KULTUR

Zur neu-gestalteten Stadtmagazin-Webseite
(seit 2010 erscheinen dort alle neuen Inhalte)

Synagogen-Mahnmal, Wolfgang Schmidt, 1994, Breite Str./Synagogenstr.






Manfred H. Wolff, Detlef Thierig, Harald Kahl
Skulpturen, Brunnen
und Male in Witten
Herausgeber:
Wittener Bild-Buch-Gesellschaft bR
Verlag: Strohdehner Presse, Berlin 2006, ISBN 3-9810105-9-0
19,80 Euro

Menschen, Tiere, Abstraktionen
Wittener Skulpturen
Vortrag mit Bildern
von Manfred H. Wolff, Detlef Thierig, Harald Kahl
Unter Mitwirkung von
Klaus Lohmann

Veranstalter
Buchhandlung Krüger
Ort: Bahnhofstr. 30 · 58452 Witten
Zeit: 1. Februar 2007, 20.00 Uhr
Der Eintritt ist frei






Kunstsinnige Autoren
Prof. Dr. Manfred H. Wolff
Bereits früh fand der Leiter des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Manfred H. Wolff, über das Theater zur Bildenden Kunst. Der Vorsitzende des Kunstvereins Witten e.V. hat sich als Initiator, Publizist und Juror um die Kunstszene verdient gemacht.

Dr. Detlef ThierigAls Vater einer Bildhauerin entwickelte Dr. Detlef Thierig, vor seinem Eintritt in den »Unruhestand« Leiter der chemischen Labore bei den Edelstahlwerken, eine besondere Beziehung zur Kunst. Nicht nur in der Ruhrstadt hielt der Begründer der Wittener Kunstgespräche Vorträge über Zeit und Kunst, brachte sich für einige Jahre als Vorsitzender des Wittener Künstlerbundes ein.

Harald KahDer 1951 geborene Bildhauer Harald Kahl schöpft aus seinem ureigenen Metier.
Neben seinem Wirken als Kunsterzieher gestaltet er freischaffend Ausstellungen, Kunst am Bau und Projekte im öffentlichen Raum.

Skulpturen, Brunnen
und Male in Witten

Stadtbekanntes erstmals dokumentiert

Ins Blickfeld rückt die zum Jahresende 2006 erschienene Dokumentation, was im Alltag oftmals unbeachtet bleibt, zeigt eine »Kunst ohne Dach«, im städtischen Getriebe oftmals flüchtig übersehen oder an stillen

Germania, Baurat Klutmann, 1877, Karl-Marx-Platz
Germania, Baurat Klutmann, 1877,
Karl-Marx-Platz

Plätzen im verborgenen einen Dornröschenschlaf schlummernd.
Dem Autorenteam stellte sich die Frage, was Witten in künstlerischer Hinsicht überhaupt zu bieten hat, gibt es doch mit Ausnahme der Sammlung moderner Kunst des märkischen Museums in der Stadt keine systematischen Sammlungen. So erschien es ihm reizvoll und lohnend, herauszufinden, was der öffentliche Raum aufzuweisen hat. Auf unzähligen gemeinsamen und auch einsamen, oftmals etwas beschwerlichen Spaziergängen entdeckten die Autoren die zum Teil verborgenen Schätze.

Eine für die Stadt bedeutende Dokumentation hat das Trio vorgelegt. Die einleitenden Zeilen der Bürgermeisterin charakterisieren die banale Wirklichkeit ebenso wie den Wert der Arbeit trefflich. So hegt Sonja Leidemann nicht unbegründet den Verdacht, dass sich die meisten Menschen an die Kunst im öffentlichen Raum gewöhnt haben, ohne sie wirklich zu kennen. Den Autoren bescheinigt sie eine einzigartige Entdeckungsreise. »Sie schärfen den Blick auf Neues, Vergessenes und Unbekanntes, ... gehen sogar einen Schritt weiter und geben Impulse für neue kreative Prozesse.«

Kunst im öffentlichen Raum

Germania, Baurat Klutmann, 1877, Karl-Marx-Platz
Germania, Baurat Klutmann, 1877,
Karl-Marx-Platz

