WISSENSWERTES

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oben: Glasdoktor aus Witten: Dr. Friedrich Otto Schott (17.12.1851–27.08.1935)

unten: Die Grabstelle der Eltern und eines Bruders von Otto Schott ist die letzte authentische Verbindung der Stadt Witten zu ihrem berühmten ,Sohn‘. Sie wurde mithilfe von Spenden u.a. durch den Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark restauriert.







Technologische Meilensteine
durch Otto Schott und die
Schott-Werke

1884
Otto Schott entwickelt optische Gläser mit völlig neuartigen optischen Eigenschaften und stellt die Glasproduktion erstmals auf wissenschaftliche Grundlagen.

1887/93
Erfindung des chemisch resistenten, hitze- und temperaturwechselbeständigen
Borosilicatglases durch Otto Schott.

1925
Die Deutsche Glastechnische Gesellschaft würdigt Otto Schott als ,Begründer der
neuzeitlichen Glastechnik‘.

1936
Manuelle Fertigung erster Fernsehkolben

1955
Vollautomatische Herstellung von
Borosilicatgläsern und Fernsehgläsern

1968
Die ZERODUR® Glaskeramik von SCHOTT leitet eine neue Ära von Teleskopspiegelträgern für die Astronomie ein.

1972
CERAN® Glaskeramik-Kochflächen erobern die Küchen der Welt.

1993
Dünngläser mit kleinsten Dicken von
0,03 mm ermöglichen Fortschritte in der
Flachdisplay-Technik.

1998
SCHOTT wird Komplettanbieter von
optischen High-Tech-Materialien für die Chip-Herstellung.

Otto Schott – Der Glasdoktor aus Witten

Er gilt als Begründer der modernen Glastechnologie: Otto Schott, der ,Glasdoktor aus Witten‘, wie er sich selbst einmal humorvoll nannte. In der letzten Ausgabe des Stadtmagazins beschäftigten wir uns mit Kindheit und Jugend des be-rühmten Witteners, diesmal geht es um sein Leben als Erwachsener und seine weltweit anerkannten Erfindungen.

Von jeher hatte Otto Schott der Werkstoff Glas fasziniert. Sein Bestreben war es, Herstellungsverfahren zu finden, die eine berechenbare, kontinuierliche Qualität dieses Werkstoffes garantieren und demzufolge präziserere optische Eigenschaften mit sich bringen würden. An einem kleinen Koksofen im Keller des Elternhauses gelang es dem damals 28-jährigen Chemiker und Physiker im Jahr 1879 eine neue Glasart – das Lithiumglas – zu schmelzen, die diesem Ziel ein ganzes Stück näher kam. Proben dieses Glases schickte er an Ernst Abbe, den er während seines Leipziger Studienaufenthaltes kennen und schätzen gelernt hatte.

Der Physiker Prof. Dr. Ernst Abbe (1840–1905) war Teilhaber des Zeiss-Werkes. Er schuf die Theorie der Abbildung im Mikroskop und konstruierte Instrumente, die feinere Einzelheiten der Präparate sichtbar machten. Die leistungsfähigeren Mikroskope machten den erfolgreichen Kampf gegen die Infektionskrankheiten möglich und haben so die Lebensbedingungen der Menschheit entscheidend verbessert. Auf seine Empfehlung hin wurden Schleifproben von Otto Schotts neuer Glasart in der optischen Werkstätte Carl Zeiss in Jena vorgenommen. Auch wenn sie noch nicht den gewünschten Erfolg brachten, so war es Schott damit erstmals gelungen, Probeglas von ausreichender Homogenität für spektrometrische Messungen herzustellen. Und so machte der junge Chemiker weiter. Er verlegte sein Laboratorium vom Keller auf den Dachboden des Elternhauses und richtete es mit den erforderlichen Geräten ein, teils auch leihweise, z.B. von der Gussstahlfabrik in Witten.

