Reizend wie ein masurisches Dorf
›A-, B- und C-Straße‹
»In rheinländischer Gegend, umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, den Vorbedingungen guter Luft, liegt ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom großen Getriebe des westfälischen Industriegebietes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche Victor bei Rauxel.«
Fast könnte man bei der obigen Passage an die Werbung eines Reiseveranstalters denken. Tatsächlich handelt es sich um den Beginn einer Annonce, die im Auftrag der Zeche in masurischen Dorfwirtschaften ausgehängt wurde, um für die neue Kolonie an der Strittheide Bergarbeiter aus dem fernen Osten zu gewinnen, ›ordentliche Familien‹, die bereit wären, ihre Heimat gegen das westfälische Castrop-Rauxel einzutauschen – das Originalplakat des Aufrufes befindet sich heute übrigens im Bergbaumuseum Bochum.
Ehe sich die ländlichen Verhältnisse durch den Einbruch der Industrie veränderten, war Rauxel nur eine kleine Bauernschaft. Im Jahre 1872 fasste der Bergbau Fuß in der Gemeinde. Es entstanden zwei große Schachtanlagen, die eine (Graf Schwerin) am Südzipfel der Gemarkung Rauxel, die andere, Victor, an ihrem nördlichen Rand, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes, der zunächst Bahnhof Castrop, seit 1892 Bahnhof Rauxel hieß. Hier entwickelte sich zur Jahrhundertwende ein Ortsteil, der im Volksmund Rauxel Bahnhof genannt wurde.
Während die Zeche abgeteuft wurde, musste die Bergbaugesellschaft (damals: Gewerkschaft Victor) Wohnraum für ihre Arbeiter und Angestellten beschaffen. Im Jahre 1894 ließ sie eine geschlossene Bergarbeiter-Kolonie mit 47 Häusern und 186 Wohnungen südwestlich des Bahnhofs anlegen. Diese erste Werksiedlung, unter dem Namen Kolonie Strittheide bekannt, entstand quasi in einem leeren Raum und umfasste drei Straßenzüge mit den Namen A-, B- und C-Straße (heute Max-, Moritz- und Victorstraße).
Die konsequent gereihten Gebäude, die der aufmerksame Spaziergänger noch heute in Rauxel bewundern kann, zeigen typische Merkmale des frühen Siedlungsbaus im Ruhrgebiet: kubisch wirkende, geometrisch strukturierte Haus-typen, unverputztes Ziegelmauerwerk, hohe Zweiflügelfenster, plastisch hervortretende Gesimsbänder. Ausgelegt waren sie damals für bis zu vier Familien. Zu jeder Wohnung gehörte ein trockener Keller, der sich für die Lagerung von Früchten und Kartoffeln eignete, außerdem ein geräumiger Stall sowie ein rund 24 Quadratmeter großer Garten, so dass sich die Bewohner selbst mit Fleisch, Milch, Obst und Gemüse versorgen konnten.
Besonders zeichnete sich die Kolonie Strittheide durch ihre Nähe zum Arbeitsplatz aus, was nicht nur den Wünschen der dort lebenden Menschen entsprach, sondern auch im Interesse des Betriebes lag, da die Arbeiter nicht durch lange Anmarschzeiten vorzeitig ermüden sollten. Als der Schacht Victor I 1907 seine Förderung einstellte und sich die Kohlegewinnung nach Victor 3/4 und Ickern 1/2 verlagerte, wurde die Wohnsiedlung nicht weiter ausgebaut – ein Umstand, der dazu beitrug, dass sich das Geschäftsviertel rund um den Bahnhof nur langsam entwickelte.
Wie reizend die Gegend an der Strittheide für damalige Verhältnisse wirklich war, lässt sich aus heutiger Sicht nur schwer beurteilen. Fest steht, dass die Häuser in der Werkskolonie bereits bezogen wurden, als sie noch gar nicht fertig waren. Übrigens waren es keine Masuren, die hier Unterkunft fanden, sondern hauptsächlich Oberschlesier und Posener. Heute jedenfalls hat die alte Bergbausiedlung ihren ganz eigenen Charme.