Der Gestaltungswille und seine Artefakte auf Straßen und Plätzen unterlagen im Lauf der Geschichte vielfältigen Wandlungen. Das Buch führt durch die Jahrhunderte, vollzieht den Weg der Kunst in der Öffentlichkeit nach, von der Markierung der Plätze durch Brunnen und Skulpturen über den Alltagsbezug, den Rodins Schaffen erstmals hergestellt hat, bis zur Skulptur in der Landschaft, der Umgestaltung der Landschaft durch die Skulptur. Dabei verlieren sich die Ausführungen bisweilen in der Kunstwelt, wird einordnend Markantes im Ruhrgebiet und weit darüber hinaus betrachtet.
Grenzen ziehen die Autoren zwischen der Kunst, geprägt von Freiheit, Individualität, Originalität und innovativer Kraft, auf der einen und dem Kunsthandwerk, dem Design, der Präsentation technischer Gebilde auf der anderen Seite. Sowohl die Baukunst als zweckgebundene Gestaltungsform als auch die Kunst am Bau als zweckdienlich-dekoratives Element stehen nicht im Fokus der Betrachtung. Nicht eben konsequent dokumentieren sie auch das missbilligend Ausgegrenzte.

Plastiken im Raum, Volkmar Haase, 1975, Saalbau Bergerstr.
Plastiken im Raum, Volkmar Haase, 1975, Saalbau Bergerstr.

Mit wissenschaftlicher Akribie werden die Titel gebenden Werkgruppen gegeneinander abgegrenzt, auch im Detail manches definiert und klassifiziert.
Raumkunstwerke – Plastik oder Skulptur?

Brunnen, Peter Lechner, 1976, Berliner Platz
Brunnen, Peter Lechner, 1976,
Berliner Platz

Gründlich setzen sich die Verfasser mit den Begriffen auseinander. Plastizieren mit formbaren Materialien, Behauen von Stein oder Holz – das kann man unterscheiden. Kaum einzuordnen sind jedoch manche neueren Techniken. Zudem sind im allgemeinen Sprachgebrauch die Grenzen fließend geworden. Wissenswertes erfährt man über die Wirkungsweisen der Objekte, die Bedeutung des Aufstellortes für das Erleben subtiler Raumerlebnisse.
Historische Arbeiten sind rar in Witten. Die meisten Skulpturen im Stadtgebiet, so ein Ergebnis der Dokumentation, entstanden in den letzten vierzig Jahren. Befreit von Machtdemonstration und Ideologie sehen die Autoren die jungen Werke, haben jedoch sehr wohl Gegenteiliges aus der Vergangenheit aufgespürt. Eine erstaunliche Bandbreite künstlerischen Schaffens wird in der Zusammenschau offenbar.

So ergeben sich bereits erhebliche Kontraste aus Materialwahl und Arbeitsweise, stellt man etwa Volkmar Haases aggressive »Plastiken im Raum« den sanften Höhlungen der »Waldplastik« Winfried Stuhlmanns gegenüber. Haases Arbeiten von 1975 aus blanken, bizarren Edelstahlformen finden sich hinter dem Saalbau, Stuhlmanns weiße Verwindungen aus verputztem Mörtel, entstanden 1992, am Institut für Waldorfpädagogik auf dem Annener Berg.

Esel, Sackträger-Brunnen und Zwergenkönig Goldemar
links oben: Esel, Bettina Thierig, 1992, Eselsmarkt Hellweg/Oberkrone
links unten: Sackträger-Brunnen, Baur/Marmon/Buresch, 1912/1990,
Heilenstr.
rechts: Zwergenkönig Goldemar, Almut Rybarsch, 2001, Meesmannstr./Vormholzer Str.

Provokant minimalistisch ist der »Kubus« von Harald Kahl. Den signifikanten Betonquader schuf der Mitautor 1996 auf einer Anhöhe nördlich der Schlachthofstraße, nötigt zur geistigen Auseinandersetzung. Gegenständliches wie das bekannte »Böckchen« am Stadtpark reizt eher zu Berührungen. 1992 bereicherte Bettina Thierig Heven mit ihrem Bronze-»Esel« und gab dem Eselsmarkt damit greifbare Identität.

