IN DER STADT

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mitte: Bergarbeiterhäuser Gahmener Straße
unten: Frühere Eckkneipe in Altenderne-Niederbecker






Quellen:
Lappe, Josef, Die Bauernschaft Gahmen, Lüner Zeitung, 1924
Niklowitz, Fredy, Von der Vielzahl zur Einheit, Lünen, 1987
Geschichtskreis Horstmar, Gemeinden ließen Lünen wachsen, 1993
Gahmen gestern und heute
Eine Bauernschaft überlebte den Bergbau

Das Gahmener Gebiet erlebte im Laufe der Zeiten große Veränderungen. Reichten die dem Schulzenhof zugeordneten Gebiete einst bis an die Lippe, so wird heute der Kernbereich der alten Bauernschaft nördlich des Kanals in der Statistik der Stadt nicht einmal mehr zum Ortsteil dieses Namens gerechnet. Über den Ortskern, bestehend aus dem Areal der ehemaligen Zechenanlagen und zugehörigen Wohngebieten, hinaus sind heute Teile von Altenderne-Niederbecker dem Stadtteil zugeschlagen. Die Autobahn zementiert seine Grenze nach Süden.
Ob Schulzenhof und Bauernschaft schon in sächsischer Zeit existierten, ist nicht überliefert. Lehrer Stüvermann erklärte jedenfalls 1932, dass der Schulzenhof der 968 verstorbenen deutschen Königin Mathilde gehört habe. Nicht bestätigt ist ein Zeitungsbericht von 1950, wonach dort einst die Ritter von Gahmen, später die von Vemis, gelebt hätten. 1223 war der Hof dem Bischof von Münster abgabepflichtig und fiel gut 60 Jahre später an Cappenberg. In jenen Zeiten war ›Schultz zu Gahmen‹ eine Amtsbezeichnung. Noch im 17. Jahrhundert residierten als Vertreter der Grundherrn und Steuereinnehmer Bernhard Isfording, später Heinrich Hoping auf dem Hof. Ende des 19. Jahrhunderts heiratete dann die Hoferbin Dr. Carl Schulz. Der tauschte den ersten Teil der Amtsbezeichnung Schulze Gahmen gegen seinen Nachnamen aus und verschmolz so Hof- und Familiennamen zur untrennbaren Einheit.
Gedeutet wird der Ortsname als angenehmer Siedlungsplatz am Wasser der Süggel. Am Bachufer bestand seit 1285 eine Kapelle. Sie muss verfallen, vergessen gewesen sein, doch 1521 wurde eine neue geweiht, die bis ins Jahr 1822 auf dem Hof bestand. Neben dem Schulzenhof gab es drei Vollhöfe, drei Kötter und einen dem Schulzen dienst- und abgabenpflichtigen ›Brinksitzer‹. Auf drei der Höfe lebten dazu noch Familien als ›Einlieger‹, die ausschließlich den Hofbesitzern ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten und keinen eigenen Landbesitz hatten. Diese Ordnung hatte sich wohl über einen längeren Zeitraum zur Versorgung einer wachsenden Bevölkerung entwickelt.
Neben den relativ kleinen Hofstellen gab es große, schlecht unterhaltene und zunehmendem Raubbau ausgesetzte Marken. Die offenen Flächen dienten als Weide sowie zum Plaggenstich (Entfernung des Auflagehumus) für Stallstreu und Ackerdung. Die Waldflächen dienten der Jagd und Holzwirtschaft. Vor dem Winter wurden dann die Schweine zur Eichelmast hineingetrieben. Größerer Flächen verlustig ging die Bauernschaft, als Graf Adolf II. von der Mark im 14. Jahrhundert die Stadt Lünen auf das Südufer der Lippe verlegte und die Flächen von den Cappenberger Stiftsherren erwarb.
Gahmen blieb in Cappenberger Schollenpflicht, obwohl die Bauernschaft zum Amt Lünen der Grafschaft Mark, bzw. seit 1609 zu Brandenburg gehörte. Leibeigenschaft, napoleonische Bauernbefreiung und preußische Reformen erreichten den Ort ebenso wie die Bauernschaften der Umgebung.

Einer Legende nach rastete Napoleon unter der zweistämmigen Buche auf dem Gahmener Berg. Dieses Naturdenkmal ist Rest einer alten Landwehranlage. Die jungen Triebe wurden miteinander verflochten, um die Palisade aus lebenden Pflanzen undurchdringlich zu machen. Fest miteinander verwachsen, haben die zwei Bäume als einzige die Zeiten überdauert.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erweiterte die Familie Schulz-Gahmen ihren landwirtschaftlichen Betrieb und verarbeitete in großem Stil das angebaute Getreide zu Kornbranntwein. Dieses Unternehmen ist heute noch im Familienbesitz.
1873 begann in Gahmen die Bergbaugeschichte. Belgier waren es, die sich mit dem Schacht ›Prinz Heinrich‹ versuchten, jedoch an starkem Wassereinbruch scheiterten. Erst 22 Jahre später förderte die Harpener Bergbau AG auf ›Preußen I‹ an gleicher Stelle die erste Kohle. Bergarbeiterwohnungen umlagerten die Schachtanlagen. Das Vergnügungslokal ›Waldfreiheit‹ an der Gahmener Straße lockte um die Jahrhundertwende nicht nur Ausflügler an. Die Bergleute fühlten sich mit diesem Namen stärker verbunden als mit Gahmen und bezeichneten so auch ihren Wohnort.
Nach Dr. Carl Schulz, der auch weiter als Arzt praktizierte, wurde die Karlstraße benannt. Hier entstand eine für den Ort wesentliche Arbeiterkolonie, die zur Jahrtausendwende mit großer Medienbegleitung ihr 100-jähriges Bestehen feierte. Schulen, Kirchengemeinden, gar eine Bibliothek, wurden um 1900 in Gahmen eingerichtet. 1905 kam der Ort vorübergehend zum Amt Derne, wurde 1923 dann auf Betreiben von Paul Schulz-Gahmen nach Lünen eingemeindet. Wieder brachte eindringendes Wasser 1926 den Bergbau zum Erliegen. Noch einmal wechselte die Schachtanlage 1940 den Besitzer und ihren Namen. Erst 20 Jahre später konnte wieder mit der Förderung begonnen werden, doch 1980 war endgültig Schluss. 1984 wurden die Anlagen von Victoria III/IV abgerissen.
4.000 Einwohner aus 34 Nationen leben heute in Gahmen auf einer Fläche von nur knapp zweieinhalb Quadratkilometern.
masc

Artikel von S. 13 in Ausgabe 38 (12.2007)

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