Stadtmagazin Lünen: Sport und Freizeit

In 20 Jahren um die Welt

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Weiße Sandstrände eingerahmt von grünen Palmenwäldern, flammende Sonnenuntergänge, das Rauschen der Wellen und immer wieder Wasser, so weit das Auge reicht: Die Lüner Olga und Heinz Kohlberg haben ihren großen Traum von der Freiheit gelebt! Doch auf ihrer zwei Jahrzehnte währenden Weltreise lernten sie auch die Schattenseiten des Lebens auf den sieben Weltmeeren kennen.

Von der großen weiten Welt hatten ›Oli und Heinz‹ schon lange geträumt. Doch es vergingen noch zehn Jahre, bis das abenteuerlustige Ehepaar tatsächlich in See stechen konnte: Zunächst musste ihre 14 m Stahl-yacht in Eigenarbeit fertiggestellt werden. 1991 war es dann endlich so weit: Die ›Tosimoh‹ (der Name leitet sich ab aus den Vornamen der Familienmitglieder: Thomas, Simone, Olga und Heinz) hielt Kurs auf nördliche Gefilde. Dänemark, Schweden und Norwegen standen auf dem Programm. Dann ging es durch den Nord-Ostseekanal und die Biscaya ins Mittelmeer bis nach Gibraltar, von wo aus die beiden über den großen Teich in die Karibik segeln wollten. »Doch als wir die vielen Yachten sahen, die alle dasselbe vorhatten, verging uns die Lust.« Kurzerhand machte das Ehepaar kehrt und segelte zurück durchs Mittelmeer ins Rote Meer.

In stockfinsterer Nacht passierte es: »Wir wurden von einem plötzlichen Ruck geweckt!« Die Tosimoh war, vermutlich durch eine starke Strömung, auf ein Riff getrieben. Olga und Heinz erinnern sich noch genau: »Wir waren manövrierunfähig und befanden uns mitten in einem gefährlichen Korallenkessel.« In mehrstündiger Schwerstarbeit gelang es dem Skipper und seiner Frau, mit Hilfe von vier Ankern und einem Beiboot, das Schiff in tiefere Gewässer zu bewegen. Doch was nun? Motor und Ruder hatten den Geist aufgegeben, Hilfe war nicht in Sicht. »In zehn Tauchgängen habe ich das 3,5 Zentner schwere Ruder demontiert und an Bord geschafft«, erzählt Heinz. Der gelernte Stahlmeister fertigte ein Notruder aus einem Bodenbrett. Dieses Unterfangen dauerte fünf Tage. Dann mussten die schicksalsgeprüften Segler noch warten, bis der Wind günstig stand, damit die Reise ohne Motor durch die Korallenriffe fortgesetzt werden konnte. Über Amateurfunk hatten sie erfahren, dass der nächste Hafen für die Reparatur in ›Jeddah‹ lag. Aber hier wartete schon das nächste Problem: Die Stadt Jeddah befindet sich im streng muslimischen Saudi-Arabien, welches für Touristen verschlossen ist.
Die beiden Weltreisenden erlebten einen regelrechten Kulturschock. »Wir wurden ständig überwacht, duften das Schiff zunächst nicht verlassen.« Für die Zeit der Reparatur stellte ihnen der deutsche Konsul immerhin ein Haus zur Verfügung. Doch besonders Olga konnte sich an die fremde Lebensweise nur schwer gewöhnen: »Zu jeder Zeit musste ich neben einer Kopfbedeckung auch eine traditionelle Abaya tragen. Auf der Baustelle durfte ich mich nicht blicken lassen, denn hier arbeiteten ja Männer. Und wenn ich in die Bank, zum Einkaufen oder ins Internet-Café gehen wollte, durfte ich als Frau nur die gesonderten Bereiche betreten.« Beide waren erleichtert, als der Törn durchs Rote Meer fortgesetzt werden konnte.

