Kunst und Kultur

2010 Gedichte und ihre Geschichte

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Roy Kift. Der englischstämmige Schriftsteller (›Tour the Ruhr›) lebt seit '98 in Castrop-Rauxel.

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Sie flattern an Bäumen (›poet-trees‹) und an Laternenmasten, hängen in Parks und an Klowänden oder tauchen als ›Parktickets‹ unter Pkw-Scheibenwischern auf: 2010 Gedichte werden im Rahmen der Kulturhauptstadt unter dem Titel ›Castrop-Rauxel … ein Gedicht‹ noch bis Ende August in der ganzen Stadt präsentiert. Vom 3. Juli bis Mitte August öffnet außerdem die Ausstellung ›Europe … a poem‹ mit Werken von großen europäischen Poeten in der Bürgerhaus Galerie.

Die Idee zu den beiden Projekten hatte Kurator Roy Kift schon vor über drei Jahren. »Wer den Bioladen ›Löwenzahn‹ kennt, weiß, dass dort jede Woche ein neues Gedicht im Schaufenster ausgestellt wird. Ich hörte von 2010 und dachte: Es wäre doch schön, diesen Ansatz auszuweiten!« Gesagt, getan. Und da ›kleine Brötchen‹ backen nicht die Art des britischen Schriftstellers mit guten Kontakten in die Künstlerszene ist, versuchte er es direkt ›ganz oben‹, bei den Nobelpreisträgern Seamus Heaney (Irland) und Wislawa Szymborska (Polen). »Nur wenig später erreichte mich ein Brief – mit handgeschriebenen Gedichten aus Polen!« Auch Mr. Heaney ließ sich nicht lange bitten. Der Ire schickte ein Fax: ›Hallo Roy, tolle Idee, gehe kurz einkaufen, melde mich!‹ »Nachdem ich die beiden Top-Literaten überzeugt hatte, wollten natürlich auch ihre Kollegen aus ganz Europa dabei sein.«

Eine Plattform für deutsche Klassiker, Hobbyautoren und Literaturinteressierte rund um den Globus bietet das Twins-Projekt ›Castrop-Rauxel … ein Gedicht‹. Menschen aus aller Welt waren aufgerufen, ihre Vorschläge zu verschiedenen Themen wie ›Liebe‹, ›Ruhrgebiet‹, ›Natur‹, ›Familie‹, ›Humor‹ etc. ins Netz zu stellen. Das Ergebnis ist eine bunte Sammlung von Goethe über Ringelnatz bis hin zu Gedichten ›made in Castrop‹. Beteiligt haben sich zahlreiche Prominente, aber auch ganz normale Bürger und Schulklassen. Alan Rickmann (der gefürchtete Professor Snape in ›Harry Potter‹) machte mit, ebenso wie Schauspielkollegin Juliet Stevenson und 2010-Chef Fritz Pleitgen. Kabarettist Fritz Eckenga ist mit einem eigenen Gedicht vertreten, genauso wie Anissa (15) aus der 9 b oder Kift-Tochter Claudia, die das Geschriebene ihrer Oma widmete. Aus einigen Partnerstädten wurden ebenfalls Gedichte eingereicht.

Nach einer mehrtägigen Aufhängaktion mit rund 30 Helfern hängen, liegen oder kleben alle 2010 Texte nun thematisch sortiert an ihrem Platz. Auf Poesiepfaden geleiten sie den Leser vorbei an so an genannten ›Poesie-Oasen‹ (Cafés, Hotels, Restaurants etc.) und ›Poesie-Stationen‹ (kulturelle Zentren, Krankenhäuser, Geschäfte etc.). »Die ganze Innenstadt ist mit Humor gepflastert«, so Roy Kift. »Der Liebespfad führt vom Bürgerhaus über die Wittener Straße bis zum Parkbad Süd, wo er in einer Sonderausstellung mit erotischen Gedichten mündet. Und wer sich für die Natur begeistert, sollte sich in den Erin-Park begeben.« Für den Briten war die Organisation des Projekts ein dreijähriger Fulltime-Job, aber auch eine spannende Entdeckungsreise durch die  deutsche Literatur. »Im Ausland gilt deutsche Lyrik als ›heavy‹ – ein absolutes Vorurteil! Ich persönlich habe Matthias Claudius für mich entdeckt. Aber auch klassische Größen wie Goethe sind humorvoll und machen Spaß! Ich empfehle die ›Freuden des jungen Werthers‹ – einfach ungeheuerlich!«

Freuden des jungen Werthers

Ein junger Mensch, ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei,
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie's denn so Leute haben.
Der setzt' notdürftig sich aufs Grab
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,
Ging wohl eratmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtiglich:
»Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!

 Johann Wolfgang von Goethe (* 1749, † 1832)

Artikel von S. 44 in Ausgabe 73 (6/2010)