Glück auf!
Wer sich von Ickern aus Richtung Waltrop aufmacht und ein paar hundert Meter hinter dem griechischen Kulturzentrum AGORA rechts in den Rapensweg einbiegt, der findet sich in einer neuen Welt wieder: Zunächst wird die breite Straße zu beiden Seiten von hohen Bäumen gesäumt, doch dann lichtet sich der Bestand zur Linken und gibt den Blick frei auf imposante Hallen, die wie futuristische Fremdkörper in der weiten Landschaft prangen.
Das Gewerbezentrum Ickern I/II ist heute aufgrund bedarfsgerechter Flächen und der optimalen Verkehrsanbindungen an das Autobahnennetz ein beliebter Standort für mittelständische Unternehmen. Insbesondere Betriebe der Logistik und Produktion haben sich in den letzten Jahren auf dem rund 20 Hektar großen Gelände angesiedelt. Optisch bildet das moderne Gewerbegebiet einen krassen Gegensatz zu dem von Zechencharme und alten Arbeitersiedlungen geprägten Stadtteil. Nichts erinnert hier mehr an die Zeit des Bergbaus. Das heißt – fast nichts. Geblieben ist ja der Name: Ickern I/II. Ein erhaltenes Kauengebäude am Rande des ehemaligen Zechengeländes beherbergt mittlerweile das AGORA Kulturzentrum. Erwähnenswert ist auch die Gedenktafel am Eingang, welche die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Bergleute aufführt. Und dann wären da noch die Zeitzeugen: Männer aus der Nachbarschaft, die wie ihre Väter und Großväter auf dem Pütt groß geworden sind. Einer von ihnen ist der ehemalige Bergmann Wolfgang Jerchel, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle historischen Fakten, Daten und Fotos zur Zeche Ickern I/II akribisch zu sammeln – inzwischen umfasst sein Archiv über 6.000 Dokumente. »Das mache ich nicht für mich, sondern für die Nachwelt, damit das Wissen über den Bergbau, der unsere Heimat so stark geprägt hat, erhalten bleibt!«
Mitte des 19. Jahrhunderts – Ickern war eine ländliche Gemeinde mit nicht einmal 400 Einwohnern – begann in der Region ein Wettlauf um die Steinkohle, das ›schwarze Gold‹. Bisher hatte man der Bergbehörde ein Mineral zur Inaugenscheinnahme durch Schürfen aufdecken müssen, was in der Nähe der Ruhr, wo Steinkohlenflöze zutage treten, leicht gemacht war, bei größeren Teufen aber ein Problem darstellen konnte. Ab 1853 ließ das Preußische Handelsministerium in Berlin endlich den Nachweis von Mineralien durch Bohrungen zu. Bald darauf wurden mehrere voneinander unabhängige Schürfgesellschaften bei der Suche nach Steinkohlenvorräten im Gebiet um die Dörfer Rauxel und Ickern fündig. Im Jahre 1871 gründete sich die Gewerkschaft Victor in Rauxel, die einen umfangreichen Grubenfeldbesitz zwischen Rauxel, Ickern, Henrichenburg und Waltrop erwarb. 1872 unternahm Ernst Waldthausen den ersten Spatenstich mit den Worten ›Glückauf zum guten Gelingen‹. Kaum hatte er die Bohrarbeiten für Victor beendet, als er mit seiner Bohrkolonne nach Ickern weiterzog. Aufgrund der Wirtschaftskrise mussten die Arbeiten zum Teufen der Schächte jedoch vorübergehend ausgesetzt werden.
1910 ging die Gewerkschaft Ickern wie auch das Bergwerk Victor in den Besitz des Lothringer Hüttenvereins über. Im selben Jahr wurde mit dem Abteufen des Schachtes I begonnen. In 72 Metern Teufe stieß man auf Steinkohle. Am 2. Januar 1912 ging Schacht Ickern I in Betrieb. Das Teufen von Schacht Ickern II erfolgte fast zeitgleich. Hier wurde das Steinkohlegebirge erst bei 385 Metern erreicht. Der Schacht ging 1913 als ausziehender Wetterschacht und 1914 auch als Förderschacht in Betrieb. Parallel zum Teufen der Schächte wurde über Tage mit dem Bau der Tagesanlagen nach modernsten technischen Standards begonnen. So verzichtete man auf den Einsatz von Dampffördermaschinen, alle Maschinen wurden elektrisch angetrieben. Die Förderung der Zeche entwickelte sich prächtig und erreichte bald einen Wert von einer Million Tonnen pro Jahr.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Besitzverhältnisse neugeordnet. Mit Gründung der Klöckner-Werke AG im Februar 1923 wurden die Schächte verwaltungsmäßig zur Gesamtanlage Victor-Ickern zusammengefasst. Im selben Jahr marschierten im Rahmen der Ruhrbesetzung französische Truppen nach Ickern ein und besetzten für ein Jahr die dortigen Schachtanlagen. Einige Bergleute setzten sich zur Wehr, indem sie die Arbeit verweigerten. Neben diesem passiven Widerstand gab es auch einen aktiven: Schießleute der Zeche Victor sprengten den Düker in Henrichenburg und ließen den Rhein-Herne-Kanal leerlaufen. So wollten sie verhindern, dass die Besatzer die Kohle über den Wasserweg abführen konnten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte der Ausbau der Schachtanlage Ickern I/II
zur modernen Anschluss-Förderanlage. Schacht II erhielt ein neues, vollwandiges Strebengerüst zur Aufnahme einer Großraum-Gefäßförderung. Diese Gefäßförderung war über lange Zeit die größte im Ruhrrevier. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Förderung der Zeche 1,1 Millionen Tonnen Fett- und Gaskohle bei 2.900 Beschäftigten. Die Ende der 1950er-Jahre einsetzende Kohlekrise machte sich aber auch in Ickern bemerkbar. Nach Eingang der Zechen Victor und Ickern in die Ruhrkohle AG 1968 wurde die Förderung zunehmend auf die Anlage Ickern I/II mit der leistungsfähigen Gefäßförderanlage verlagert. 1970 förderten beiden Bergwerke zusammen 2,23 Millionen Tonnen Kohle jährlich.
