mit den Armen rudern, das gibt die Flügel. Hinterm Haus eine Schneehöhle bauen, Schneeballschlachten auf dem Nachhauseweg (vor denen hatte ich richtig Angst, denn immer mich traf’s ins Gesicht, und meine Ärmchen hatten dem nichts entgegenzusetzen), rote Backen kriegen, in die warme Stube kommen, Lieder singen mit Mama (›Kindlein mein …‹). Ganze Kinderhorden rannten mit ihren Holzschlitten ausgestattet in die Grimbergstraße, da gab’s einen kleinen Abhang. Hinter unserem Haus hatten wir auch einen solchen, den nannten wir ›Hallengang‹. Mindestens zehn Schlitten wurden aneinandergebunden, und immer abwechselnd der erste musste die Schlange runterführen, ein kleines bisschen ging‘s auch von selbst. Der ›Hallengang‹ war sowieso der Spielplatz meiner Kindheit und auch der von den Nachbarskindern. Der Weg führte abwärts hin zu unseren Gärten.

Die Gärten! Wir hatten eine Wiese, Gemüse und Beeren. Hier lernte ich auch ein wenig Abenteuer kennen. Da ging’s nämlich den Berg rauf (auf die Halle), der – grusel, grusel – mit hohen Bäumen wie ein Wald bewachsen war, und droben, da ging’s erst richtig los. Da hingen wir am Drahtzaun und dahinter fuhren die Loks. Die dampften und zischten und beförderten die Kohlenberge an ihren Platz. Wohin genau, das blieb mir ein Rätsel. Da weiter hinten qualmten die riesigen Schlote, und die Stimmung war ganz atemberaubend. Ehrlich gesagt, so sehr oft war ich da ganz oben gar nicht, das schürte meine Angst, diese Welt war mir einfach unheimlich. Erst als ich so’n bissken größer war, traute ich mich das öfters mal. Und ganz wunderbar Verstecken spielen ließ es sich hier. Die Mama hatte im Garten ihre Wäscheleine gespannt, ihr Gejammer hab’ ich heut’ noch in den Ohren, wenn die weiße Wäsche, mühevoll mit der Hand geschrubbt, nach kurzer Zeit schon wieder überall voll war mit kleinen Pünktchen, schön schwarz und schmierig – von den ollen Loks da oben. Arme Mama!

»Pappa«, sacht die Mama, »du bis gez siebzehn Jahre im Pütt, im Dreck, arbeites schwer. Das wird Zeit, dass du da rauskomms. Die Omma sacht das auch.« Die Omma in Baden-Württemberg. Sorgt sich schon lang um ihr‘n Jung. Im Pütt, was ja schließlich eine ganz besonders gefährliche und schwere Arbeit ist. Zwar gut bezahlt, aber sehr hart, sehr hart. Die Omma also lebt sowieso ganz alleine nach der Flucht aus Ostpreußen im Krieg jetzt in einer Kleinstadt in BW. »Kommt doch endlich hier runter zu mir, ich besorg euch Wohnung und Arbeit.«

Als es dann Ernst wird, muss die Mutti ganz gewaltig schlucken, das entgeht nicht mal uns Kindern. Hat sie doch immerhin vierzig lange Jahre hier verbracht, ja ist sogar hier im Haus geboren. Aber alle um uns rum reden auf uns ein. Papas Schwester Elfriede und der Onkel Manfred, die schon eine ganze Weile in Stuttgart wohnen, kommen auf Besuch und so ist’s gar nicht zu vermeiden, dass sie uns natürlich überreden, die Ingi und ich verfolgen diese Gespräche mit großen Augen.

›Zeitenwandel‹ –  von dem versteh’ ich ja nun rein gar nix, so als ziemlich junge Göre – aber immerhin kann ich so weit folgen, dass, wenn wir nicht umziehen werden, der Paps keine Arbeit mehr haben wird und wir folglich nichts mehr zu essen.

Unser Schicksal ist besiegelt! Die Gitti wird nun also mitsamt der ganzen Familie das komplette bisherige Leben hinter sich lassen müssen – das Kohlenpottleben in der Funkestraße 6, alles Vertraute, unsere Kindheit, unsere Freunde und Schulkameraden, unsere Heimat! Wir ›machen weg‹!

Brigitte ›Gitti‹ Pfriender, geborene Schweighöfer, ist ein echtes ›Kohlenkind‹, geboren und aufgewachsen in den 50er- und 60er-Jahren in der Funkestraße auf Schwerin. Mit 13 zieht sie nach Baden-Württemberg, hier erhofft sich die Familie im Zeichen des Zechensterbens eine gesicherte Zukunft. Für Gitti ein Umzug in eine andere Welt: gepflegtes, sauberes ›Ländle‹ statt qualmender Schlote, Schwäbisch statt Ruhrpottdialekt. Aus Gitti wird mit der Zeit Brigitte. Eine Lehre zur Industriekauffrau, Heirat, eine Tochter, viele Freunde – Zuhause. Und doch, die alte Heimat lässt sie nie ganz los. Und da sie immer schon gerne geschrieben hat – unterhaltsame, humorvolle und durchaus auch tiefsinnige Geschichten und Reiseberichte – kam irgendwann die Idee, ja das Bedürfnis, ›ihre Geschichte‹ aufzuschreiben: die der kleinen Gitti aus der Funkestraße auf ihrem Weg zur großen Brigitte. Es sind Erinnerungen an schöne und traurige Momente, an wirtschaftlich schwere Zeiten. Erinnerungen an die Schule, in der Bergarbeiterkinder wenig gefördert wurden, und an das soziale Miteinander in der Siedlung, das leider häufig auch ein Gegeneinander war. Wir freuen uns, dass Brigitte Pfriender uns ihre Kohlenkind-Geschichte zur Verfügung gestellt hat, die wir hier in kurzen Auszügen veröffentlichen dürfen. Ein herzliches Dankeschön und Glückauf!

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