Masuren!
»In rein ländlicher Gegend, umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, den Vorbedingungen guter Luft, liegt, ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom großen Getriebe des westfälischen Industriegebietes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche Victor bei Rauxel.
Diese Kolonie besteht vorläufig aus über 40 Häusern und soll später auf etwa 65 Häuser erweitert werden. In jedem Hause sind nur 4 Wohnungen, zwei oben, zwei unten. Zu jeder Wohnung gehören etwa 3 oder 4 Zimmer. Die Decken sind 3 Meter hoch, die Länge bzw. Breite des Fußbodens beträgt über 3 Meter. Jedes Zimmer, sowohl oben, als auch unten, ist also schön groß, hoch und luftig, wie man sie in Städten des Industriegebiets kaum findet.
Zu jeder Wohnung gehört ein guter, hoher und trockener Keller, sodass sich die eingelagerten Früchte, Kartoffeln etc. dort sehr gut erhalten werden. Ferner gehört ein geräumiger Stall, wo sich jeder sein Schwein, seine Ziege oder seine Hühner halten kann. So braucht der Arbeiter nicht jedes Pfund Fleisch oder seinen Liter Milch zu kaufen.
Endlich gehört zu jeder Wohnung auch ein Garten von etwa 23 bis 24 Quadratruten. So kann sich jeder sein Gemüse, sein Kumpst und seine Kartoffeln, die er für den Sommer braucht, selbst ziehen. Wer noch mehr Land braucht, kann es in der Nähe von Bauern billig pachten. Außerdem liefert die Zeche für den Winter Kartoffeln zu billigen Preisen. Dabei beträgt die Miete für ein Zimmer (mit Stall und Garten) nur 4 Mark monatlich, für die westfälischen Verhältnisse jedenfalls ein sehr niedriger Preis. Außerdem vergütet die Zeche für jeden Kostgänger monatlich 1 Mark. (...) Die ganze Kolonie ist von schönen breiten Straßen durchzogen, Wasserleitung und Kanalisation sind vorhanden. Abends werden die Straßen elektrisch erleuchtet. Vor jedem zweiten Hause liegt noch ein Vorgärtchen, in dem man Blumen oder noch Gemüse ziehen kann. Wer es am schönsten hält, bekommt eine Prämie.
In der Kolonie wird sich in nächster Zeit auch ein Konsum befinden, wo allerlei Kaufmannswaren, wie Salz, Kaffee, Häringe usw. zu einem sehr billigen Preise von der Zeche geliefert werden, auch wird dort ein Fleischkonsum eingerichtet werden. (...) Für die Kinder sind dort 2 Schulen erbaut worden, sodass sie nicht zu weit zu laufen brauchen, auch die Arbeiter haben bis zur Arbeitsstelle höchstens 10 Minuten zu gehen. Bis zur nächsten Bahnstation braucht man etwa eine Stunde. [...]
Wer sparsam ist, kann noch Geld auf die Sparkasse bringen. Es haben sich in Westfalen viele Ostpreußen mehrere Tausend Mark gespart. Das Geld ist dann wieder in die Heimat gekommen, und so hat die Heimat auch etwas davon gehabt. Überhaupt zahlt diese Zeche wohl die höchsten Löhne. Feierschichten kommen dort nicht vor, vielmehr Überschichten, sodass Arbeiter immer Verdienst haben werden. Entlassungen masurischer Arbeiter werden, außer dem Falle grober Selbstverschuldung nicht vorkommen.
Masuren! Es kommt der Zeche hauptsächlich darauf an, brave, ordentliche Familien in diese ganz neue Kolonie hineinzubekommen. Ja, wenn es möglich ist, soll diese Kolonie nur mit masurischen Familien besetzt werden. So bleiben die Masuren ganz unter sich und haben mit Polen, Ostpreußen usw. nichts zu tun. Jeder kann denken, dass er in seiner masurischen Heimat wäre.«
Quelle: Kultur und Heimat, 10. Jg. Nummer 5/6; Castrop-Rauxel







