KULTUR

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Autorinnen, Schirmherrin Sonja Leidemann und Projektleiterinnen zum offiziellen Startschuss des internationalen Tagebuchprojekts im Ratssaal der Stadt Witten






Für das Gesamtprojekt (Buch, Autorinnentreffen, Ausstellung, kulturelles Beiprogramm in der Local-Hero-Woche) benötigen die Projektverantwortlichen noch finanzielle Unterstützung. Spendenkonto: Sparkasse Witten, Kto-Nr. 737, BLZ 45250035, Verwendungszweck: ›Projekt Frauentagebuch‹

›Von Rosa und anderen Tagen‹
– ein internationales Frauentagebuch

»Wir haben diesen Titel für unser Projekt gewählt, da das Wort ›Rosa‹ wunderbare Möglichkeiten des Wortspiels bietet«, erklärt Dr. Martina Kliner-Fruck, Leiterin des Stadtarchivs. »Rosa ist ein international gebräuchlicher Frauenname, und als Farbe bezeichnet Rosa eben die positive Sichtweise auf das Leben.«

»Von Rosa und anderen Tagen« ist ein seit 2008 laufendes Gemeinschaftsprojekt unter der Rubrik Twins2010 im Rahmen von Ruhr2010 – Kulturhauptstadt Europa. TWINS2010 ist eines von zehn Leitprojekten, um das kreative Potential der Partnerschaften zwischen der Metropole Ruhr und den Partnerstädten zu nutzen, um eine nachhaltige europäische Netzwerkbildung zu erreichen.
»Das Konzept des Frauentagebuchs schwebte schon lange im Raum«, sagt Dr. Kliner-Fruck, »im Rahmen des Projekts TWINS2010 erhielten wir erfreulicherweise für unser Konzept den Zuschlag und konnten dann Dank der begleitenden finanziellen Unterstützung das Frauentagebuch in Angriff nehmen.«
Projektverantwortliche sind außer Dr. Kliner-Fruck die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Witten, Maria Grote, Brigitte Koch vom Büro für Städtepartnerschaften und die Leitungen der Projektbüros in den Partnerstädten. Als Schirmherrin fungiert Bürgermeisterin Sonja Leidemann, die selbst auch eine Woche ihres Lebens schriftlich festhielt.

Das Frauentagebuch wird von 12 ausgewählten Frauen in Witten und jeweils zehn Frauen aus den europäischen Partnerstädten Barking and Dagenham (England), Bitterfeld-Wolfen (Ostdeutschland), Kursk (Russland) und Tczew (Polen) in insgesamt 52 Wochenprotokollen verfasst. Damit entsteht ein internationales Zeitdokument, das von Autorinnen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, Altersgruppen, Berufs- und Lebenssituationen in unterschiedlichen Kulturkreisen geschrieben wird. Jede Frau erhielt eine spezielle Kalenderwoche, die bewusst vom Organisationsteam ausgewählt wurde. »Wir haben hier zum Beispiel religiöse, nationale und auch lokale Festtage berücksichtigt«, erklärt Brigitte Koch. Geschrieben haben die Frauen vom 1. Juli 2008 bis zum 30. Juni 2009. »Wir haben jetzt fast alle Texte vorliegen«, so Dr. Kliner-Fruck, nun geht es an die Übersetzungen, das Lektorieren und so weiter.« So weit so gut und einfach, könnte man denken. Dass sich aber nicht jede Frau an die Vorgabe ›nur‹ zweieinhalb Seiten zu schreiben gehalten hat oder dass es andere Probleme geben kann, liegt wohl auf der Hand. Eine kleine Anekdote erzählt Brigitte Koch: »Eine britische Autorin hat so viele Schimpfworte verwendet, dass der Text beim Weiterleiten jedes Mal von der Firewall des Adressaten-Rechners abgelehnt wurde. Da wir die Texte aber auf keinen Fall ändern wollen, müssen wir uns für dieses, wenn auch kleines Problem noch etwas einfallen lassen.«

Vorerst sind eine deutsche und eine englische Ausgabe geplant, die im Rahmen der ›Local-Hero-Woche‹ vom 20. bis 26. Juni 2010 in Witten als Buchform präsentiert werden. Ein erstes Treffen aller Autorinnen in Witten ist damit verbunden. Eine begleitende Ausstellung mit Porträts der Chronistinnen in Bild und Wort, Lebensmottos der Frauen und der Darstellung der gesellschaftlichen Situation der Frauen in Witten und den Partnerstädten ist ferner geplant.