»Zu dieser Zeit war das Leben in Ickern noch sehr traditionsbewusst«, erinnert sich Wolfgang Jerchel, der damals seine Ausbildung zum Starkstromelektroniker in der Lehrwerkstatt auf Victor 3/4 absolvierte. ›Lehrjahre sind keine Herrenjahre‹ stand zur Ermahnung der Lehrlinge an der Innenwand des Hauses. »Neben der vielseitigen fachlichen Ausbildung wurde großer Wert auf Fleiß, Ordnung, Sauberkeit und Höflichkeit am Arbeitsplatz gelegt. Die Jüngeren hatten den älteren Kollegen stets mit Respekt zu begegnen: Wenn man sich über den Weg lief, mussten wir immer zuerst ›Glückauf‹ sagen! Besonders beeinflusst hat mich auch der außerordentliche Zusammenhalt. Man konnte immer mit Unterstützung rechnen. Klar – man lebte ja zusammen in der Kolonie und viele Bergleute hatten schon als Kinder zusammen die Schulbank gedrückt. Noch in den 80er-Jahren wurden auf dem Markt die Neuigkeiten vom Pütt verbreitet: Dann wusste man, wer krank war und wer gut gearbeitet hatte.«
In Ickern an der Lakestraße aufgewachsen, mit einem Steiger als Vater, war die berufliche Laufbahn des jungen Wolfgang quasi vorprogrammiert. Aber auch von außerhalb strömten die Lehrlinge in Scharen herbei, um im Bergbau ihr Glück zu machen. Sie wurden in extra eingerichteten Jugenddörfern untergebracht. Seit den 50er-Jahren lebten bis zu 638 evangelische Berglehrlinge im Meisenhof, genannt ›Bullenkloster‹, der heutigen Justizvollzugsanstalt. »Viele von ihnen waren gerade 14 und viel erwachsener als die jungen Männer heutzutage«, weiß Wolfgang Jerchel. Er schmunzelt: »Was uns aber natürlich nicht vor naiven, ja falschen Vorstellungen gefeit hat. Die ersten Einsätze unter Tage waren ein Schock! In der Tiefe erwartete uns eine ganz andere Welt. Sie können ins Bergbaumuseum nach Bochum fahren, aber das ist nicht das gleiche, als wenn man es selbst erlebt: Die Hitze, der Schmutz, die Anstrengungen der Wechselschicht, das hatten wir uns alles irgendwie anders vorgestellt. In diese Arbeit mussten wir erst einmal hineinwachsen. Aber als es so weit war, wollten wir plötzlich nicht mehr weg aus dem Bergwerk!«
Ein Wunsch, der ihnen nicht erfüllt werden sollte. Am 30. September 1973 – Wolfgang Jerchel hatte gerade ein halbes Jahr hier gearbeitet – wurde die letzte Förderschicht auf Ickern I/II gefahren. Die Schächte wurden verfüllt und die Tagesanlagen fast vollständig abgebrochen, da auf dem Gelände ein Gewerbegebiet entstehen sollte. Schacht drei wurde der Nachbarzeche Minister Achenbach in Lünen zugewiesen. Hier war Wolfgang Jerchel noch bis 1989 im Kohlerevier als Elektriker tätig. Dann verlegte man ihn für weitere 14 Jahre zum zentralen Grubenrettungswesen nach Herne. »Diese Grubenwehr, auch ›GSG 9‹ des Bergbaus genannt, musste bei Grubenunglücken im gesamten Ruhrgebiet mit schwerem Atemschutzgerät anrücken«, erklärt er. »Leider darf man den Job nur bis zum 50. Lebensjahr ausüben, daher befinde ich mich seit 2002 im Vorruhestand. Ich hätte gerne weitergemacht!«












