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Die Accumulatoren Fabrik AG Berlin-Hagen (AFA)

Mehr als 150 Jahre lang bestimmten Industrie und Gewerbe den Hagener Stadtteil Wehringhausen. Besonders prägend: das Firmengelände der heutigen EnerSys-Hawker Fahrzeugbatterien GmbH. 1887 wurde an dieser Stelle die ›Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft Berlin-Hagen‹, kurz AFA, gegründet. Ein Unternehmen, das längst aus dem Stadtbild verschwunden ist, den Hagenern jedoch noch lange im Gedächtnis bleiben wird …

Der Tudor-Akkumulator

Adolph Müller (1852–1928), ein Kaufmann aus Hessen, war geradezu fasziniert von der Erfindung des luxemburgischen Ingenieurs Henri Tudor (1859–1928): 1885 war es diesem gelungen, einen Bleiakkumulator zu entwickeln, mit dem er elektrische Energie speichern konnte. Tief beeindruckt rief Müller gemeinsam mit Paul Büsche in einem alten Hammerwerk an der Ennepe am 27. Dezember 1887 die ›Accumulatoren Fabrik Tudorschen Systems Büsche & Müller‹ ins Leben. Als erstes Unternehmen im Deutschen Reich sollten hier elektrische Stromspeicher, Batterien und Akkumulatoren als Massenprodukte in einem industriellen Maßstab hergestellt werden.

Die Konkurrenz wird aufgekauft oder ausgeschaltet

Trotz anfänglichem Misstrauen seitens der potenziellen Kundschaft fuhr das Unternehmen satte Gewinne ein: circa 400.000 Mark im ersten Jahr, im zweiten sogar über eine Million. Die Konkurrenz hatte Adolph Müller dabei stets im Blick. 1890 beteiligte er die damals aufstrebenden Elektrokonzerne AEG und Siemens & Halske an der inzwischen zu einer Aktiengesellschaft umgewandelten ›Accumulatoren-Fabrik Aktiengesellschaft‹ und schloss mit ihnen Lieferverträge. Andere Unternehmen, wie etwa die 1904 in Berlin-Oberschöneweide gegründete ›VARTA Acculumatoren Gesellschaft mbH‹ – von ihr hat 1962 das Gesamtwerk den Namen VARTA (Vertrieb, Aufladung, Reparatur Transportabler Accumulatoren) übernommen –, wurden aufgekauft oder, unter Nutzung des Patentrechtes und einer aggressiv betriebenen Preispolitik, regelrecht ausgeschaltet.

1903: Stromversorgung in Hagen aus der Batterie

Die Anwendungsbereiche der in Hagen produzierten Stromspeicher, Batterien und Akkumulatoren waren vielfältig. Im Juni 1903 schloss die AFA mit der Volmestadt einen Vertrag über den Ausbau der Hagener Stromversorgung. Bereits 1895 fuhr in Hagen eine mit Batteriestrom betriebene Straßenbahn – die Umstellung auf Oberleitungen erfolgte 1903. Produziert wurden außerdem Batterien für Zugbeleuchtungen, für Bergbau-Förderanlagen, Walzwerke, Elektromobile oder Untertage-Lokomotiven, Reservestrom- und Funksprechbatterien für den Einbau in Kriegsschiffen sowie kleinere Batterien für Telefon- und Klingelanlagen.

Maßgeblich beteiligt an der Einführung von U-Booten

1913 – der Sitz der Firma war 1897 nach Berlin verlegt worden – stand die AFA auf einem vorläufigen Höhepunkt ihrer Entwicklung. 4.000 Mitarbeiter wurden allein in Deutschland beschäftigt. Daneben gab es Produktionsstätten und Tochtergesellschaften im europäischen Ausland sowie in Amerika. Ab 1900 war die Akkumulatoren-Fabrik – allen voran das Stammwerk in Hagen – maßgeblich an der Einführung von U-Booten beteiligt: sowohl in der kaiserlichen Marine wie auch in den Seestreitkräften anderer europäischer Länder. Leistungsfähige Batteriezellen, wie sie in der AFA produziert wurden, machten den militärischen Einsatz von Unterseebooten überhaupt erst möglich: Sie sorgten für den nötigen Antrieb der Elektromotoren während der Unterwasserfahrt. 1904 lieferte das Hagener Werk eine Batterieanlage für das schwedische U-Boot ›HMS Hajen‹. Auch die übrigen europäischen Seestreitkräfte wurden in den Folgejahren mit derartigen Anlagen versorgt.

