Leben und Arbeiten am Wasser
Mit ihren gut 220 Kilometern ist sie nicht nur der längste, sondern auch der abwechslungsreichste Fluss in NRW: die Lippe – Wasserstraße und ›Kumpelriviera‹, Kulturkanal und Naturoase. Auf ihrem Weg von Bad Lippspringe bis zu ihrer Mündung in den Rhein bei Wesel schlängelt sie sich heute durch verschiedene Naturschutzgebiete. Dabei gilt die mittlere Lipperegion zwischen Werne und Haltern als ökologisch besonders wertvoll. Doch das war nicht immer so …
Von Feldzügen und Fischdieben
In vergangenen Jahrhunderten war die Lippe für die in ihrem Einzugsgebiet lebenden Menschen Segen und Fluch zugleich. Denn sie brachte neben Fischen und Händlern auch die Wasserratten – und mit ihnen die Pest – in die Städte, sorgte als Flachlandfluss mit geringem Gefälle immer wieder für Überschwemmungen und zog die Aufmerksamkeit von Feinden auf sich. Schon die römischen Truppen nutzten die ›Lupia‹ bei ihren Eroberungen in Germanien als Transportweg und legten an ihren Ufern Trampelpfade an. Im Mittelalter diente die Lippe, an deren südlichstem Punkt Lünen liegt, als natürliche Grenze zwischen der Grafschaft Mark und dem Bistum Münster. Nach der Verlegung vom Nordufer auf die Südseite zwischen 1336 und 1340 war die Stadt auf fast allen Seiten durch Wasserläufe geschützt. Der Lippe kam als fischreichstem Fluss Westfalens eine besondere Bedeutung zu. Das Fischrecht hatte damals der Landesherr inne. Er konnte nicht verhindern, dass sich ›Fischdiebe‹ an den Ufern herumtrieben. Wer allerdings erwischt wurde, den erwarteten empfindliche Strafen.
Handelsweg und Wirtschaftsblüte
Um 1800 ging es auf der Lippe turbulent zu, denn der Fluss hatte sich zu einem bevorzugten Schifffahrtsweg entwickelt und Lünen galt als einer der größten Umschlagplätze der Region. Die Güter wurden mit sogenannten ›Aaken‹ transportiert, flachen Lastkähnen aus Holz, die flussabwärts von der Strömung getrieben und flussaufwärts von Pferden auf Leinpfaden gezogen wurden. Holzstämme aus der Grafschaft Mark und dem Münsterland sowie Salz aus den königlichen Salinen gelangten so bis zum Rhein, Lüner Fabrikanten wie die Eisenhütte Westfalia wurden auf dem Wasserweg mit Rohstoffen versorgt. Durch den Anschluss der Lippestädte an das Eisenbahnnetz kam der Schiffsverkehr jedoch ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Erliegen: Die Bahn bot schnellere Transporte und günstigere Tarife.
Geburt des Datteln-Hamm-Kanals
Nicht lange nach dem Niedergang der Lippeschifffahrt zeigte sich aber, dass der Bedarf an Massengütern wie Kohle und Erz mit der Industrialisierung so stark wachsen würde, dass der Transport nur mit leistungsfähigen Wasserstraßen bewältigt werden konnte. 1893 beschloss die preußische Regierung daher den Bau des Datteln-Hamm-Kanals als sogenannte ›Seitenkanallösung‹. Seit seiner Fertigstellung 1914 verbindet er die Stadt Hamm mit dem Dortmund-Ems-Kanal. Seine Hauptbedeutung liegt in der Wasserversorgung des westdeutschen Kanalnetzes und einiger Kraftwerke. Im Lüner Stadtgebiet unterstreichen vier Häfen die Bedeutung der 47,2 Kilometer langen Wasserstraße als Transportweg. Jährlich werden etwa 7 Millionen Tonnen Güter befördert.
Rettet die Lippe!
Während auf dem Kanal die Binnenschifffahrt boomte, bezog man Brauch- und Nutzwasser weiterhin aus der Lippe. Doch die natürliche Schönheit wurde zunehmend zum Sorgenkind: Wachsende Bevölkerungszahlen und die Vielzahl an Industriebetrieben, die den Fluss als Abwasserkanal nutzten, ließen den Verschmutzungsgrad rasant ansteigen. Bergsenkungen führten dazu, dass sich große, mit Wasser gefüllte Mulden bildeten und der geregelte Abfluss des Wassers im Extremfall zum Erliegen kam. 1926 gründeten Kommunen, Bergbau und Industrie der Region den Lippeverband, um sich dieser Probleme anzunehmen. Doch noch bis in die 50er- und 60er-Jahre hinein wurde trotz aller Bemühungen über die bunt schillernde, giftige ›Brühe‹ geklagt, über weißgraue Schaumberge auf dem Strom und rätselhafte Fischsterben.
Vom Industriestrom zum Ökofluss
Zurück zur Natur: Seit 1990 arbeitet der Lippeverband am ›Lippeauen-Programm‹, welches das biologische Gleichgewicht wieder herstellen soll. Schritt für Schritt wird der ehemals hoch belastete Industriefluss wieder zu einem naturnahen Gewässer umgebaut. Dass man auf einem guten Wege ist, zeigt die Wasserqualität der Lippe, die heute auf weiten Strecken die Gewässergüteklasse 2 erreicht. Darüber freut sich auch das Leben in und rund um die Lippe: Der Fluss mit seinen Nasswiesen, Altarmen, Sandbänken, Röhricht und Brachen bietet wieder optimale Lebensbedingungen für unterschiedlichste Tier- und Pflanzenarten: Eisvögel und Uferschwalben, Hauben- und Zwergtaucher, Fischreiher und Schwäne sind ebenso heimisch wie Bachstelze, Teichrohrsänger oder Beutelmeise. Auch Exoten wie Nil- und Kanadagänse wurden schon gesichtet. 1996 zählte man 27 Libellenarten im Altwasser. Und auch Kleinkrebsarten, eigentlich Küstenbewohner, fühlen sich aufgrund des hohen Salzgehaltes des Industrieflusses fast wie zu Hause.
Urlaub an der ›Kumpelriviera‹
Als lebendige, grüne Achse im nördlichen Ruhrgebiet macht die Lippe das Wohnen und Arbeiten am Wasser wieder attraktiv. Für Unternehmen ist der Fluss ein wichtiger Standortfaktor, für Naturfreunde ein beliebtes Freizeitrevier. Kanutouren auf Lippe und Stever werden von der Lüner Lippetouristik angeboten. Für Freizeitskipper ist der Datteln-Hamm-Kanal durch sein äußerst geringes Verkehrsaufkommen ein beliebtes Revier. An seinen Ufern, im Volksmund scherzhaft ›Kumpelriviera‹ genannt, kann man nicht nur wandern und radeln, sondern auch ein Bad im kühlen Nass genießen. Vom Lüner Preußenhafen startet das Ausflugsschiff Santa Monika III seine Touren.
Badespaß
Grundsätzlich ist das Baden und Schwimmen in den Kanälen möglich und erlaubt. Doch Achtung: An allen Stellen, die mit einem Badeverbot gekennzeichnet sind, sollte man unbedingt brav am Ufer bleiben. Dazu gehören beispielsweise:
- das Gelände von Schleusen
- das Gelände von Hafengebieten und Anlegestellen für Schiffe
- die Bereiche an Brücken
- die Bereiche von Wehranlagen und Pumpwerken








