Kulinarische Reise

Expedition durch Wald und Flur

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Ein sonniger Septembertag in Cappenberg

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›Violetter Rötelritterling‹, ›rötender Wulstling‹ oder ›Riesenbovist‹: Nein, wie befinden uns nicht in einem Fantasie-Märchen à la Harry Potter, sondern mitten im Cappenberger Wald. Und auch wenn er mit seinem Namen eher an ein feuerspeiendes Ungeheuer erinnert als an einen Speisepilz: Der rötende Wulstling (Fleischchampignon) ist nicht gefährlich – solange man ihn nicht mit seinem Doppelgänger, dem hochgiftigen Pantherpilz verwechselt!

Die Herbstsaison läuft, Grund für viele naturverrückte Sammler, sich auf der Suche nach den köstlichen Delikatessen ins Unterholz zu schlagen. Aber weil man dann eben doch noch nicht jede Art einwandfrei identifizieren kann, schickt man lieber jemanden vor, der sich damit auskennt! Und dieser Jemand ist heute Geograf Jochen Beier, der für die VHS Lünen und in Zusammenarbeit mit der Waldschule Cappenberg regelmäßig ›Pilz-Expeditionen‹ durchführt. »Es gibt keine ›Pilzbrille‹, d. h. kein allgemeines Merkmal, an dem Sie einen Giftpilz erkennen«, erklärt er. »Wer einfach alles sammelt, was er aus einschlägiger Literatur zu kennen glaubt, lebt gefährlich. Besser Sie spezialisieren sich auf einige wenige Sorten, die Sie genau bestimmen können!«

Leichter gesagt als getan bei über 5.000 mitteleuropäischen Großpilzen – darunter Rohgiftige und solche, die sich nicht mit Alkohol vertragen, Ungenießbare, bei denen ein einziges Exemplar eine ganze Mahlzeit verderben kann, Schwachgiftige, die allenfalls Übelkeit verursachen, bis hin zu Hochgiftigen, die auf das Nervensystem und die Organe wirken … Sich hier zurechtzufinden, mag für den Experten eine Routineübung darstellen, für das ungeübte Auge handelt es sich um eine mehr als riskante Herausforderung, vor allem da sich manche Arten – wie der Champignon und der lebensgefährliche Knollenblätterpilz! – zum Verwechseln ähnlich sehen. Aber deshalb sind wir ja hier! Nach einem ausführlichen Diavortrag und vielen praktischen Tipps geht es mit Körbchen, Bestimmungsbuch und Taschenmesser bewaffnet auf zum Praxistest. Und schon nach wenigen Metern wird die Gruppe am Waldrand fündig.
Hallimasch, Maronenröhrling, Rotfußröhrling – diese beliebten Anfängersorten kennen einige Teilnehmer bereits aus eigener Erfahrung. Bei den Täublingen wird es schon schwieriger, hier gibt es rund 100 Unterarten, viele von ihnen sind ungenießbar. Spätherbstpilze wie der violette Rötelritterling kommen erst ab Oktober in großen Mengen vor, sie wachsen in so genannten Hexenringen. Steinpilze und Pfifferlinge sind im Lüner Raum dagegen nahezu ausgerottet. »Falls Sie welche finden, sollten Sie die älteren Exemplare der Umwelt zu Liebe stehen lassen, damit sie ihre Sporen weitergeben können.« Eine kurios anmutende Entdeckung ist der Riesenbovist: »Den können Sie in Scheiben schneiden und panieren wie Schnitzel!«
Für die Anfänger der Runde führt Jochen Beier gerne mal die einfachsten Basics vor: »Wenn Sie Ihren Fund als essbar identifiziert haben, schneiden Sie ihn oberhalb des Waldbodens am Stielbund ab. Bei manchen Pilzarten verbergen sich die Merkmale allerdings im Humus am Stielgrund, in diesem Fall sollten Sie den Fruchtkörper vorsichtig aus der Erde drehen. Den Pilz am besten sofort von Erde und Laub reinigen und auf Madengänge prüfen. Und immer darauf achten, dass Sie sich nach der Tour zuerst die Hände waschen!« Er schmunzelt: »Besonders Kinder tragen ja gerne alles heran, was sie finden.«

Am Ende des Tages ist das Abendessen gerettet und die Hobbysammler haben viel Wissenswertes dazugelernt. Die nächste offizielle Expedition der Lüner VHS startet erst im Herbst 2012. Zu Hause bleiben wollen die frischgebackenen Pilz-Profis deshalb aber noch lange nicht – die Saison hat schließlich gerade erst angefangen!

Kurioses Speisepilzmärchen:

Früher war es üblich, Pilzgerichte mit einem Silberlöffel zu testen: Lief das Besteck dunkel an, schloss man auf Giftpilze im Essen. Kam es zu keiner Verfärbung, hielt man die Speise im Umkehrschluss für verträglich. Diese fragwürdige Methode wurde inzwischen als Ammenmärchen enttarnt.

Artikel von S. 24 in Ausgabe 61 (10/2011)

Der Klassiker unter den GiftpilzenKein Speisepilz: die BuckeltrameteDer Grünblättrige Schwefelkopf