Lebendige Geschichte
»1336 wurde Lünen aus militärischen Gründen vom nördlichen ans südliche Lippeufer verlegt. Verantwortlich für die Umsiedelung war der Graf von der Mark, einer der mächtigsten westfälischen Regenten im Heiligen Römischen Reich, der sein Territorium gegen Bestrebungen aus Münster absichern wollte.« Wenn Diplom Archivar Fredy Niklowitz begeistert von Vergangenem erzählt und Jahreszahlen in den Raum wirft, klingt es fast so, als sei er höchstpersönlich dabei gewesen. Plötzlich befinden wir uns mitten in einer wilden Zeit, in der große Herrscher Intrigen spinnen und kleine Bauern die Tore ihrer Stadt gegen feindliche Truppen verteidigen. Einen Sprung auf dem Zeitstrahl später tauchen wir ein ins Zeitalter der Industrialisierung, besuchen das Werk der Gewerkschaft Eisenhütte Westfalia, die seit 1826 ihre gusseisernen Erzeugnisse in Lünen herstellte und später als Bergbauzulieferer wirtschaftliche Bedeutung erlangte …
»Ich habe mich schon immer für Stadtgeschichte interessiert«, lächelt Fredy Niklowitz, »die Stelle im Stadtarchiv ist für mich wie ein Sechser im Lotto plus Superzahl!« Archivluft hatte er schon als Junge geschnuppert – schuld war ein Referat für den Geschichtsunterricht – und der Duft der Akten ließ ihn nicht mehr los. Seit 1985 ist es seine berufliche Aufgabe, historisches Wissen für die ›Ewigkeit‹ zu bewahren. Unterstützt wird er dabei durch die Mitarbeiterinnen Rosmarie Schmidt und Manuela Liefland sowie Marina Deerberg (Auszubildende) und Praktikantin Jasmin Ens – Hilfen, die er gut gebrauchen kann. »Wir haben hier alle Hände voll zu tun. Das Stadtarchiv ist das Gedächtnis der Verwaltung, alles, was im Haus produziert wird, landet irgendwann bei uns: Akten, Karten, Pläne, Fotos, Medien etc.« Aktuell erfasst sind 65.000 Archivalien, aufgeteilt in 88 unterschiedliche Bestände in drei Magazinräumen – das macht Akten in einer Länge von 2,5 Kilometern! »Papier kann man händeln, größeres Kopfzerbrechen bereiten uns die digitalen Daten«, verrät er. »Angefangen haben wir mit 5 1/4 Zoll Disketten, inzwischen gibt es CDs, DVDs, USB-Sticks. Um digitale Daten für die Zukunft zu sichern, müssen wir sie ständig auf gängige, lesbare Informationsträger überspielen.«
Welche Daten sind aufbewahrungswürdig? Die wohl wesentlichste Frage, über die Fredy Niklowitz zu entscheiden hat. Denn im Gegensatz zu einer Bücherei existiert jedes Dokument im Stadtarchiv nur ein einziges Mal. »Wenn es für Forschung oder Rechtssicherheit von Bedeutung ist, muss es aufgehoben werden. Gleiches gilt für Unterlagen, die dokumentieren, wie die Verwaltung in einem bestimmten Bereich arbeitet.« Er schmunzelt: »Alle zehn Jahre verwahren wir z.B. ein Knöllchen.« Neben Schülern, Studenten und Journalisten sind es vor allem private Heimatforscher, aber auch Firmen und Vereine, die die Dienste der Geschichtsexperten in Anspruch nehmen. »Wenn jemand Informationen für eine Jubiläumsschrift oder die Geburtstagszeitung der Oma sammeln möchte, dann helfen wir natürlich gerne!«
Der älteste ›Schatz‹ des Stadtarchivs ist indessen nicht für jedermanns Augen bestimmt: Die pergamentene Stadtrechtsurkunde von 1341 wird in einem speziellen Tresor aufbewahrt. »Zwar stammt der Löwenanteil unserer Dokumente aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert, also aus einem Zeitraum, in dem Papier industriell gefertigt wurde, aber für mich besitzen mittelalterliches Pergament und auch das alte handgeschöpfte Papier natürlich einen ganz besonderen Reiz«, so Fredy Niklowitz. »In unserem Archiv bewahren wir jahrhundertealte Dokumente auf, die sind so blütenweiß, als ob sie gerade erst hergestellt wurden. Und sie werden noch weitere 200 oder 300 Jahre halten!«