Drei Jahre später erkannte Abbe an den jüngsten Proben ,erheblich andere Verhältnisse der optischen Eigenschaften‘ als „alle bis jetzt bekannten Gläser“ aufwiesen und schrieb in einem Brief an Otto Schott: „Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, daß die vorliegende Aufgabe, um wirklich zu Ende geführt zu werden, eine große und andauernde Arbeit erfordern wird, daß aber, wenn dies geschieht, Ihre Untersuchung ein Markstein in der Entwicklung der optischen Glasschmelzkunst und damit der praktischen Optik selbst werden wird.“ Auch in Witten feierte der junge Chemiker zu der Zeit Erfolge: Auf der Annener Tafelglashütte hatte er das englische Monopol für Deckglas mikroskopischer Präparate durchbrochen, das nun aus Witten 20 % preiswerter als das englische Deckglas abgesetzt werden konnte.

Im Frühjahr 1882 siedelte Otto Schott schließlich nach Jena, um die in Witten begonnenen Versuche fortzuführen. Ein Jahr später schlossen er, Ernst Abbe sowie Carl und Roderich Zeiss den Gründungsvertrag des ,Glastechnischen Laboratoriums Schott & Gen‘. „An einem herrlichen Septemberabend“ 1884 wurde der Ofen der neuen Glashütte eingeweiht und mit Rostwürsten, Kartoffelsalat und „sogar einem kleinen Tänzchen“ mit dem ganzen Personal gefeiert. Noch Jahrzehnte lang wurde jeder neue Ofen in dieser Tradition ,angebrannt‘.

Damit war der Grundstein für den da-rauf folgenden Weltruf der deutschen Spezialglasindustrie gelegt. Allerdings sollte es noch einige Zeit dauern, bis Otto Schott davon wirtschaftlich profitierte. Die Realität sah eher so aus, dass er sämtliche Ersparnisse in das Unterfangen steckte und selbst sein zu erwartendes Erbe verpfändete. Zwar wuchs das Unternehmen kontinuierlich an, aber erst nach drei Jahren konnte erstmals auf das Privatkonto des inzwischen frisch gebackenen jungen Familienvaters die Summe von 5172,89 Mark (als ein Drittel des Gesamtreingewinns) überwiesen werden. Von nun an ging es stetig bergauf.

Neben der Entwicklung verbesserter optischer Gläser – Schotts Gläser mit fein abgestuften optischen Konstanten machten erst die moderne Optik und die leistungsfähigeren, insbesondere farbtreueren Mikroskop- und Fernrohroptiken von Zeiss und Abbe möglich – konzentrierte sich Otto Schott auf das Erschmelzen neuer technischer Gläser. Insbesondere die Erfindung des chemisch und thermisch widerstandsfähigen Borosilicatglases (Jenaer Glas) ebnete dem glastechnischen Laboratorium den Weg zum industriellen Großbetrieb, wie auch die Erfindung hitzebeständigen Glases. Allein von seinem neu entwickelten Gasglühlicht-Zylinderglas wurden im Geschäftsjahr 1913 30 Mio. Stück produziert. Und so lag zum 25-jährigen Firmenjubiläum die Anzahl der Mitarbeiter bereits bei 1060.

Im Jahre 1919 übergab Otto Schott seine Besitzanteile des Glaswerkes, wie bereits Ernst Abbe und Roderich Zeiss im Jahr 1891, an die von Abbe begründete Carl-Zeiss-Stiftung und sicherte somit der Stiftung den dauernden Besitz des Betriebsunternehmens. Das von Abbe ausgearbeitete Stiftungsstatut garantierte in bis dahin unbekanntem Ausmaß die persönlichen Rechte der Mitarbeiter innerhalb des Betriebes. Die Anstellung und berufliche Entwicklung eines Mitarbeiters durften nur noch von seinen Fähigkeiten und Leistungen abhängen, nicht von Herkunft, Religion und politischer Meinung. Die Arbeiter konnten eigene Vertretungen wählen. Alle Mitarbeiter erhielten das Recht auf feste Mindesteinkommen, Neunstundentag (ab 1900 Achtstundentag), bezahlten Urlaub, Krankengeld, Gewinnbeteiligung und eine Invalidität- und Altersversorgung.

Otto Schott blieb selbst noch bis Ende 1926 ,Beamter‘ des Glaswerks und Mitglied der Geschäftsleitung, seine Verdienste allerdings reichen bis zum heutigen Tage. Auch im Jahr 2005 sind die Schott-Werke weltweit führende Hersteller in den Bereichen Spezialglas und Glaskeramik. Erfolge, die ihren Ursprung in den wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen des gebürtigen Witteners haben.

Artikel von S. 38 in Ausgabe 38 (08.2005)

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