Die Preußenstraße
Ausgehend vom Preußenbahnhof schlängelt sie sich durch Horstmar Richtung Beckinghausen, hat mal beschauliche, mal geschäftige Zeiten gesehen. Ein (historischer) Spaziergang über die Preußenstraße.
Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert war Horstmar eine waldreiche Bauernschaft. Das Vieh wurde damals über die heutige Preußenstraße in die Klöterheide getrieben, zum Tränken machte man am Dorfteich in Höhe der Hausnummer 145 halt. Mit dem Bau der Zeche Bertha Wilhelmine (später Preußen II) im Jahr 1877 kam Leben in die ländliche Idylle. Große Teile des Waldbestandes verschwanden. Nachdem die Harpener Bergbau AG die Zeche 1891 von der belgischen Gewerkschaft Nordsee übernommen hatte, konnte ab 1903 ›schwarzes Gold‹ auf Preußen II gefördert werden. Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich der landwirtschaftlich geprägte Stadtteil in einen blühenden Industriestandort: Zusammen wurden auf den Preußenschächten in Gahmen und Horstmar in guten Jahren Höchstförderungen von 800.000 Tonnen erreicht, fast 4.000 Bergleute waren hier beschäftigt.
Sie alle bedurften einer Unterkunft. Entlang der ehemaligen Landstraße schossen Zechenkolonien förmlich aus dem Boden, wurden Schulen und Kirchen gebaut. 1912/13 entstand die evangelische Christuskirche. Da der Bergbau viele katholische Osteuropäer nach Horstmar lockte, wurde zwischen 1914 und 1919 (gegenüber dem heutigen Rewe-Markt) eine Notkirche zwischen zwei Häusern errichtet – aus Kostengründen baute man allerdings nur die hintere und die vordere Gebäudefront. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen (dafür entstand 1968 die Herz-Marien-Kirche). Die sogenannen ›Beamtenhäuser‹ findet man noch heute an der Preußenstraße. Sie waren für die höheren Angestellten der Zeche vorgesehen und komfortabler als die schlichten Heime der Bergarbeiterfamilien. So verfügten sie über eine eigene Toilette – auch wenn es sich dabei um ein einfaches Plumpsklo handelte, so befand es sich doch wenigstens im Gebäude – sowie einen Gemüsegarten und Ställe für die Viehhaltung.
Als die Landgemeinde im Jahr 1923 zusammen mit Gahmen und Beckinghausen nach Lünen eingemeindet wurde, war sie längst aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Geschäftig ging es bereits ab 1896 rund um den alten Preußenbahnhof zu. Er befand sich westlich der Strecke Dortmund-Lünen-Enschede in Höhe der Hafenstraße und war durch Anschlussgleise mit den Schachtanlagen verbunden. Allerdings war er derart einsam gelegen, dass der Stationsbeamte an Sonn- und Lohntagen sowie bei einbrechender Dunkelheit Polizeischutz erhielt! Der dunkle Ziegelbau, den wir heute als Bahnhof Preußen kennen, wurde 1920 mehrere hundert Meter südlich an der Strecke Dortmund-Lünen-Münster eröffnet.
Natürlich wurde zu dieser Zeit nicht nur gearbeitet, es wurde auch gerne ›gezecht‹. Das soziale Leben spielte sich in den zahlreichen Gaststätten des Stadtteils ab. Gegenüber der evangelischen Kirche befand sich das Ausflugslokal ›Zur Deutschen Eiche‹ (später Michler), das ab 1907 von Julius Gossmann, genannt ›Plümer‹, bewirtschaftet wurde. Gut besucht und sehr beliebt war auch die Gastwirtschaft Kleinbecker an der Hausnummer 51 gegenüber der großen Bergbausiedlung. Durch ihre günstige Lage inmitten des neuen Industriezentrums konnte um 1900 ein großer Saal angebaut werden. Hier fanden in den Jahren der Wirtschaftsblüte viele Veranstaltungen, Theateraufführungen und Gesangsabende statt.
Ein herber wirtschaftlicher Rückschlag war die Schließung der Zeche Preußen II im Jahr 1929. Damit waren die meisten der gut 1.800 Beschäftigten arbeitslos. Nach dem Abriss der alten Schachtanlagen in den 30er-Jahren verblieben nur die Berghalde und das ehemalige Verwaltungshaus mit der Zechenmauer. Heute befinden sich Wohnungen in dem zweistöckigen Gebäude. Die Halde bietet inzwischen nicht nur ein Zuhause für seltene Tier- und Pflanzenarten, sie ist mit ihrem Rundweg und dem Anschluss an den Seepark Horstmar auch ein beliebter Ort für Spaziergänger. Die Gastwirtschaft Kleinbecker musste in den 1990er-Jahren weichen. Auf dem Gelände befindet sich heute ein kleines aber feines Geschäftszentrum mit Lebensmittelmarkt, Sparkasse und einem renommierten Friseursalon. Der Preußenbahnhof hat sich vom ›Gammelbahnhof‹ – aufgrund von Bergschäden konnte lange nicht renoviert werden‹ – zum Erlebnisbahnhof mit mehreren Unternehmen unter einem Dach gemausert.











