Dies und Das

Weihnachten im Wattenmeer

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Eingebettet in die weite Landschaft liegen Bauernhöfe und Friesenhäuser wie versunken im Winterschlaf. Die Schiffe im Hafen scheinen nur darauf zu warten, dass sie endlich wieder zum Fischen auslaufen dürfen. Doch kein bärtiger Seemann lässt sich blicken. Noch ist Ebbe und der Weg frei für eine lange Wattwanderung. Dick eingepackt, mit festen Stiefeln, Handschuhen, Mütze, Schal und Wintermantel. Der Wind weht eisig, Schneeflocken setzen sich auf unsere Nasenspitzen. Zurück in der süßen kleinen Pension freuen wir uns umso mehr auf einen heißen Teepunsch und ein spannendes Buch unter der kuschelig-warmen Decke, während sich Dunkelheit über die Marschen senkt. Weihnachten mal anders – auf einer Hallig!

Trubel adé
Auf den flachen Eilanden vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins geht es zur Adventszeit beschaulich zu. Keine Dauerberieselung aus Lautsprechern, keine überfüllten Weihnachtsmärkte, keine Reizüberflutung durch blinkende Lichterketten in 36 verschiedenen Farben. Stattdessen: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Der perfekte Ort, um den lauten, hektischen Alltag hinter sich zu lassen. Ohne Angst, etwas zu verpassen. Das Leben ist hier draußen ja ohnehin von den Naturgewalten abhängig. Die Fähre zum Festland legt nur ab, wenn die Tiden es zulassen. Bei schlechtem Wetter wird der Schiffsverkehr komplett eingestellt. Dann kann eine Hallig schon mal ›untergehen‹, so dass sich die Bewohner auf ihre Warften (kleine künstliche Erdhügel) zurückziehen müssen. Da ein solches ›Land unter‹ jederzeit eintreten kann und es auf den meisten Halligen keine Geschäfte gibt, bestellen viele Familien ihre Weihnachtsgeschenke schon Wochen zuvor im Internet.

Jöölboom statt Christbaum
Vieles kommt auf den Inseln mit Verspätung an – so auch die Weihnachtsbräuche, die sich vom Festland aus nur langsam ihren Weg durch das Wattenmeer bahnen. Den Weihnachtsmann kennt man hier draußen noch nicht lange, und auch Christbäume gibt es erst seit etwa hundert Jahren. Bis heute stellen geschmückte Tannen oder Fichten in den Stuben der Bewohner eine Ausnahme dar. Da sie auf dem salzigen Halligboden nicht wachsen, müssen die Bäume auf dem Seeweg angeliefert werden. Weit verbreitet ist dagegen der ›Jöölboom‹, auch ›friesischer Weihnachtsbaum‹ oder Kenkenbuum (Kenken = Kind) genannt. Sein Ursprung reicht zurück bis zu den alten Germanen, die um den 25. Dezember das Fest der Wintersonnenwende feierten. Als Symbol für die Vollendung des Sonnenkreises diente das Rad (›jul‹). Nach der Christianisierung der germanischen Völker mischten sich die heidnischen mit den christlichen Ritualen, einige Spuren alter Weihnachtsbräuche sind vor allem in der Nordseeregion bis heute erhalten geblieben. Das alte germanische ›jul‹ beispielsweise findet sich im nordfriesischen ›Jöölboom‹ wieder. Er besteht aus einem Holzgestell, in das ein runder Kranz aus grünen Zweigen eingebunden ist, der das Sonnenrad symbolisiert. Traditionell wird das Gestell mit Kerzen, Rosinen, Äpfeln und Nüssen sowie christlichen und heidnischen Figuren aus Salzteig (Kenkentjüch) dekoriert.

Weihnachtsmesse ›vorgefeiert‹
Von den heidnischen Wurzeln ihrer Bräuche wissen heute nur noch die wenigsten Inselbewohner. Sie sind Christen, deshalb hat die heilige Weihnachtsmesse für sie eine gehobene Bedeutung. Dass der Gottesdienst pünktlich an Heiligabend in der Kirche gefeiert werden kann, ist jedoch alles andere als selbstverständlich. Da die kleineren Eilande keinen eigenen Pastor haben, wird ein Vertreter vom Festland geschickt – mit dem Boot oder in einer Eisenbahn-Lore. Da muss nicht nur das Wetter mitspielen, auch die Gezeiten haben ein Wörtchen mitzureden. Die Gemeindemitglieder sehen’s pragmatisch: Zur Not stellt man eben den Zeitplan um. Und wenn’s nicht anders geht, dann wird die Messe auch schon mal am 4. Advent ›vorgefeiert‹.

Manchmal gibt es auf einer Hallig auch einen plattdeutschen Gottesdienst, über den sich vor allem die älteren Bewohner freuen. Sie erinnern sich noch an die Zeit, als die Predigt im Kreise der Familie vom Vater gehalten wurde. Am Nachmittag wurde zur Feier des Tages Tee mit braunem Zucker und selbstgebackene Sirupfnerken gereicht. Abends kam ein warmes Gericht auf den Tisch, meist ›Schnibbel Pann‹ (Bratkartoffeln). Die Geschenke waren ebenso einfach wie nützlich: ein Buch, ein Schal oder auch selbstgestrickte Socken... Dinge, die man zu Weihnachten im Wattenmeer gut gebrauchen kann!

Artikel von S. 8 in Ausgabe 62 (12/2011)

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