IN DER STADT

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oben: Jürgen Kroll
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Martin-Luther-Zentrum
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Am 24.12. im Saalbau:
Weihnachtsgottesdienst
14.30 Uhr Familiengottesdienst (Oase)
16.30 Uhr Weihnachtsgottesdienst

10 Jahre Gottesdienst im Saalbau
1:0 GEWONNEN

Kirche nicht für Insider und ein paar Fromme, sondern getreu dem Motto von Dietrich Bonhoeffer »Kirche für andere« wollte Pastor Jürgen Kroll von der Martin-Luther-Kirchen-Gemeinde vor mittlerweile zehn Jahren machen: »Etwas für die, die draußen rumschwirren und sagen: Den Inhalt der Kirche finden wir ok, aber die Verpackung nicht.« Das Ergebnis feiert in diesem Jahr 10-Jähriges und ist eine Institution in Witten geworden: der Weihnachtsgottesdienst im Saalbau.

»Wovon ich geträumt habe: dass man sich gegenseitig einladen kann, ohne sich schämen zu müssen.«*

Der Anlass, der Pastor Kroll letztlich zu seiner Idee führte, war ein privater und sehr trauriger: »1990 ist meine Frau gestorben, das war ein großer Lebenseinschnitt, und ich habe vieles umgedacht – auch was Kirche angeht.« Kroll zog seinen Talar aus, reiste in die USA und erlebte dort Gottesdienste in Größenordnungen, die man hierzulande gar nicht kennt. »16 000 Leute im Gottesdienst, das ist Bundesligaformat!« Entscheidend war für ihn aber letztlich nicht die Größe, sondern die Philosophie: »Dieses Sich-nach-außen-wenden hat mich schwer beeindruckt.«

»Zum Teil schämen sich die Leute, ihr Bekenntnis in die Öffentlichkeit zu tragen – und das tut man ja, indem man in die Kirche geht. Beim Saalbau ist das anders.«*

Zurück in Witten gab es allerdings schon den einen oder anderen, der den Pastor für verrückt erklärte, als er mit seiner Idee von einem Gottesdienst im Saalbau rausrückte. Doch Gemeindediakon Peter Unger war sofort begeistert, auch der Leiter des Saalbaus gab grünes Licht. Und am Heiligabend 1997 standen auf einmal 2000 Menschen vor dem Wittener Kulturzentrum. »Das hat in Witten noch nicht mal Udo Jürgens geschafft«, sagt Kroll und lächelt verschmitzt. »Alles Geschenk« lautete der plakative Titel des ersten Weihnachtsprojekts. »Weihnachten ist ja ein Schenkfest«, betont Kroll, »und so haben wir gesagt: Jetzt wirst du mal nicht nur mit Klamotten beschenkt, sondern mit Sinn«. Und das sei in der »Mischung aus Marktplatz und Religionshöhle«, wie Jürgen Kroll die Atmosphäre im Saalbau bezeichnet, gut gelungen: »Da kann man über Glauben ganz locker reden.« Und man habe viele Vorteile gegenüber der Kirche: mehr Platz, bessere Sicht, bessere Musikanlage, mehr Parkplätze, einen großen Eingangsbereich für ein Glas Sekt und den notwendigen Smalltalk vorher. »Und außerdem kann man dort über alles reden – das hat ja auch schon Dieter Nuhr getan«, sagt der Pastor schmunzelnd.

»Gemeinde ist eine Ansammlung von Menschen, die Kirche erträglich machen.«*

»Der Saalbau ist gut dafür geeignet, Menschen gute Sachen vom Evangelium zu erzählen, aber eben nicht todernst. Die Verpackung darf schon locker sein.« Dass dieses Konzept aufgegangen ist, zeigt das Feedback: »Das war das erste Mal, dass wir uns Weihnachten in der Familie über Glauben unterhalten haben«, hat ein Besucher des Saalbau-Gottesdienstes erzählt. Und genau das ist es, was der Pastor bewirken möchte: »Suchenden, Menschen, die ich sonst nie erreichen würde, einen guten Gedanken fürs neue Jahr mitzugeben. Menschen, die sagen: ›Ich geh’ zwar nicht in die Kirche, aber der Saalbau ist ok‹«.
»Glauben wagen«, »Hoffnung zeigen«, »Zukunft leben« lauten nur einige Titel der Weihnachtsgottesdienste, die diesem ersten im Jahr 1997 folgten. Möglich machen das Jahr für Jahr bis zu 100 Leute vor und hinter den Kulissen, die mit Musik, Bühnentechnik, Bewirtung, Organisation und Theater beschäftigt sind – und zahlreiche Spender. »Das sind zum Teil Privatleute, aber auch Geschäfte und Unternehmen hier aus Witten. Das Weihnachtsprojekt finanziert sich nur aus Spenden und Kollekte – ohne einen einzigen Cent aus der Kirchensteuer«, freut sich Pastor Kroll. Möglich geworden sei das, weil Leute gedacht hätten: »Das ist ja eine tolle Idee, und zwar Leute, die gar nicht so nah an der Kirche sind, aber jedes Jahr mit der Familie in den Saalbau-Gottesdienst kommen.«

»Der Gottesdienst im Saalbau ist nicht so aus der heiligen Halle ’raus gemacht.«*

»1:0 gewonnen« lautet der Titel des Weihnachtsprojekts in diesem Jahr. »Damit gehen wir natürlich auf die Fußball-Weltmeisterschaft ein«, sagt Kroll. »Ich habe dabei an das Polenspiel gedacht, an diesen Treffer in letzter Minute. Aber auch daran, dass man – wie die deutsche Mannschaft – nicht immer gewinnen muss, um ein Gewinner zu sein. Man kann auch mal verlieren und wird doch noch Dritter – und hat im Endeffekt mehr gewonnen als die Weltmeisterschaft.« Mit dem großen Erfolg von 10 Jahren Gottesdienst im Saalbau hat Jürgen Kroll sich einen Traum erfüllt. Und dieser Traum geht weiter: »Ich stehe gerade in Verhandlungen mit Borussia Dortmund, vielleicht mal einen Gottesdienst im Westfalenstadion oder in der Westfalenhalle zu machen. 2009 wird der BVB ja hundert Jahre alt – und wenn sie dann noch in der Bundesliga sind, haben sie ohnehin einen Grund mehr, Gott zu loben. Spaß beiseite: In Los Angeles, das von der Struktur dem Ruhrgebiet ähnlich ist, habe ich Gottesdiens-te in riesigen Football-Stadien erlebt – warum sollte das nicht auch hier möglich sein?!« awe

»Nicht die Popen sind wichtig, sondern die Menschen.«*

»Für mich ist es faszinierend, dass die Menschen verstanden haben, dass wir ihnen mit dem Weihnachtsprojekt etwas Gutes tun wollen.«*

*O-Ton Jürgen Kroll

Artikel von S. 65 in Ausgabe 46 (11.2006)

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