IN DER STADT
oben: Der Deckenstuck im Goldsaal musste komplett neu gegossen und angebracht werden. Nur wenige Originalstücke blieben bei früheren Renovierungsarbeiten erhalten und dienten jetzt als Vorlage. Bei der Farbgebung hat man sich vom ursprünglichen Bild, das viel dunkler war, etwas gelöst.
mitte: In den vergangenen zwei Jahren hat sich bereits der Silbersaal als besonders schöner Veranstaltungsort etabliert. Hier wurde schon vor 100 Jahren gefeiert.
unten: Nach dem Außenanstrich, dem Abriss zweier kleinerer Gebäude und Anbauten und der Neugestaltung des Außengeländes präsentiert sich die Schauburg jetzt fast so wie vor 100 Jahren.






Iserlohner Schauburg
http://www.schauburg-iserlohn.de/
Tradition und Moderne
Die Schauburg im Fokus

»Die Schauburg war ein gesellschaftliches Haus. Es war ein Treffpunkt in Iserlohn. Und da soll es auch wieder hin«, beschreibt Hans-Hermann Hupach, Bauleiter der Schauburg-Sanierung, sein und vor allem das Ziel der Familie Edelhoff, der das geschichtsträchtige Gebäude in exponierter Innenstadtlage seit einigen Jahren gehört. Der Weg dahin war und ist steinig. Doch wer im fast fertigen Goldsaal steht, bekommt eine Ahnung davon, wie es bald sein wird – und Hochachtung vor denen, die dieses Projekt in Angriff genommen haben.
Seit rund fünf Jahren hat Hans-Hermann Hupach in der Schauburg zu tun, und mit ihm viele Handwerker. »Das Gute ist, wir hatten Zeit«, blickt der Bauleiter zurück. Nicht zuletzt diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Schauburg noch steht. Denn die Familie Edelhoff hatte sie als Abrissobjekt gekauft – Gutachten gaben dem maroden Bauwerk keine Chance. Doch zunächst wurden die Wohnungen im angebauten Gebäudeteil renoviert, um Mietern aus der Altstadt eine Ersatzunterkunft bieten zu können. Langsam tastete man sich an das alte Gemäuer heran, nahm erst einmal hässliche Anbauten weg, bis irgendwann die Entscheidung fiel: Die Schauburg bleibt! Das hat, nachdem so vieles verschwunden ist, dem Stadtbild gut getan. Nach der Außensanierung ist das Grundstück an der Hans-Böckler-Straße zu einem echten Hingucker geworden. Mit dem Silbersaal und den beiden Gastronomiebetrieben im Erdgeschoss erinnert die Schauburg schon jetzt an alte Zeiten.
1897 beauftragten drei angesehene Iserlohner Bürger – Wichelhoven, Rampelmann und Hausmann – den Architekten Otto Leppin, für die 1834 gegründete Bürgergesellschaft ein Gesellschaftshaus zu bauen. Repräsentativ musste es sein – da spielte wohl die Konkurrenz zur ›feineren‹ Gesellschaft Harmonie am Poth eine Rolle. Schon damals war im Parterre Restauration auf 800 Quadratmetern vorgesehen. Im Keller gab es eine Kegelbahn, und zum Prunkstück des Hauses, dem Festsaal mit Orchesterloge, führte ein breiter Treppenaufgang. 1100 Personen konnten in dem 16 mal 25 Meter großen Saal samt umlaufender Galerie Platz finden.
Mit dem Haus scheint sich die Bürgergesellschaft jedoch übernommen zu haben. 1902 monierte der Bürgermeister, dass noch immer der Verputz fehle; im Juni 1903 wurde die Zwangsversteigerung angezeigt. Die evangelische Kirchengemeinde erwarb das Gebäude 1904 als Hotel-Vereinsheim, in einem Anbau wurde ein Hospiz untergebracht. Günstigen Mittagstisch gab es, Zimmer mit Frühstück und – ein besonderer Luxus – elektrisches Licht.
1918 machte Theodor Böhmer aus dem Haus ein Kino, das er ›Schauburg-Lichtspiele‹ nannte. Eine eigene Hauskapelle unter dem ungarischen Konzertmeister Rudi Suranyi begleitete die Stummfilme. Immer wieder lockten Gastspiele bekannter Künstler wie der ›dramatischen Sängerin‹ Else Baronesse von Oppen-Troy mit ihrer echten Amati-Geige die Iserlohner an die ›Hagener Straße‹.
