Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

Die Waisenkinder von Schloss Schwansbell

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Herrensitz, Soldatenunterkunft, Kinderheim: Das alte Schloss Schwansbell hat eine wechselvolle Geschichte. Auf manches kleine Waisenkind mag die imposante Wasserburg aus dem 19. Jahrhundert eine einschüchternde Wirkung gehabt haben. Aber, wie uns alte Fotos, Zeitungsartikel und Zeitzeugenberichte verraten, sie ist auch ein Ort glücklicher Erinnerungen: an Nachmittage mit Fangen und Versteckenspielen, an Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Schlossteich und an Sommerfeste im Park. Wir sprachen mit einem, der, wenngleich kein ›Waisenknabe‹, so doch ganz dicht dran war am Geschehen jener Zeit: dem Sohn des Hausmeisters.

»Am liebsten machten wir Dinge, die Erwachsene für gefährlich hielten«

»Diese Kinder, das waren unsere Nachbarn, unsere Spielkameraden«, erzählt Heinz-Joachim Pflaume, der von 1950 bis 1973 mit seinen Eltern und den beiden Schwestern auf dem Gelände lebte. »Wenn sich mein Vater draußen um den Garten kümmerte, zog er immer einen ganzen ›Rattenschwanz‹ an Kindern hinter sich her. Und wenn wir zum Kaffeetrinken reinkamen, war die Bude rappelvoll.« Insbesondere der Schlosspark mit seinen weiten Wald- und Wiesenflächen hatte für die Knirpse einen ganz besonderen Reiz. »Man konnte ach so weit rennen. Meine Schwestern sahen das mit gemischten Gefühlen, sie fürchteten sich, vor allem abends, denn es gab ja keine Laternen. Aber für uns Jungs war es ein absoluter Traum.« Er schmunzelt: »Am liebsten machten wir Dinge, die Erwachsene für gefährlich hielten: wettlaufen auf der vier Meter hohen Mauer, schaukeln in den Ästen der Bäume.«

»Natürlich war nicht alles durchweg gut«

Auch den morgendlichen Weg zur Melanchton-Grundschule gingen Waisen- und Hausmeisterkinder gemeinsam. Von Missständen im Heim wie überstrengen Erziehungsmethoden oder gar Schlägen habe er nie etwas mitbekommen, so Heinz-Joachim Pflaume. »Und, was noch viel wichtiger ist als meine eigenen Erinnerungen: Auch die ehemaligen Heimkinder, zu denen Dr. Wingolf Lehnemann vom Museum der Stadt Lünen für eine historische Ausstellung in den Jahren 2015 und 2016 Kontakt aufgenommen hat, haben meinen Eindruck bestätigt. Natürlich war nicht alles durchweg gut: Einige Kinder brachten schlimme persönliche Geschichten mit. Manche versuchten abzuhauen. Aber das liegt bei einem Kinderheim wohl in der Natur der Sache. Und es war in der Gruppe kein großes Thema.«

Zufluchtsort für bis zu 125 Kinder

Im Oktober 1949 hatte die Einrichtung des evangelischen Hilfswerks im Schloss Schwansbell ihre Pforten geöffnet. Bis zu 125 pflegebedürftige Kinder im Alter zwischen vier und 14 Jahren fanden hier eine Zuflucht. Dabei handelte es sich nicht ausschließlich um Vollwaisen. Viele stammten aus zerrütteten, sozial benachteiligten oder unvollständigen Familien. Meist blieben sie bis zur Vollendung der damals achtjährigen Schulpflicht in der Obhut des Heims. Mit ihnen lebte die Familie des Heimleiters auf dem Anwesen. Erzieherinnen und Hausmeisterfamilie waren im benachbarten Wirtschaftsgebäude untergebracht.

Vom Heuboden über die Dachbalken bis ins Türmchen

»Damals sah alles ganz anders aus, was daran liegt, dass der Bau später komplett entkernt wurde«, berichtet Heinz-Joachim Pflaume. Wo das Museum der Stadt Lünen heute seine Exponate ausstellt, befanden sich einst die Wohnräume der Familie. »Es gab an beiden Enden des Hauses je zwei gegenüberliegende große Holztore. Wenn sie weit offen standen, konnte man mit dem Auto durch die Tenne hindurch auf den Hinterhof fahren.« Das Trauzimmer im oberen Geschoss wurde früher als Heuboden genutzt: »Von dort sind wir Kinder über eine Leiter in die Dachbalken und durch eine Luke bis ins Türmchen hinaufgeklettert.« Draußen am Platz des heutigen Tennisfeldes stand ein windschiefer Stall mit Hühnern und Karnickeln. »Der war damals schon baufällig, das Dach halb eingebrochen, doch er hielt bis zum Schluss.«

»Wer weiß, was aus ihnen geworden ist«

1973 verließ Heinz-Joachim Pflaume sein Elternhaus und zog in die Lüner Innenstadt, wo er eine Anstellung als Lehrer für Mathematik und Biologie an der Heinrich Bußmann Schule gefunden hatte. Die Waisenkinder spielten noch bis 1976 auf Schloss Schwansbell. Später entstanden in den ehemaligen Schlafsälen der alten Wasserburg Privatwohnungen. 1983 zog das Stadtmuseum ins ehemalige Wirtschaftsgebäude ein.

Heinz-Joachim Pflaume kehrt gerne an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurück. Kontakt zu seinen früheren Spielkameraden hat der heute 73-Jährige nicht mehr. »Die waren ja immer irgendwann weg, spätestens wenn sie in die Lehre kamen. Wer weiß, was aus ihnen geworden ist.«

Die historischen Bilder wurden innerhalb der Ausstellung ›Schwansbell – Burg, Schloss, Kinderheim‹ im Museum der Stadt Lünen gezeigt.

Museum der Stadt Lünen

Schwansbeller Weg 32 · 44532 Lünen
Tel. 0 23 06 / 1 04 16 49
www.luenen.de/museen/staedtmuseum.php
Öffnungszeiten
Apr.–Sept.: Di–Fr 14–18 Uhr, Sa/So 13–18 Uhr
Okt.–März: Di–Fr 14–17 Uhr, Sa/So 13–17 Uhr