IN DER STADT

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Der Lüner Vikar und Chronist Georg Gerlich schreibt: »Anno 1615 habenn die von Lunen eine newe Begrabnuße oder Kirckhoff mit einer Capellen vorten der Lypportzen [= Lipptor] zu bawen angefangenn. Den 16. Marty ist ein Soldath, mit Nahmen Tobias genannt, der erster geweßen, so darauff ist begraben worden, dahero er den Nahmen bekohmmen, daß er Tobias Kerkhoff ist genandtt wordenn.«
Leben braucht Erinnerung
Zur Geschichte des Tobiasparks

Das einzig Wichtige im Leben
sind die Spuren von Liebe,
die wir hinterlassen,
wenn wir ungefragt weggehen
und Abschied nehmen müssen.
Albert Schweitzer

Eine idyllische Grünanlage im Herzen von Lünen: Spaziergänger, Kinder oder zufällig vorbeikommende Passanten suchen an warmen Herbsttagen den Schatten der Bäume oder schlendern aus purer Neugier über den Rundweg entlang der verwitterten Denkmäler. Vielleicht schauen sie genauer hin – vergeb-lich, denn viele alte Inschriften sind längst nicht mehr zu entziffern. Doch geben sie einen letzten Hinweis darauf ab, was unter der grünen Rasenfläche einst verborgen lag: die Gebeine der Verstorbenen.

Ein Stück Kulturgeschichte
Schnitter, Sensemann, Gevatter Tod – die Einstellung der Menschen zum Tod hat sich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewandelt. Heute wie damals brauchen wir Rituale, die uns die Trauer und die Angst vor dem Unbegreiflichen erträglicher machen, brauchen einen Ort, an dem wir uns dem Verstorbenen verbunden fühlen, wo wir trauern und Abschied nehmen können. Allerdings war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit doch einiges anders als im hektischen, lauten und ›trubeligen‹ Jetzt. Damals war der Tod kein Tabuthema, er gehörte als fester Bestandteil zum Leben dazu. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Verstorbenen mitten in der Stadt ihre letzte Ruhe fanden, meist auf dem Kirchhof direkt beim Gotteshaus. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts fanden Wissenschaftler heraus, dass beim Verwesen eines Leichnams toxische Stoffe freigesetzt werden. Dazu kam, dass im Zuge des Bevölkerungszuwachses die traditionellen Ruhestätten allmählich überbelegt waren. Infolge dessen wurden Friedhöfe immer häufiger jenseits der Stadtmauern angelegt. Gleichzeitig wandelten sich die Grabstätten zunehmend zu Orten der stillen Erinnerung.

Vor den Toren der Stadt
In der Bauersprache am 13. März 1614 stellte die Bürgerschaft der Stadt Lünen beim Rat den Antrag, anlässlich der »befurstehenden und besorgenden Pestzeitt« einen neuen Friedhof vor den Stadttoren anzulegen. Dieser wurde 1615 als Fremdenfriedhof mit einer kleinen Kapelle errichtet. Bestattet wurden hier anfangs nur Fremde und Personen, die auf dem lutherischen Kirchhof an der St. Georgskirche keine Ruhestätte fanden – der erste war ein Soldat namens Tobias, der spätere Namensgeber. 1799 fassten der Magistrat der Stadt Lünen und die Kirchengemeinde St. Georg den Beschluss, den Friedhof an der St. Georgskirche aus der Stadt zum ›Tobiasfriedhof‹ zu verlegen. Noch im selben Jahr wurde der Friedhof um ein westlich gelegenes Gemeinheitsgrundstück erweitert. Die Anlage erwies sich aber aufgrund der Bevölkerungszunahme schon 1839 als zu klein und musste nach und nach weiter vergrößert werden.

Vom Pestfriedhof zur Grünanlage
Die letzte Bestattung auf dem Tobiasfriedhof erfolgte im Januar 1918. Die ev. Kirchengemeinde hatte aufgrund neuerlichen Platzmangels bereits im Frühjahr 1888 den Beschluss gefasst, einen neuen Friedhof anzulegen. 1937 schloss sie mit der Stadt Lünen einen Vertrag, um den alten Friedhof als Grün- und Parkanlage öffentlich nutzbar zu machen. Grund und Boden blieben Eigentum der Kirchengemeinde; die Stadt übernahm die Pflege und Unterhaltung der Grünanlage. Der vordere Teil des Friedhofs, der frei von Gräbern war, wurde durch eine Hecke vom Gräberteil abgeschlossen. 1948 wurde dann der ganze Friedhof in eine öffentliche Grünlage umgestaltet. Aus dieser Zeit stammt auch der heutige Rundweg.

1977 wurde der Tobiaspark vom Landeskonservator von Westfalen Lippe in die Liste des zu schützenden Kulturgutes aufgenommen, 1986 in die Denkmalliste der Stadt Lünen eingetragen und 1988 von der Stadt Lünen erworben. Zur Jahrtausendwende sanierte man die Grünanlage mit dem Ziel, den kleinen Park einladender und offener zu gestalten. Heute laden zusätzliche Zugänge und Sitzbereiche zum Durchgehen und Verweilen ein. Bodendeckende Pflanzen aus überwiegend einheimischen Stauden ergänzen den alten Baumbestand. Trotz des blühenden Lebens bleibt die frühere Nutzung des Parks als Friedhof aber weiterhin in dezenter Weise präsent.

Artikel von S. 24 in Ausgabe 49 (10.2009)

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