Ende 1918 kaufte Willy Giebe Iserlohns größtes Lichtspielhaus und erweiterte das Angebot mit Theater, Operette und Ballett. Berühmte Künstler traten auf, zahlreiche Uraufführungen fanden statt. In den Restaurationsräumen tagten Vereine, erteilte Tanzlehrer Paul Sturm Unterricht, vergnügten sich die Iserlohner auf Bällen und Feiern. Rund 40 Angestellte inklusive Kapelle arbeiteten in der Schauburg. Die Stunden der Sechs-Mann-Kapelle waren jedoch gezählt. Am 1. April 1930 kam der erste große Ton- und Sprechfilm ›Melodie des Herzens‹ mit Willy Fritsch ins Kino.
1938 wurde die Schauburg komplett umgebaut, zur gleichen Zeit wurde Willy Giebe, der mit einer Jüdin verheiratet war, die Führung des Kinos entzogen. Sein Nachfolger bot Opern, Operetten und Schauspiele ›nur für Deutsche‹.
Im Dezember 1945 gründete sich in der Schauburg die SPD neu, im März 1947 führte die Städt. Bühne Hagen das erste Stück nach dem Krieg auf (Hanneles Himmelfahrt). Eine Ausnahme – das Gebäude war längst beschlagnahmt. Im ›AKC Globe Cinema‹ zeigten die Briten, später die Kanadier eigene Filme. Bücherei, englisches Arbeitsamt und NAAFI-Shop zogen ins Parterre. 1963 wurde renoviert, 1970 kam die Schauburg in deutsche Hände zurück. Eine echte Lösung für das Gebäude wurde jedoch nicht gefunden. Die Stadt richtete im Keller (bis 1983) das lang ersehnte Jugendzentrum mit dem Folkclub weiter oben ein. Ins Erdgeschoss kam die Paketpost. Geschäfte, Kneipen, Spielhallen zogen ein und aus. Viele Nutzungen wurden überlegt und verworfen, die Unterschutzstellung scheiterte, der Traum von der Wiederherstellung des Festsaales geisterte scheinbar unerfüllbar durch die Köpfe derer, denen das Haus am Herzen lag. Es verkam. Feuchtigkeit drang übers undichte Dach ins Gebäude. »Es sah schlimm aus«, erinnert sich Hans-Hermann Hupach: »In 100 Jahren hat es viele Mieter gegeben und alle haben was dagelassen.« 80 Container Schutt wurden abgefahren, bevor überhaupt etwas möglich war.
Nachdem die Entscheidung für die Schauburg dann gefallen war, stand schnell fest: Es soll so werden wie vor 100 Jahren. Eine Postkarte aus dem Jahr 1913 diente als Anhaltspunkt. Zwischendecke und eingezogene Wände wurden beseitigt, der abgeschlagene Stuck anhand gefundener Originalstücke nachgebildet, die Deckenmalerei restauriert, der Rundbogen über der Bühne freigelegt, die Logen wieder angebaut. Mit einer ungeheuren Detailversessenheit, einer ebenso großen Geduld und viel Geld haben Bauleiter und Eigentümer etwas ganz Besonderes zustande gebracht. Nicht nur bei der Beauftragung von Kirchenmalern oder den Kristalllüstern aus Böhmen zeigt sich die Liebe zum Detail. Auch für spätere Nutzungen hat man an alle Eventualitäten gedacht. Um die wunderschöne Decke nicht mit Scheinwerferbalken zuzubauen, hat man ausfahrbare Röhren eingelassen. Induktionsschleifen für Schwerhörige sind im Boden ebenso vorhanden wie Leerrohre, falls später einmal für EDV-Nutzungen, etwa bei Tagungen, Kabel verlegt werden müssen. Die Treppen rechts und links der Bühne können zur breiten ›Showtreppe‹ zusammengefahren werden. Eine effektive Schalldämmung sperrt den Straßenlärm aus. Unzählige ›Kleinigkeiten‹ sorgen dafür, dass sich die Besucher – bis zu 600 können es sein – im Goldsaal wohl fühlen werden. Ende Mai wird es eine ›Fest-Generalprobe‹ geben, bei der Hans-Hermann Hupach schauen wird, ob ›sein Kind‹ auf eigenen Füßen stehen kann. Im Oktober folgt die Premiere: Dann werden die Gäste die breite Treppe hinaufschreiten, an der goldenen Scheibe vor der violetten Wand vorbei, zum Opernball im Goldsaal. Und dann wird sich, wenn alles gut geht, die Schauburg ihren Platz im Iserlohner Gesellschaftsleben zurückerobern. hgs

Artikel von S. 4 in Ausgabe 1 (05.2008)

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