Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Erinnerungen an das alte ›Dorf Rauxel‹

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›Dorf Rauxel wie bist du so schön, die Lerche singt in der Höhe, der Habicht nach der Beute sinnt, das Rehlein munter springt‹, heißt es in einem alten Lied von Franz Balz, ›Heimat, Heimat, lieblicher Ort, wo der Wind über Wälder und Felder weht.‹ »Die beschriebenen Schauplätze wie die Strittheide oder den Klöppersberg kennt ja heute keiner mehr, aber die große Heimatverbundenheit der Menschen von einst wird in den Zeilen trotzdem spürbar«, erklärt sein Neffe Theodor Balz, Jahrgang 1936. Der Hobby-Historiker und Buchautor beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Geschichte seines Stadtteils.

Bauerschaft mit Weiden, Höfen und ­Streuobstwiesen

Im Jahre 1818 lebten in ganz Rauxel gerade einmal 289 Personen in 38 Häusern. Die knapp 600 Hektar große Gemeindeflur zog sich als schmaler Geländestreifen in Nord-Süd-Richtung von der Castroper Platte bis zum Emschertal. Den Mittelpunkt bildete das in der Talsenke zwischen Rieperberg und Schellenberg gelegene alte ›Dorf Rauxel‹. Trotz der aufkeimenden Industrialisierung präsentierte es sich auf Bildern aus den 1920er-Jahren noch ­immer als gemütliche Bauerschaft mit Weiden, Höfen und Streuobstwiesen. Hier hatte der Hof Schulte-Rauxel mit angeschlossener Kornbrennerei seinen Sitz. Außerdem gab es ein Geschäft, in dem Lebensmittel und Textilien angeboten wurden. Die Straßen waren damals nicht mehr als unbefestigte Feld- oder Aschewege. Das Abwasser wurde aus den Haushalten in offene Gräben geleitet. Auch an elektrische Straßenlaternen war noch nicht zu denken. Seit 1900 standen an der Wilhelmstraße allerdings erste Gaslampen, die jeden Abend vom Lampenwärter mit einer Stange angesteckt wurden.

»Die Milch wurde noch mit Pferd und ­Wagen in den Straßen des Dorfes zum Kauf angeboten.«

Seit der Gründung der Zeche Graf Schwerin schufteten die meisten Rauxeler Männer auf dem Pütt, so auch Großvater Theodor Balz. Gleichzeitig war es durchaus üblich – und nötig, – dass Familien sich Schweine, Ziegen und Schafe, Hühner, Tauben und Kaninchen zur Selbstversorgung hielten. Auch die Kinder, von denen es in jeder Familie viele gab, mussten bei der anfallenden Hausarbeit kräftig mit anpacken. Im Jahre 1904 errichtete Bergmann Theodor Balz in der Niedersten Vöhde (heute Luisenstraße 5) ein Haus mit Stallungen und Garten. »Die mittlere Tür im Stallgebäude führte in eine sogenannte Milchstube«, berichtet Enkelsohn Theodor Balz. »Hier begann dann Onkel Franz, der zweite Sohn der Großeltern, sein Milchgeschäft. Er wurde also Milchbauer. Die Milch wurde noch mit Pferd und Wagen in den Straßen des Dorfes zum Kauf angeboten. In den Stallungen fütterte unsere Großmutter ein Schaf, welches wir Kinder an den Gräben der Luisenstraße mit einer entsprechend langen Leine anpflocken mussten, sodass beide Seiten des Grabens abgeweidet werden konnten.«

Muße, Bier und Räuberei

Bei aller Emsigkeit kamen aber auch die Stunden der Muße nicht zu kurz: Hinter dem angrenzenden Kornfeld befand sich die Gaststätte ›Zur Linde‹, betrieben von der Familie Köhler. Hier kehrte man ein, um sich nach einem Feldspaziergang mit einem Bier und einem Klaren zu stärken oder sich die Zeit mit alten Geschichten zu vertreiben. Währenddessen turnten die Kinder auf dem zur Wirtschaft gehörenden Spielplatz, kickten Bälle vor das Deelentor oder spielten ›Räuberhauptmann und Schandlitz‹ in den umliegenden Feldern und Heuwiesen – wonach es regelmäßig Schelte für zerrissene Hosen gab. Dann, an einem schicksalhaften Tag im Jahre 1940, setzte der Krieg dem ländlichen Idyll ein jähes Ende: Bei einer Bombardierung wurde das Gasthaus zertrümmert, sechs Menschen verloren ihr Leben, darunter zwei kleine Mädchen.

Von der Flakstellung zum Fußballplatz

Vor dem Krieg hatten viele Vereine das Leben in der Gemeinde bereichert, wie etwa der Brieftaubenclub ›gut Flug‹ oder der Fußballclub ›Gloria‹, der ab 1909 auf dem Platz am Busch hinter der Brennerei trainierte. Zwischen 1926 und 1934 sorgte der Brauchtums- und Vergnügungsclub ›die Raixelschen Jungs‹ mit Kesselpauke und Teufelsgeige für Frohsinn im Dorfe. Dann war da noch der Rauxeler Ortsverein der katholischen Deutschen Jugendkraft, der 1934  von den Nazis verboten und erst 1952 wiederbegründet wurde. Als neues Fußballfeld diente ein Stück Brachland an der heutigen Briloner Straße, das zuvor als Flakstellung genutzt worden war. Nun gestalteten einige DJK-ler die trostlose Wüste mit Hacke und Schaufel zum Sportplatz.

Als frühester Rauxeler gilt ein gewisser Cesarius von Rukessele, der 1266 als Zeuge bei einem Landtausch urkundlich genannt wurde. Die Entstehung des Ortes reicht aber noch viel weiter in die Vergangenheit: Schon die Kelten sollen zur Römerzeit auf den Emscherterrassen gesiedelt haben. 1381 tauchte die Schreibweise ›roukesloh‹ auf, was übersetzt so viel heißt wie Krähenwald. Bis 1902 gehörte Rauxel zum Amtsbezirk Castrop, danach bildete die Gemeinde bis zur Stadtgründung 1926 mit Habinghorst, Frohlinde, Merklinde und Bövinghausen das Amt Rauxel.

Wir danken Theodor Balz für die Bereitstellung der historischen Fotos und Texte.

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