Skulpturen, Gegenständliches und der Rest – so untergliedert das kundige Trio diese Werkgruppe, versteht unter dem Rest Design und Kunsthandwerkliches, nicht zuletzt »die liebenswürdig-dümmlichen Betonfiguren«, wie Detlef Thierig sie zurückhaltend bezeichnet. Der Heimatgeschichte verbunden ist dagegen die Zementfigur »Der Zwergenkönig Goldemar« an der Meesmannstraße in Herbede, 2001 geschaffen von Almut Rybarsch. Auf rostig-stählerner Stiege angeordnet, kommt dem Unikat mit lokalem Bezug ein anderer Stellenwert zu. Sie erinnert an den bösartigen Gnom, der im 14. Jahrhundert auf Burg Hardenstein sein Unwesen getrieben haben soll.

Waldplastik, Winfried Stuhlmann, 1992, Annener Berg
Waldplastik, Winfried Stuhlmann,
1992, Annener Berg
Das belebende Element des Wassers

Einen historischen Exkurs widmen die Autoren auch den Brunnen, zeigen die Entwicklung vom Zweck- zum Kunstbrunnen auf. Als Lebensquell laden sie zum Verweilen. Nicht alle werden dem künstlerischen Anspruch der Verfasser gerecht. Deren Ausführungen widmen sich nicht nur dem lokalen Bestand, sondern auch dem Reichtum technisch denkbarer Varianten und Möglichkeiten.
Der »Sackträger«, auch eine Figur mit heimatkundlichem Bezug, entstand 1912 und fand erst mit dem Brunnenunterbau 1990 an den heutigen Standort in der Heilenstraße. Seit 1976 prägt dagegen der Brunnen von Peter Lechner den Berliner Platz. Das Wassermobile aus lackierten Stahlröhren musste bereits einmal renoviert werden und präsentiert sich heute in veränderter Farbgebung.

Denkmale – Mahnmale – Grabmale

Die Ästhetik des Erinnerns, den Kampf gegen Vergessen und Verdrängen erkennen die Verfasser in diesen Ausdrucksformen. Befrachtet mit Symbolen, versehen mit Inschriften, die Politik und Zeitgeist widerspiegeln, benötigen sie nach Auffassung der Autoren der Ausdeutung für den heutigen Betrachter.
Ebenfalls dokumentiert ist die Kunst der Friedhöfe, Ausdruck persönlicher Jenseitsvorstellungen oder großbürgerlichen Geltungsbedürfnisses. Der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wird gedacht mit inszenierter Materialisierung von Erinnerung im Stadtbild. Die Heroisierung noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, markant verkörpert in der »Germania« aus dem Jahre 1877 auf dem Karl-Marx-Platz, hat sich zum Leidensbild gewandelt oder ist schlichter Symbolik gewichen. Beispiel hierfür ist das »Synagogen-Mahnmal« an der Breite Straße, gestaltet 1994 von Wolfgang Schmidt, aus rostig-stählernen Schrifttafeln.

Kubus und Kriegerdenkmal
links: Kubus, Harald Kahl, 1996, Hügel Schlachthofstr.
rechts: Kriegerdenkmal, unbekannt, 1868, Wachholderstr.

Was ist wo? – Was könnte sein?

Um dem Leser das Auffinden der 78 Objekte zu erleichtern, Rundgänge zu ermöglichen, stellen die Autoren für das in vier Bereiche aufgeteilte Stadtgebiet Karten mit bezifferten Markierungen zur Verfügung.
Das eine oder andere vermissen Wolff, Thierig und Kahl noch im Stadtbild, z.B. einen Brunnen von hoher künstlerischer Qualität auf dem zentralen Rathausplatz. Die Umsetzung unrealisierter Projekte, etwa an der Ruhrbrücke, mahnen sie an, rügen zugleich das Übermaß der allgegenwärtigen Betonfiguren. Schließlich reklamieren sie den Mangel an pädagogischen Ansätzen, wünschen sich erläuternde Hinweistafeln an manchen Objekten sowie Führungen für Schulklassen zu den Mahnmalen. masc
Artikel von S. 6 in Ausgabe 47 (01.2007)

zum Seitenanfang | Inhaltsverzeichnis | andere Stadt / Home | Impressum

Archivierte Beiträge
Rubrik: In der StadtKulturKulinarischesSport & Freizeit
Bauen & WohnenHeiteres & BesinnlichesWissenswertes