Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Abgetaucht …

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... in die Welt der abstrakten Kunst

Psychedelische Farbexplosionen, abstrakte Formen und verschwommene Fotos: Für den unvorbereiteten Besucher ist der Rundgang durch die neuen Ausstellungen des Märkischen Museums Witten eine kleine Herausforderung. Doch wer wissen will, wie die schnellsten Bilder der Welt entstanden sind, wie ein Waffenschuss eine neue Welt hervorbringen kann und was der Nationalsozialismus mit alledem zu tun hat, der sollte dem Haus an der Husemannstraße 12 unbedingt einen Besuch abstatten. Wir haben es gewagt, waren erst neugierig und schließlich restlos begeistert! Bericht über einen ›Tauchgang‹ der etwas anderen Art.

Schneller malen als denken

»Es ist unglaublich spannend«, schwärmt Museumsleiter Christoph Kohl, »vor einem Bild zu stehen, es auf sich wirken zu lassen, der Fantasie freien Raum zu geben und sich zu fragen: Was passiert hier eigentlich? Was sehe ich und was macht es mit mir?« Ich folge dem Rat und lasse das Bild von K. O. Götz wirken: Es ist dynamisch. Es ist wirr. Und ziemlich düster. Der Amoklauf eines wild gewordenen Pinsels mit schwarzer Farbe auf grauer Leinwand. War das jetzt schon zu viel Fantasie von mir? »Tatsächlich wollte Karl Otto Götz als Vertreter des ›Informel‹ schneller malen als denken«, erläutert Dirk Steimann (Vorstand Kulturforum Witten) mit einem Schmunzeln. »In der Regel entstehen seine Bilder in wenigen Sekunden. Es geht Götz vor allem darum, das Bewusstsein weitgehend auszuschalten und das Unbewusste zu aktivieren.«

Termine

06.04., 19 Uhr
Reihe: ›Unterm Pusenkoff‹
Max Pechsteins ›Zirkusreiter‹ im Licht historischer und literarischer Gleichzeitigkeiten
Vortrag von Prof. Dr. Heinrich Schoppmeyer.
Gemeinsame Veranstaltung des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark und des Fördervereins Märkisches Museum Witten e.V.

09.04. + 15.05., 15–16 Uhr
Öffentliche Führung

20.04. + 18.05., 18–19 Uhr
Kuratorenführung

23.04., 15. Uhr
Reihe: ›Kunst & Kuchen‹
›Ernst Hermanns – ein Dialog über die Mehrförmigkeit‹
Dirk Steimann und Harald Kahl stellen die Plastiken Ernst Hermanns in der Ausstellung ›Die Künstlergruppe junger westen 1947–1962‹ vor.
Veranstalter: Förderverein Märkisches Museum Witten e.V.

Aufbruch in der Nachkriegszeit

Mit 5.000 Werken verfügt das Märkische Museum über eine der größten Sammlungen zum deutschen ›Informel‹, einer Strömung der abstrakten Kunst nach 1945. Gezeigt wird immer nur ein Bruchteil des Kernbestands, regelmäßig ergänzt durch Leihgaben zu thematischen Schwerpunkten. Aktuell im Fokus: Werke der vor 70 Jahren gegründeten Künstlergruppe ›junger westen‹. »Wobei man sich durch den Namen ›junger westen‹ nicht täuschen lassen sollte«, so Dirk Steimann. »Das waren keine ganz jungen Männer mehr, sondern meist studierte Künstler, dreißig bis vierzig Jahre alt, die während des Nationalsozialismus als Verfemte mit Malverbot belegt wurden und teils im Verborgenen künstlerisch tätig waren.« Er erklärt: »Fast alle Abstrakten galten bei den Nazis als ›entartet‹. Eine Doktrin, die auch im Nachkriegsdeutschland in vielen Köpfen verankert blieb. Die 50er-Jahre waren keine bonbonbunte Zeit, sie waren graubeigebraun. Hingegen gelang es den Mitgliedern der Gruppe, einen stilistischen und inhaltlichen Neuanfang zu formulieren: zukunftsoffen, freigeistig, erfindungsreich.«

Experimente mit Asche, Kleister und LSD

Um die verkrusteten Strukturen aufzubrechen, experimentierten die Künstler bald mit neuen Materialien und Techniken. So scheuten sie auch vor Selbstversuchen nicht zurück. Die Leinwand, einst das ›Fenster zur Wirklichkeit‹, wurde immer mehr zum Aktionsraum: Emil Schumacher reicherte Farben mit Zusätzen wie Asche, Erde, Sand, Lack oder Teer an. K. O. Götz (der Lehrer von Gerhard Richter) mischte seine Farben mit Kleister und nutzte extrabreite Pinsel, um blitzschnelle Ergebnisse zu erzielen. In den 60er-Jahren soll er – wie Künstlerkollege Arnulf Rainer – unter LSD-Einfluss gemalt haben. Zudem wurden Kontakte ins Ausland – insbesondere nach Holland und Frankreich – geknüpft, »nach zwölfjähriger Abschottung in der Kunst eine regelrechte ›Unerhörtheit‹«, wie Dirk Steimann bemerkt.

Feuer auf Papier gebannt

Um Experimentierfreude und abstrakte Bildsprache geht es auch in der zweiten Ausstellung des Märkischen Museums. ›BEWEGUNG IM BILD‹ präsentiert die Werke hochkarätiger Fotografen der DZ BANK Kunstsammlung aus Frankfurt am Main  und setzt sie in Bezug zur informellen Malerei. Wir sehen übermalte Fotografien und fotografierte Malereien, verschimmelte Fotos als ästhetischer Augenschmaus und Naturphänomene, die erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind … Das ist verwirrend, überraschend, geradezu spektakulär, weil hier immer wieder Grenzen verschwimmen: zwischen Fotografie und Malerei, Alltag und Kunst, Bild und Geräusch. So kann man bei Patrick Raynaud das – mithilfe chemischer Lösungen erzeugte – farbige Feuer geradezu knistern hören. Robert Longo führt uns den Schrecken einer gigantischen Atomexplosion vor Augen (und Ohren). Helena Petersen belichtete ihr Fotopapier beim Abfeuern einer Schusswaffe. »Ein unglaublich poetisches Bild, auf dem es bei genauerem Hinsehen viel zu entdecken gibt«, verrät Museumsassistentin Claudia Rinke und verweist auf die kleine Macke an der Stelle, wo die Kugel das Papier gestreift hat.

Fazit: Wer bereit ist, ins Thema einzutauchen, der Fantasie Raum zu geben und die Werke wirken zu lassen, dem werden sich spannende (abstrakte) Welten auftun. Tipp: Im Anschluss oder als kleine Pause empfiehlt sich ein Cappuccino im Lesecafé!

Ausstellungen

Märkischen Museum Witten
›Die Künstlergruppe ›junger westen‹ 1947­–1962‹
bis 20.08.
›BEWEGUNG IM BILD – Die informelle Malerei trifft auf die Geste in der Fotografie‹ · bis 21.05.
Weitere Infos und Öffnungszeiten:
www.maerkisches-museum-witten.de