Doch das nächste ›Abenteuer‹ ließ nicht lange auf sich warten. Um das piratenverseuchte Gebiet im Golf von Aden zu durchqueren, hatten sich die Lüner mit drei weiteren Booten zusammengetan. »Ursprünglich wollten wir offiziellen Geleitschutz anfordern. Die Antwort des Hafenmeisters: ›Ich gebe euch gerne ein paar Männer, kann aber nicht garantieren, dass die nicht auch versuchen, euch auszurauben!‹« In einer Nacht- und Nebelaktion schlichen sich die vier Yachten von dannen – vergeblich: »An einer berüchtigten Stelle, 230 Seemeilen südöstlich von Aden, sahen wir plötzlich zwei Speedboote mit hoher Bugwelle auf uns zurasen.« Die Segler hielten sich dicht zusammen, gaben mit Signalpistolen Warnschüsse ab und sendeten einen internationalen Notruf ab. »Es war noch gar nichts passiert, da hatte man unsere Kinder in Deutschland schon informiert, dass wir von Piraten angegriffen wurden.« Zum Glück gelang es den Besatzungen, die Seeräuber in die Flucht zu schlagen – so dachten sie jedenfalls. Am Horizont näherte sich nun ein größeres weißes Motorboot aus Richtung Aden. »Plötzlich waren die Speedboote wieder da, sammelten sich um das ›Mutterschiff‹ und starteten einen zweiten Angriff. Nur mit vereinten Kräften – Schusswechsel fanden statt und Leuchtraketen wurden abgeschossen – gelang es uns, die Angreifer abzuwehren.«

Ein ›kleiner‹ Schreck fuhr den Deutschen an der Küste Omans in die Glieder, als sie ein Motorboot mit vermummten Gestalten sichteten, das direkt auf sie zuhielt. »Nach dem letzten Zwischenfall vermuteten wir das Schlimmste und gaben Gas.« Was Olga und Heinz nicht wussten: Sohn Thomas hatte von Deutschland aus alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinen Eltern zu helfen, und das Motorboot brachte den ersehnten Militärschutz, der die Deutschen sicher zum Hafen geleiten sollte. In Mukalla im angrenzenden Jemen wollten sie sich für die anstehende Etappe über den indischen Ozean   rüsten, die je nach Wetterlage Wochen, aber auch Monate dauern konnte. »Wir hatten uns so richtig ›vollgebunkert‹ und wollten gerade ablegen, als sich von allen Seiten Fischer in Einbaumbooten näherten. Zuerst dachten wir, dass man uns wieder ausrauben will. Aber schnell wurde klar: Diese Menschen hatten einfach nur Hunger.« Kurzerhand hieften Olga und Heinz einen Großteil ihrer Lebensmittel in Plastiksäcken über Bord. »Beim Wegsegeln konnten wir noch sehen, wir sich die Fischer in der Ferne über ihr ›Festmahl‹ hermachten.«

Im Indischen Ozean begann der angenehme Teil der Reise – und zwar der mit den Palmen, den Sandstränden und den Sonnenuntergängen. Das Seglerpaar besuchte die Seychellen und die Komoren, Madagaskar, Kenia, Tansania, Sansibar, die Malediven und viele andere ›Traumziele‹, schlemmte Palmenherzen und Kokoskrabben, beobachtete Wale und Riesenmantas, erlebte paradiesische Zustände, aber leider auch bittere Armut. »Chagos erschien uns wie das letzte Paradies überhaupt, hier verbrachten wir drei Monate, mit Fisch satt und traumhaften Tauchgängen.« Im Dezember nahmen Kohlbergs Kurs auf Malaysia. Auf der Insel Langkawi wollten sie in Ruhe das Weihnachtsfest verbringen. Doch das Schicksal meinte es anders: Am 26.12.2004 rollte der schlimmste Tsunami in der Geschichte über Südostasien, den indischen Ozean und Sri Lanka hinweg. Die beiden Marinas auf Langkawi wurden vollständig zerstört, viele Yachten sanken. »Unser Stahlschiff hat uns das Leben gerettet. Wir hatten riesiges Glück im Unglück!«

Die Tosimoh, wenngleich schwer beschädigt, konnte in Thailand wiederhergestellt werden. Von dort segelte das Paar noch nach Sri Lanka, ehe es die lange Heimreise antrat. Im Frühjahr 2009 erreichten Kohlbergs die Türkei, wo das von den Winden gebeutelte Schiff nun schon seit einem Jahr friedlich im Hafen liegt. Und ›Oli und Heinz‹? »Für große Segeltörns fehlt uns nach zwanzig Jahren voller Abenteuer die Kraft. Gerne besuchen wir aber unser Boot in der Türkei. Leider dürfen wir immer nur drei Monate bleiben, bevor unser Visum abläuft. Dann fliegen wir zurück nach Brambauer und die Tosimoh bleibt, wo es ihr am besten gefällt: in warmen Gewässern.«