Weihnachten in ›Schwarz-Weiß‹
Schneestürme und Lichterglanz, Adventskränze, Geschenke, der verlockende Duft nach Bratäpfeln … All das gab es früher schon. Und doch unterschied sich das Weihnachten der Nachkriegszeit stark von dem Fest, wie wir es heute kennen. Die wenigen Momente, die damals mit der Kamera festgehalten wurden, geben Einblicke in eine schwarz-weiße Welt, die in unseren, durch die flimmernde HighTech-Welt geprägten Augen oft trostlos erscheint. Aber wie viel Wahrheit steckt in den alten Fotografien? Eine Zeitzeugin aus Castrop-Rauxel hat uns geschildert, wie sie die Feiertage in den 50er-Jahren erlebt hat – in äußerst farbenfrohen Bildern!
»In unserer Familie wurde Heiligabend immer sehr feierlich begangen«, erzählt Eva Kramer (60 Jahre). »Wir hatten einen Weihnachtsbaum mit echten roten Kerzen. Natürlich gab es auch einen Adventskranz. Der war selbst gemacht, genauso wie der Baumschmuck. Wir Kinder haben in der Vorweihnachtszeit wie verrückt Strohsterne gebastelt.« Die Familie wohnte an der Glückaufstraße, direkt gegenüber vom Stadtpark. »Am Nachmittag des 24. sind wir draußen herumgestromert, während unsere Eltern alles vorbereiteten. Ich erinnere mich an einige weiße Weihnachten mit Schneemann im Garten und Schneeballschlachten mit den Nachbarskindern. War der Teich zugefroren, wurden ›Gehversuche‹ auf dem Eis unternommen, was natürlich nicht erlaubt war. Aber die Erwachsenen hatten keine Zeit, nach uns zu sehen, und so konnten wir die Gelegenheit nutzen, um allerhand Blödsinn zu veranstalten.«
Abends gab es für die drei Geschwister dann nichts Schöneres, als im Warmen am Fenster zu stehen, auf den dunklen Park zu blicken und Geschichten auszutauschen. »Bis das Glöckchen erklang und wir endlich ins Wohnzimmer durften! Dort waren die Kerzen angezündet und wir konnten es kaum erwarten, unsere Geschenke auszupacken!« Wurden die in den 50ern auch schon vom Christkind gebracht? »Wir wollten an das Christkind glauben, und deshalb haben wir auch lange dran geglaubt«, schmunzelt Eva Kramer. »Nur dass wir unsere Wunschzettel bei den Eltern abgeben mussten, damit die die Geschenke beim Christkind bestellen konnten.« Spielsachen waren unter dem Weihnachtsbaum eine Rarität. Der knappe Lohn des Vaters reichte gerade für Miete, Haushalt, Schulgeld und Kleidung. Zwei Erwachsene und drei Kinder bewohnten eine kleine Zweizimmerwohnung plus Küche – das Bad auf dem Flur mussten sie mit einer weiteren Familie teilen. Teures Spielzeug war also selbst zu Weihnachten nicht drin. »Es gab höchstens ein Teil für jeden. Dafür bekamen wir immer viele selbst genähte Anziehsachen – das Christkind schien unserer Mutter in Sachen Nähkunst in nichts nachzustehen! Wir kannten es nicht anders und haben uns riesig gefreut, auch wenn die Klamotten manchmal ganz schön kratzten.«
Nach dem Auspacken wurde des Weihnachtsessen serviert. »Mein Vater war Koch und ein wahrer Meister darin, mit bescheidenen Mitteln die köstlichsten Mahlzeiten auf den Tisch zu zaubern. Das absolute Highlight war jedes Jahr der Nachtisch – Eis, das er in der Hotelküche besorgte. Da wir noch keinen Kühlschrank besaßen, wurde es dick in Trockeneis verpackt und dampfte in der Badewanne vor sich hin. Nie hat es uns so gut geschmeckt wie am Heiligabend – Eis war ja ohnehin ein seltener Genuss.« Sie lächelt: »Egal, wie knapp meine Eltern bei Kasse waren, zu Weihnachten durfte es an nichts fehlen. Schon nachmittags musste immer Kuchen auf dem Tisch stehen. Außerdem bekamen wir immer einen schönen Teller mit Süßigkeiten. Davon durften wir zwar offiziell nicht vor dem Abendessen naschen, haben es heimlich aber trotzdem gemacht, da Weihnachten ja eigentlich den ganzen Tag lang nur gegessen wurde.«
Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag kam die Verwandtschaft zu Besuch: Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins drängten sich um den winzigen Tisch in der kleinen Wohnung an der Glückaufstraße. »Wir Kinder haben uns dann immer ein bisschen überflüssig gefühlt und so lange gequengelt, bis wir hinaus durften. Schließlich mussten die neuen selbst gestrickten Schals, Handschuhe und Mützen spazierengeführt werden. Wir durften uns aber nicht schmutzig machen! Und wir waren so stolz auf unsere schönen neuen Sachen, dass wir auf wilde Schneeballschlachten an diesen Tagen tatsächlich verzichtet haben!«
Die Tage bis zum Silvesterabend vergingen wie im Flug. Das lag auch an Jonas, dem Hauskarpfen. »Zu Weihnachten brachte unser Vater immer einen Karpfen mit. Er wurde stets Jonas getauft und lebte für kurze Zeit in der Badewanne, wo er mit sauberem Wasser durchspült wurde. Sehr zur Freude von uns Kindern konnte daher bis Silvester nicht gebadet werden. Dafür liebten wir es, den Karpfen beim Planschen in der Wanne zu beobachten. Wir hätten es nie übers Herz gebracht ihn zu verspeisen – welches Kind kann schon sein Haustier essen? Meine Geschwister und ich sind sogar demonstrativ aus dem Zimmer gegangen, wenn Jonas schließlich serviert wurde.«
Die gebürtige Castrop-Rauxelerin resümiert: »Ich glaube, so sehr unterscheidet sich das heutige Weihnachtsfest gar nicht von früher – außer vielleicht, dass in meiner Familie inzwischen weniger gegessen wird. Aber wir versuchen immer noch, den Zauber der Kindheit zu erhalten und vor allem, viel Zeit mit lieben Menschen zu verbringen!«
Bilder: Stadtarchiv Castrop-Rauxel









