Spannendes Spiel mit Wahrnehmungen und Perspektiven
»Und, was sehen Sie?« Auf den ersten Blick zeigt das Bild nicht mehr als ein abstraktes Wirrwarr aus verschlungenen Pinselstrichen in Weiß und Grau. Doch wer einen Schritt zurücktritt und die Fantasie kreisen lässt, kann plötzlich Dinge erkennen: Ist das nicht eine schlanke Frauenfigur, die sich über eine hügelige Landschaft bewegt? Aber halt – die Form hat auch etwas Tierisches! Ein Ziegenbock vielleicht? Eine Katze? Oder eine Eule …?
Der Besuch im Haus des Lüner Künstlers Dr. Bernhard Meyer beginnt mit einem kleinen, aber gar nicht mal so simplen Suchspiel. Das Bild ›Schlaf das Glück‹ stellt eine echte Herausforderung an den Betrachter. Wie viele seiner früheren Arbeiten hat es einen informellen Charakter, wird getragen von einer ›Spannung von Formauflösung und Formwerdung‹, wie der Kunstwissenschaftler sagen würde. »Für mich ist es eine lustige Vorstellung, dass sich jemand eines meiner Bilder über das Bett hängen könnte, einfach weil ihm die Farben gefallen, und er erst zwanzig Jahre später darauf kommt, dass darauf noch viel mehr zu sehen ist«, schmunzelt der Maler.
Dr. Bernhard Meyer liebt das Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung, nicht nur wenn er Öl oder Acryl auf Leinwand bringt. Das Wohnhaus mit Atelier am Römerweg hält noch andere Überraschungen bereit: Ein goldener Bilderrahmen zeigt kein Gemälde, sondern ist Teil einer Komposition aus winzigen Elektroschrottteilchen, Münzen, Mini-Skulpturen, Lämpchen, einer Uhr und einem altmodischen, aber voll funktionsfähigen (!) Telefon – eine Hommage an die Zeit, als es noch keine Mobiltelefone und Flatrates gab. Im Wohnzimmer beeindruckt ein riesiger Tisch, der gleichzeitig eine Billardplatte ist, selbst gebastelte Lichtinstallationen beleuchten die riesigen hochformatigen Bilder an den Wänden. Kreativität liegt in der Luft! Kaum zu glauben, dass hier jemand lebt, der sich selbst als ›Vollzeitbeamter‹ bezeichnet – hauptberuflich arbeitet Dr. Bernhard Meyer als Lehrer für Mathe und Kunst an einem Waltroper Gymnasium.
Seine ersten praktischen Erfahrungen sammelte der 1963 geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Maler schon im zarten Kindesalter. »Ich hatte mir einige Bücher mit Tierbildern aus der Bücherei ausgeliehen und hätte am liebsten die Seiten herausgerissen. Aber das darf man natürlich nicht!« Stattdessen griff der Spross zu Pinsel und Zeichenstift. Der Beginn einer großen Karriere – seit den 80ern stellte der promovierte Künstler in vielen Städten NRWs und Frankreich aus. Seine Kunst umfasst ein breites Spektrum von extremem Naturalismus hin bis zu expressiver Ausdruckskraft.
So wie Dr. Bernhard Meyer früher mit Wahrnehmungen spielte, beschäftigt er sich neuerdings mit Perspektiven. »Die Reihe ›Das hohe Format‹ ist ein Versuch, die Tiefe als dritte Dimension zu betonen und formale Grenzen auszutesten. Hierzu verwende ich extreme Verkürzungen und Verwindungen der dargestellten Körper. Die Wahl des Formates (230 cm Höhe x 80 cm Breite) bewirkt ein Kippen der Perspektive von der normalen Ansicht hin zur Vogel- oder Froschperspektive. In einer normalen Raumsituation mit geringem Abstand wird der Betrachter gezwungen, den Blick zu heben und zu senken, um das Bild ans Ganzes zu erfassen.«
Oft sind es persönliche Erlebnisse, die den Künstler zu einer Arbeit inspirieren. Im Vordergrund steht der Mensch als Übermittler von Seelenzuständen. »Meine Bilder sollen Gefühle transportieren. Und wie ginge das besser als durch menschliche Körper? Wir haben gelernt, Körperhaltung und Gesichtsausdruck von anderen Menschen bis ins Kleinste aufzuschlüsseln. Das mache ich mir beim Malen zunutze.« Manchmal greift er dabei auch auf mit mythologische oder biblische Motive zurück: eine Centaurin im Kampf gegen den Drachen, David und Goliath, Medusa, Jesus … »Mit solchen Themen kann ich mich ein halbes Jahr beschäftigen, bevor ich den Pinsel in die Hand nehme!«
Und wie lautet nun die Auflösung des ›Bilderrätsels‹ vom Anfang? Dr. Bernhard Meyer verrät: »Es handelt sich um ein Portrait meiner verstorbenen Großmutter, die ihr Gesicht mit der linken Hand abstützt. Schauen Sie mal genauer hin …«