Die ›Rubriken‹, aus denen die Frauen ausgewählt wurden, sind in allen beteiligten Städten identisch. In Witten schrieben als Künstlerinnen Gabriele Voss und Jule Vollmer, als Haus- und Familienfrau Bettina Blecker-Junge, als Frau in einem (noch) klassischen Männerberuf Pilotin Jeannette Heiler, als Alleinerziehende und Erwerbstätige Bettina Nimz, als Migrantin Meral Özakdag, als erwerbslose Industriekauffrau Christa Hänel, als Studentin Birgit Weigelt, als Unternehmerin Iris Grasshoff, als Politikerin Christel Humme, als Rentnerin Ute Lange, als Bürgermeisterin und Schirmherrin Sonja Leidemann.

Ute Lange zum Beispiel dokumentierte die 43. Kalenderwoche 2008. »Ich habe noch nie Tagebuch geführt«, berichtet die ehemalige Verwaltungsangestellte und Kommunalpolitikerin, »das einzige, was ich einmal besaß und ›führte‹, war ein Poesiealbum. Für mich war Tagebuch zu schreiben also absolutes Neuland.« Ute Lange brauchte auch kurze Bedenkzeit, ob sie denn teilnehmen würde, »aber ich bin für alles Neue zu haben, deshalb machte ich mit.« Sie hat jeden Abend ihrer Woche den Tag auf handgeschriebenen Zetteln dokumentiert. »Eine Freundin hat mir dann geholfen, meine Ausführungen auf dem PC zu schreiben.«

Bettina Blecker-Junge wurde eine ganz außergewöhnliche Woche zugeteilt, sie schrieb über die sieben Tage, vom 29. Dezember 2008 bis zum 4. Januar 2009, ›zwischen den Jahren‹. »In dieser Zeit ist man so ganz aus dem normalen Alltag gerissen, erzählt die zweifache Mutter, »etwas Altes hört auf und etwas Neues beginnt. Zuerst fand ich es schwierig, diese Zeit zu beschreiben. Blecker-Junges feierten natürlich Silvester, hatten Besuch, verreisten selber. »Mein Mann, der meinen Beitrag als erster lesen durfte, kommentierte schmunzelnd: ›Irgendwie kommt es mir vor, als hättest Du nur gekocht und Hörspiele im Radio gehört‹«, erzählt Bettina Blecker-Junge. Als Jugendliche hat sie auch Tagebuch geführt, diese Zeilen waren natürlich streng geheim. Ihr Wochenprotokoll des Jahreswechsels hat sie aber den erwähnten Menschen zu lesen gegeben, »um ihr Einverständnis einzuholen, in meinem Protokoll erwähnt zu werden.«

Jule Vollmer erhielt die Woche vom 8. September bis zum 14. September 2009. »Der erste Tag meiner Aufzeichnungen war der letzte Tag der Zwiebelkirmes«, erinnert sich die Künstlerin, »ich habe jeden Tag Stichpunkte meiner Erlebnisse aufgeschrieben und sie dann erst zehn Tage nach Ablauf meiner Woche in Sätze gefasst, damit ich nicht zu ausschweifend über meine Erlebnisse berichte. Nach zehn Tagen konnte ich dann Wichtiges von Unwichtigem filtern.« Jule Vollmer schrieb zügig, zeigte den Text niemandem und schickte ihn sofort an das Organisationsteam. »Ich wollte ehrlich sein, hätte ich meinen Bericht immer und immer wieder gelesen, hätte ich vielleicht zu viele ›Schönheitskorrekturen‹ vorgenommen.« Für alle beteiligten Autorinnen war es schwer, den Mittelweg zwischen zu viel Intimität und dem realen Bild ihres Lebens zu finden. Bettina Blecker-Junge: »Schwierig war es zu entscheiden, was will ich von mir preisgeben und trotzdem noch zu zeigen, wofür ich stehe.«

Die zwölf Wittener Autorinnen haben durch das Projekt den Weg zueinander gefunden. Mittlerweile treffen sie sich reihum im privaten Rahmen.

»Wir entdecken zusammen mit den Autorinnen wie spannend und vielfältig der Alltag von Frauen sein kann«, stellt Brigitte Koch fest. »Ich bin freudig überrascht, wie harmonisch die Wittener Gruppe agiert«, ergänzt Dr. Martina Kliner-Fruck, »diese Netzwerke, die hier entstehen, wünsche ich mir auch für die Mit-Autorinnen in den Partnerstädten.«
nm

Artikel von S. 50 in Ausgabe 62 (07.2009)

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