In der Stadt

Ab in den Süden!

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Pirschweg, Zechensiedlung, Einkaufsstraße, Partymeile: Die Jägerstraße in Lünen Süd erzählt eine wechselvolle Geschichte. Dass sie es nicht immer einfach hatte, kann man ihr am Gesicht ablesen. Doch sie hat sich immer wieder aufgerafft, den Widrigkeiten der Zeit die Stirn geboten, Erfahrungen gesammelt. Und gerade dafür wird sie von ihren Anwohnern geschätzt. Die Jägerstraße, lebendige Hauptschlagader und Lebensnerv eines Stadtteils …

Bevor der Ortsteil Lünen Süd um 1900 im Zuge des Bergbaus entstand, war das Gebiet als Klötherheide bekannt: eine fern von der Stadt gelegene Wald- und Heidelandschaft, die Kühen, Schafen und Ziegen als Weideplatz diente. Hier, in der Nähe des heutigen Preußenbahnhofs, lag um 1800 allein auf weiter Flur der Klöterhof. Ausgebaute Straßen gab es keine, nur schmale Wald- und Feldwege zwischen den umliegenden Ortschaften. Auch in Richtung Gahmen führte damals ein solcher Weg. Er wurde von den Jägern als Pirschweg benutzt und erhielt später den Namen Jägerstraße.
Mit dem Bergbau kam zur Jahrhundertwende Bewegung in die friedliche Heidelandschaft. In den Nachbarorten Gahmen und Horstmar wurden die Schächte der Zechen Preußen I Preußen II durch die Harpener Bergbau AG abgeteuft. Aus allen Teilen Deutschlands und dem östlichen Ausland strömten die Menschen in Scharen herbei, um hier Arbeit und eine neue Heimat zu finden. Auch in Lünen-Süd wurden erste Zechenhäuser errichtet. Meist handelte es sich um Backsteinbauten einheitlichen Typs, anderthalb Stockwerke hoch, ausgelegt für zwei bis vier Bergarbeiterfamilien, mit hinter dem Haus befindlichen Stallungen und einem Garten. Zu den ältesten zählen die Nummern 8 (Heitkamp) und 23 (Wöstenhöfer), die bis 1898 am Anfang der Jägerstraße in Höhe der Ziethenstraße und der Saarbrücker Straße errichtet wurden.
Innerhalb kürzester Zeit entstanden im Lüner Süden ganze Wohnkolonien der Zechen mit Geschäften, Schulen, Kirchen und öffentlichen Einrichtungen. Die Bebauung an der Jägerstraße endete bis 1910 an den Bahnschranken, der Rest bis zum heutigen Markt (zwischen Zechenbahn und katholischer Kirche) wurde bis 1914 abgeschlossen. Zwischen 1905 und 1934 war die Straßenbahn der Linie ›Fredenbaum – Lünen‹ eine wichtige Verkehrsverbindung für Anwohner und Besucher der Jägerstraße, die sich rasch zu einer beliebten Einkaufsmeile mauserte. Hier deckten sich vor allem die Bergleute aus der unmittelbaren Umgebung mit Lebensmitteln für den täglichen Bedarf ein. An Lohntagen ging es in den Wirtschaften hoch her: Für 5 Pfennig gab es dort einen kleinen Münsterländer oder eine Zigarre.

Der wirtschaftliche Aufstieg der südlichen Region wurde jäh unterbrochen, als Preußen I 1926 und wenige Jahre später auch Preußen II während der Wirtschaftskrise geschlossen werden mussten. Erst nach dem 2. Weltkrieg sorgten weitere Wohnbereiche und Geschäftsansiedlungen wieder für wirtschaftliches Wachstum. So konnte die Jägerstraße, die während des Nationalsozialismus für zwölf Jahre in Horst-Wessel-Straße umbenannt worden war, mit Millionenbeträgen saniert werden. Auch die anliegende Ziethen-Kolonie wurde Ende der 80er-Jahre komplett renoviert, ihr Charakter blieb dabei vollständig erhalten. Parallel dazu wurde die Haupteinkaufsstraße des Stadtteils verkehrsberuhigt. Eine tolle Sache für alle Bürger, die gerne zu Fuß zwischen den Geschäften bummeln.

Heute hat die Jägerstraße wie viele Stadtteilstraßen mit sich ändernden Einkaufsgewohnheiten, Leerständen und wirtschaftlichen Umbrüchen zu kämpfen. Gleichzeitig profitiert sie – auch dank des Engagements der zur IGS zusammengeschlossenen ansässigen Kaufleute – von den Traditionen, die sie über die Jahre entwickelt und mit denen sie sich einen festen Platz in der Stadtteilkultur erworben hat: Beim Süder Oktoberfest etwa wird der ehemalige Waldweg regelmäßig zur bunten Partymeile unter blau-weißen Fähnchen. Lebendig geht es auch beim jährlichen Karnevalsumzug zu: Erst kürzlich marschierten bzw. fuhren 800 Närrinnen und Narren u.a. über die Jägerstraße und verteilten 1,4 Tonnen Bonbons an die Menge. Ein Bild, das so zu ›Pirschzeiten‹ undenkbar gewesen wäre und vermutlich so manchen Jäger samt Wild in die Flucht geschlagen hätte.

Artikel von S. 9 in Ausgabe 58 (4/2011)

Quelle WR / WAZJägerstraße 1971 (Quelle: Kunstverlag Krapohl)Ab in den Süden!