Einsatz von Kriegsgefangenen

Während des Ersten Weltkrieges waren die Facharbeiter und Angestellten der AFA weitgehend vor Einberufungen geschützt – auf Antrag der Geschäftsführung wurden sie teilweise sogar aus dem Wehrdienst zurückgeholt. Dennoch musste auch die Fabrik einige Arbeitskräfte abgeben – bei gleichzeitigem Anstieg des militärischen Bedarfs an Akkumulatoren, insbesondere im Nachrichtenbereich sowie für die Unterseeboote. Dennoch gelang es dem Werk, den gestiegenen Lieferanforderungen gerecht zu werden – durch den Einsatz von Zwangsarbeitern. Im Juni 1915 übernahm das Unternehmen circa 30 russische Kriegsgefangene. Eingesetzt wurden sie als Platzarbeiter, für Transporte im Holzlager sowie als Hilfsarbeiter in der Bauabteilung.

Elektrisch betriebene Torpedos

Die AFA war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht nur Hauptlieferant für U-Boot-Batterien, sie beteiligte sich zudem an der Entwicklung neuer Waffen. Gemeinsam mit Siemens & Halske konstruierte sie ab 1916 elektrisch angetriebene Torpedos, die den gebräuchlichen, mit Verbrennungsmotor angetriebenen insofern überlegen waren, als dass sie höhere Geschwindigkeiten erreichen konnten und nach ihrem Ausstoß keine verräterische ›Blasenspur‹ hinterließen. Dies machte sie zu einer idealen U-Boot-Bewaffnung. Zu einer Serienfertigung kam es jedoch erst in den 1920er-Jahren.

›Vergeltungswaffe 2‹

Mitte der 1930er-Jahre – die Akkumulatoren-Fabrik gehörte seit 1922 zur Unternehmensgruppe des Industriellen und Aktionärs Günther Quandt (1881–1954) – wurde die AFA in das Raketen- und Flugkörperprogramm des deutschen Heeres und der Luftwaffe einbezogen. Man suchte nach alternativen Waffentechnologien. Und schon 1934 waren sich die Techniker und Ingenieure einig, dass ein ballistischer Flugkörper – eine Rakete – erfolgreiche Chancen auf eine Waffe der Zukunft hatte: Blitzschnell und ohne Vorwarnung sollte sie den Gegner treffen. Um sie zu steuern und im Flug stabil zu halten, war jedoch eine ausgefeilte Elektronik notwendig: leistungsstarke, stabil gebaute Batterien. Hier kamen der AFA ihre langjährigen Erfahrungen in der Konstruktion und Produktion von Torpedo- und Bordbatterien zugute. Ende 1942 legte sie zwei Bau­muster für die als V2 (›Vergeltungswaffe 2‹) bekannt gewordene deutsche Fernrakete vor. Die Serienproduktion begann ab Juni 1943 – abermals unter Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Eingesetzt wurde die V2 ab dem 8. September 1944. Von den mehr als 3.100 gegen London, Brüssel, Antwerpen und andere westeuropäische Städte abgeschossenen Raketen wurden vorwiegend zivile Ziele getroffen. Nicht weniger als 8.000 Menschen in Frankreich, Belgien und Großbritannien fielen dabei zum Opfer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach der Besetzung des Hagener AFA-Werks am 14. April 1945 fielen den Alliierten zahlreiche V2-Bordbatterien sowie Unterlagen und Entwicklungsberichte in die Hände – keine schlechte Kriegsbeute! Denn bereits im Sommer und Herbst 1945 arbeiteten britische und US-amerikanische Streitkräfte emsig an der Weiterentwicklung der ballistischen Flugkörper. Die AFA hatte daher nicht nur Anteil an der Entwicklung und dem Einsatz deutscher Raketentechnologie im Dritten Reich, sondern ebenso an ihrer Weiterentwicklung durch die ehemaligen Kriegsgegner in der frühen Nachkriegszeit.

Heute: Stromspeicher für Gabelstapler und Hubwagen

Den Sektor der Raketentechnologie bediente auch die AFA-Nachfolgefirma VARTA. Sie entwickelte unter anderem Hochleistungsbatterien für das Apollo-Mondprogramm sowie für Kommunikations- und Forschungssatelliten. Auch die Galileo-Raumsonde der NASA, die den Planeten Jupiter erreichen konnte und 1996/97 Fotos sowie Forschungserkenntnisse lieferte, wurde mit Energie aus speziellen Lithium-Batterien der VARTA gespeist. Heute hat die EnerSys-Hawker GmbH auf dem ehemaligen AFA-Gelände ihren Sitz – ein Batterieproduzent kleineren Maßstabs, der mit der Herstellung von Stromspeichern für Gabelstapler und Hubwagen nichts mehr mit dem Vorgänger zu tun hat.

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In Kooperation mit dem Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund, dem Hagener Heimatbund e.V., der Südwestfälischen Industrie- und Wirtschaftskammer, der Hawker GmbH sowie der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Hagen erforscht das Stadtarchiv Hagen im Rahmen eines Projektes die Entwicklung und Geschichte der AFA. Die Ergebnisse sollen Ende 2017 in einer umfassenden Dokumentation veröffentlicht werden.

Wir bedanken uns beim Stadtarchiv Hagen für die Bereitstellung des Text- und historischen Bildmaterials.