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Leben am Wasser

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Leben am Wasser

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In meiner Kindheit im ›Ruhr‹-Gebiet war sie allgegenwärtig: die Emscher, die hinter dem Haus meiner Eltern wie ein sprudelnder Pfeil durch eine mit Stacheldraht abgesperrte grüne ›Mini-Landschaft‹ schießt.

Wir nannten sie ›Köttelbecke‹, weil das Wasser bei heißem Wetter einen üblen Gestank absonderte und zuweilen eine rostrote Farbe annahm – ›die haben wieder geschlachtet‹, hieß es dann. Aber nicht nur deshalb war das Gelände für uns Kinder ein verbotenes Terrain. Schauergeschichten machten die Runde: von Spaziergängern, die das Pech hatten, in den kanalisierten Fluss zu stürzen und, unfähig sich an den glitschigen Betonwänden festzuhalten, von der wilden Strömung mitgerissen wurden. Nur Opa Willi konnte sich noch daran erinnern, hier als kleiner Junge gebadet zu haben.

Von Weinbau und Wasserburgen
Im Mittelalter bildete die Emscher eine natürliche Grenze von Territorien: Nördlich befand sich das Vest Recklinghausen, südlich lagen die Grafschaft Mark, das Stift Essen und die Grafschaft Dortmund. Entlang des Flusses waren daher zahlreiche Wasserburgen angelegt. Wenn nicht gerade Krieg herrschte, ging es hier verhältnismäßig beschaulich zu. Wie ein blaues Band schlängelte sich die Emscher von der Quelle bei Holzwickede bis zur Rheinmündung durch eine kaum besiedelte, von Auen, Eichen- und Hainbuchenwäldern, Bruchwäldern und sumpfigen Heiden geprägte Landschaft. Da sich durch das schwache Gefälle von nur 122 Metern auf rund 109 Kilometern kein dauerhaftes Flussbett ausbilden konnte, kam es vor allem nach starken Regenfällen häufig zu Überschwemmungen. Dennoch wurde an den Hängen des Emschertals sogar erfolgreich Weinbau betrieben.

›Kloake des Ruhrgebiets‹
Mit dem Beginn des Bergbaus Mitte des 19. Jahrhunderts verlor die Emscherregion ihren ländlichen Charme. Der wirtschaftliche Aufschwung bewirkte ein rasches Bevölkerungswachstum. Während der erhöhte Trinkwasserbedarf durch Ruhr und Lippe gedeckt wurde, diente die Emscher den Menschen als ›Kloake‹: Immer mehr Zechen und Industriebetriebe siedelten sich an ihren Ufern an und leiteten ihre Abwässer in den Fluss und seine Nebenläufe. Zudem verschlechterten die durch den Kohleabbau hervorgerufenen Bergsenkungen den Abfluss zum Rhein, was bald zu Versumpfungen und steigender Seuchengefahr führte. Gegen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts genoss die Emscher den zweifelhaften Ruf als schmutzigster Fluss Deutschlands und ›Kloake des Ruhrgebietes‹.

Emschergenossenschaft greift ein
Im Jahr 1899 gründeten anliegende Städte, Bergbau und Industrie die Emschergenossenschaft, die sich seitdem mit den Problemen der Abwasserreinigung, der Sicherung des Abflusses, dem Hochwasserschutz und der Gewässerunterhaltung befasst. Nach und nach entstand aus der ungebändigten Emscher und ihren Seitenbächen ein System offener Abwasserkanäle. Dabei wurde der Flusslauf immer wieder reguliert und durch Begradigungen auf 83 Kilometer verkürzt. Die Methode der offenen Abwasserführung war alternativlos, da unterirdische Kanäle bedingt durch die Bergsenkungen regelmäßig beschädigt worden wären. Geklärt wurde zunächst in mechanisch arbeitenden ›Emscherbrunnen‹. Ab 1965 wurde die Hauptlast der Abwasserreinigung dann zunehmend durch biologische Großkläranlagen übernommen.

Wir wollen ›mehr Schiffsverkehr‹
1774 wurde ein Projekt der Schiffbarmachung der Emscher nach mehrjährigen Verhandlungen vom preußischen König Friedrich II. abgelehnt. Erst weit über hundert Jahre später begann man mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals, der 1914 fertiggestellt wurde und Castrop-Rauxel mit dem deutschen Wasserstraßennetz verbindet. Er folgt auf weiter Strecke dem Lauf der Emscher und wird von ihr im Norden der Stadt in einem Durchlassbauwerk unterquert. Beim Schiffshebewerk Henrichenburg mündet er in den Dortmund-Ems-Kanal. Der in der Nähe des Schlosses Bladenhorst gelegene Kanalhafen Victor ist noch heute ein wichtiger Umschlagplatz für Industriegüter. Er wurde um die Jahrhundertwende als Werkshafen der ehemaligen Zeche Victor angelegt. Damals ließ die Gewerkschaft Victor für die Beförderung ihrer Bergleute Personendampfer fahren. Inzwischen existieren auf Castrop-Rauxeler Stadtgebiet aber auch Yachthafen für Freizeitkapitäne. Bei schönem Wetter lockt ein Bad im verhältnismäßig sauberen Wasser. Beliebt ist – trotz Warnungen der Wasserschutzpolizei – der Sprung von einer der zahlreichen Kanalbrücken.

Von der ›Köttelbecke‹ zum Öko-Fluss
Mit dem Ende der Zechen und Stahlhütten endet die technische Notwendigkeit eines offenen Abwasserkanals. Die Emscher kann wieder werden, was sie einst war: ein lebendiger Fluss. Das Generationenprojekt Emscher-Umbau der Emschergenossenschaft sieht die Verlegung von 400 Kilometern unterirdischer Abwasserkanäle und die Renaturierung sämtlicher Gewässer bis 2020 vor. Knapp 40 Kilometer Bachläufe hat man bereits naturnah umgestaltet. Bei einer Untersuchung entdeckten Experten hier Biotope mit mehr als 360 Arten wirbelloser Tiere wie Muscheln, Schnecken und Fische. Aber auch die Menschen werden von der neuen blauen Emscher profitieren: So sollen an ihren Ufern wertvolle Freizeitareale entstehen, die den Ballungskern des Ruhrgebietes attraktiv machen und neue Möglichkeiten für das Wohnen und Arbeiten am Wasser schaffen. Hinter dem Haus meiner Eltern wird bereits fleißig an der neuen Flusslandschaft gebaut. Und die Chancen stehen gut, dass zumindest meine Kinder hier irgendwann einmal baden können!

Wussten Sie …
dass sich zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal eine künstliche Insel über 34 Kilometer Länge zwischen Oberhausen im Westen und Castrop-Rauxel im Osten erstreckt? Hier liegt umgeben von Industrie, Kleingärten und Parkanlagen ein großes Potential an Freiflächen und Industriebrachen. Im Zuge der Renaturierung der Emscher soll die Emscherinsel landschaftlich noch weiter aufgewertet werden.


Vielen Dank an das Stadtarchiv für die aussagekräftigen Bilder und die hilfreiche Unterstützung.

Autor: pl · Artikel von S. 6 in Ausgabe 80 (8/2011)

Angeln an der Wartburg 1976Bild EmschergenossenschaftHafen Viktor 1963Hafen ViktorKanal an der WartburgKanal in Henrichenburg Höhe Wartburg 1977Leben am Wasser