Christoph 8
Gelber Retter in luftiger Höhe
Erst ist es nur ein entferntes Summen, für ungeübte Ohren kaum wahrnehmbar, doch von einem Moment zum nächsten schwillt das Geräusch jäh an. Über den Dächern des St.-Marien-Hospitals erscheint ein kleiner gelber Hubschrauber am grauen Abendhimmel, der direkt auf den Hangar zuhält. Als er zur Landung ansetzt, schicken seine zehn Meter langen Rotoren eine Sturmböe über den Platz, die Schaulustigen die Mützen vom Kopf reißt und die Haare verwirbelt. Allmählich wird er langsamer, stoppt und drei Gestalten in roten Overalls springen aus dem Cockpit. Keine Zeit ist zu verlieren, der nächste Einsatz ruft. Es geht darum Leben zu retten – oft eine Frage von Sekunden!
90 Sekunden nach Alarmierung wird gestartet
»Unsere Reisegeschwindigkeit beträgt rund 240 km/h – oder mehr, wenn der Wind von hinten kommt«, erzählt Rettungsassistent Manuel Herrmann, das ›Nesthäkchen‹ der Crew. »Damit sind wir in vier Minuten am Dortmunder Hauptbahnhof, Start und Landung schon mitgerechnet. Wenn ein Notruf erfolgt, muss alles ganz schnell gehen: 90 Sekunden nach der Alarmierung heben wir ab!« Eine Herausforderung auch für den diensthabenden Notarzt, der von der Klinik mit dem Fahrrad zum Hangar sprintet. »Es hat sich hier ein richtiggehender Notarzttriathlon entwickelt. 1. Disziplin: rote ›Rettungskombi‹ an! 2. Disziplin: ab aufs Fahrrad und mit vollem Pedaleinsatz zum Landeplatz«, berichtet der leitende Rettungsassistent Thomas Kade mit einem kleinen Schmunzeln. »3. Disziplin: runter vom Rad – hier haben sich übrigens durchaus extravagante Stilformen entwickelt – und Endspurt zu ›Christoph 8‹.« So nämlich lautet der Name des ADAC-Rettungshubschraubers vom Typ EC 135 Fa. Eurocopter. Vom ADAC werden seit 2009 auch die Rettungsassistenten gestellt und speziell für ihren ›fliegenden‹ Einsatz ausgebildet.
Versorgungsgebiet umfasst Luftradius von 70 km Luftlinie
1974 wurde der Hangar mit Hubschrauberlandeplatz am St.-Marien-Hospital in Lünen erstmals in Betrieb genommen – als Unterkunft für die Besatzung diente damals noch eine zur Wache umfunktionierte Doppelgarage. Heute gibt es eine Station mit Aufenthaltsräumen und Büro. Koordiniert werden die Einsätze über die Kreisleitstelle in Unna. 1304 waren es im letzten Jahr – macht 3,6 pro Tag – und sie nehmen ständig zu: ›Schuld‹ ist die wachsende Anzahl der Autobahnen und Landstraßen in der Region, ebenso wie der demografische Wandel: Die Menschen werden immer älter, von daher treten altersbedingte medizinische Notfälle entsprechend häufiger auf. »Das primäre Versorgungsgebiet von Christoph 8 umfasst einen Luftradius von 70 km Luftlinie«, erklärt der leitende Rettungsassistent Thomas Kade. »Damit erstreckt sich unser Wirkungsbereich auf das nordöstliche Ruhrgebiet mit angrenzenden Teilen des Münster- und Sauerlandes.« In diesem Gebiet leben auf einer Fläche von etwa 7.850 qkm rund 4 Millionen Einwohner.
Rettungsdienst ist Teamwork
Die Besatzung besteht aus drei Personen: dem Piloten, einem von der Klinik gestellten Notarzt und einem Rettungsassistenten – drei Spezialisten in ihren jeweiligen Fachgebieten, die bei jedem Einsatz erfolgreich zusammen agieren müssen. »Rettungsdienst ist Teamwork, man ergänzt sich gegenseitig«, so Manuel Herrmann. »Der Pilot fliegt von A nach B, wir Rettungsassistenten sorgen dafür, dass er dorthin kommt, indem wir ihn zum Beispiel bei der Landung durch Luftraumbeobachtungen unterstützen!« Navigiert wird ganz ›altmodisch‹ nach Straßenkarte. Als Orientierungshilfe dient seit neuestem ein modernes Navigationssystem namens ›Heli-Map‹, das ›Tomtom der Luftfahrt‹. Doch da jedes System ausfallen kann, müssen alle an Bord ihre Augen offenhalten. An der Einsatzstelle und während des Rückflugs gehen die Rettungsassistenten dann dem Notarzt bei der Versorgung des Patienten zur Hand. »Dahinter steckt das Prinzip des ›Double Check‹: Vier Augen sehen mehr als zwei!«
Wie eine Intensivstation mit allen Geräten ausgerüstet
Das kann Eduard Mathejka, leitender Oberarzt der Abteilung für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Marien-Hospital nur bestätigen: »Ohne die Vorbereitung und das technische Know-how der Rettungsassistenten könnte ich keine Medizin machen!« Gerade erst hat er einen Patienten in Dortmund versorgt und ins Krankenhaus nach Unna gebracht. Im Wechsel mit 12 Kollegen übernimmt er den anspruchsvollen Job an rund zwei Tagen pro Monat. »Der Luftrettungsdienst ist für jeden von uns eine besondere medizinische Herausforderung. Wir versorgen zu 40 % Traumapatienten, d.h. Menschen, die bei einem Unfall verletzt wurden, das Spektrum reicht vom einfachen Knochenbruch bis hin zu komplexen Wirbelsäulenverletzungen.« Der Hubschrauber Christoph 8 ist wie eine Intensivstation mit allen wichtigen Geräten und Medikamenten ausgerüstet. »Es gibt keine schnellere und schonendere Möglichkeit, den Patienten in eine adäquate Klinik zu transportieren.«
Keine Science Fiction sondern harte Arbeit
Riskante Manöver und spektakuläre Stunts, wie man sie aus Serien wie den Helicops kennt, gehören also eher ins Reich der Fantasie. »Reine Science Fiction«, bestätigt Götz Schneiders. Er ist einer von insgesamt 11 Piloten, die ihren Dienst in Lünen und auf der Schwesterstation ›Christoph Westfalen‹ am Flughafen Münster-Osnabrück versehen. »Rettungsdienst hat mit Action nichts zu tun, das ist harte Arbeit und die Sicherheit der Mannschaft steht immer an erster Stelle.« Soll heißen: Wenn es die Wetterbedingungen nicht zulassen, wird nicht geflogen. Und auch nachts bleibt Christoph 8 am Boden. »Hindernisse sind im Dunkeln nicht sichtbar, das wäre viel zu gefährlich. Gelandet werden darf nur auf zugelassenen Landeplätzen, da würde sich der Einsatz des Hubschraubers kaum lohnen.« Dennoch sind die Tage für die Besatzung lang: Da von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geflogen wird, kann der Dienst im Sommer schnell 14 Stunden und mehr erreichen!
Doch der Luftrettungsdienst bedeutet für die Crew nicht nur eine große körperliche, sondern auch eine psychische Belastung. »Jeder hat seine eigene Strategie, die Erlebnisse zu verarbeiten: Der eine geht laufen, der andere schaltet im Kreis der Familie ab«, so Manuel Herrmann. Wichtig sei die Nachbesprechung im Team: »Es gibt unglaublich ›skurrile‹ Arten zu verunglücken, das versteht nur, wer live dabei war! Und man muss sich damit auseinandersetzen, schließlich wollen und müssen wir mit einem klaren Kopf in den nächsten Einsatz gehen!« Heute sind es vor allem die lustigen Dinge, die in Erinnerung bleiben: »Wenn ich mit dem Rettungsrucksack vor dem Haus stehe und mir eine Mutter mit ihrem Dreijährigen auf dem Arm die Tür öffnet, der mir die Zunge herausstreckt, weil alles halb so schlimm ist, dann fällt die ganze Anspannung von einem ab!«
ADAC-Luftrettung GmbH
Station Christoph 8
Klinikum Lünen – St. Marienhospital
Altstadtstr. 23 · 44534 Lünen
Tel. 0 23 06 / 78 18 72






