KULTUR

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oben: Die Installation eines Gerüsts in der Bochumer Propsteikirche. Ein Objekt, das für Aufsehen sorgte.
mitte: Im ›Kunstwald‹ im Kontext der ›Lüner Augenblicke‹ können Kinder Erfahrungen mit Messer, Holz und dem Handwerk des Schnitzens machen.
unten: Catharina und Dieter Wagner, Gewinner des Lüner Kunstpreises 2009






Kontakt
Catharina und Dieter Wagner
Mühlenkamp 17 · Lünen
Tel. 0 23 06 / 4 73 29
Kunst –
oder die Suche nach dem Sinn
Catharina und Dieter Wagner
über ihr Leben mit der Kunst

»Wir sind keine extremen Menschen«, sagen Catharina und Dieter Wagner, und das Erstaunen über den Kunstpreis der Stadt Lünen, der ihnen gerade im Oktober verliehen wurde, nimmt man dem sympathischen Duo ab. Sie sind überrascht, aber nicht etwa, weil die Qualität ihrer Arbeit nicht dementsprechend sei, sondern, so strahlt die attraktive dunkelhaarige Catharina, »ein Kunstpreis hat so etwas Etabliertes, Fertiges. Und wir sind doch noch mittendrin in unserem Prozess der Entwicklung.« Während sie über ihre Kunstauffassung, die Arbeit im Bereich der deutschlandweiten Installationen und Performances oder auch über die zahlreichen kunstpädagogischen Projekte berichten, wird klar: Diese Menschen machen nicht nur Kunst, sie leben sie auch.

Catharina und Dieter Wagner sind ein Paar, Eltern und Team zugleich. Beruflich wie auch privat. Haus und Garten, überall wimmelt es von Kunst. Skulpturen und Objekte aus unterschiedlichen Materialien, mal Holz, mal Wachs, mal Stein, mal Stahl – alles ist möglich. Catharina, Jahrgang 1969, erlebte ihre Kindheit in einem Dorf im Siegerland. »Meine Mutter ist Französin, mein Vater Schwabe«, erzählt sie in ihrer charmanten Art und nachdenklich fügt sie hinzu: »Deshalb kann ich gar nicht so genau sagen, wo ich eigentlich herkomme.« Nach dem Abi folgten diverse Praktika bei unterschiedlichen Künstlern und Kunsthandwerkern, einige auch in Frankreich. »Während dieser Zeit wurde mir klar, dass ich in Deutschland bleiben möchte und ich schrieb mich an der ›Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft‹ in Alfter bei Bonn für den Studiengang Bildhauerei ein.« Hier erwarb sie ihren Diplom-Abschluss und machte später zusätzlich das erste Staatsexamen im Fach Pädagogik.

Aus der dörflichen Enge des Siebengebirges ist auch Dieter Wagner, geboren 1962, irgendwann geflohen. Nach der Tischlerlehre folgte eine weitere Ausbildung zum Holzbildhauer im Westerwald. Fünf spannende und lehrreiche Gesellenjahre verbrachte er in Betrieben in ganz Deutschland, machte seinen Meister und dann folgte das Schlüsselerlebnis, das seinem künstlerischen Leben eine andere Wendung gab: »Ich betrachtete die idealtypischen Reproduktionen der religiösen Figuren und Skultpturen aus der Gotik, Fragmente und Zeugnisse einer anderen Zeit, und fragte mich, welche Relevanz diese Dinge für uns überhaupt noch haben. Für mich wurden sie plötzlich sinnlos, weil unsere heutige Gesellschaft sie überhaupt nicht mehr braucht.«

Er suchte nach einer Alternative, die er 1991 in Dortmund fand: Projekte für Schulverweigerer, die einen Bildhauer brauchten. »Ich fand das unglaublich spannend und mir war bald klar, wie man mit den Jugendlichen konstruktiv arbeiten kann«, schwärmt Dieter Wagner begeistert. Sein Kunstbegriff deckt sich dabei mit seinem pädagogischen Ansatz: »Für mich steht grundsätzlich die Frage im Vordergrund: Wie erreiche ich die Menschen existentiell, mit den Mitteln der Kunst? Wie kann ich etwas existentielles schaffen?« Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, absolvierte er berufsbegleitend das Studium der Bildhauerei an der Alanus-Hochschule. Abschluss Diplom, später folgte das Staatsexamen im Bereich Kunsterziehung. Der Grund: »Ich wollte mit dem Kunsthandwerk aufhören, mich künstlerisch weiterentwickeln und mehr über moderne Kunst erfahren.«
Damals kannten sie sich bereits. Inzwischen hat sich das Künstler-Ehepaar deutschlandweit einen Namen gemacht. »Wir arbeiten für einen Ort, situativ«, erklärt Dieter Wagner. »Wir schauen uns an, welche Stimmung, welche Atmosphäre an den jeweiligen Orten vorherrscht und was für den Raum, die Landschaft, die Situation oder die Architektur sinngebend ist.« Mit ihren Installationen erregen sie zuweilen Aufmerksamkeit, mitunter auch die Gemüter, dabei ist die Provokation gar nicht in ihrem Sinne: »Der Raum selbst ist bereits Teil des Kunstwerks. Bei unseren Installationen versuchen wir die Atmosphäre zu kontrastieren oder zu verstärken und in Bilder umzusetzen. So entstehen intensive, spannende Momente und Bezüge, die den Raum beleben. Wichtig ist dabei das Zusammenspiel von historischem Kontext, Material und Architektur.«

So stehen die Künstler bei der Installation in einer Tiefgarage oder der Natur vor ganz anderen Fragestellungen als während der Gestaltung des Kirchenraums der katholischen Bochumer Propsteikirche. Ein Auftrag, der für mächtig viel Wirbel sorgte. »Wir hatten konzeptionell völlig freie Hand und setzten ein großes, offenes Baugerüst gewissermaßen zwischen Bestuhlung des Langhauses und Apsis, also noch vor den Altarraum. Das symbolisiert die in frühchristlicher Liturgie übliche Trennung dieser Bereiche durch eine Wand, den so genannten Lettner, der den Raum für das Priester- und Mönchskollegium vom übrigen Kirchenraum, der für die Laien bestimmt war, abtrennte«, erläutert Dieter Wagner. »Die Kirchgänger konnten bei unserer Konstruktion über eine Leiter das Gerüst betreten, emporsteigen, und so eine völlig neue Sicht, damit eine veränderte Perspektive auf das Geschehen unter ihnen entwickeln. Damit schaffen wir nichts gänzlich Neues, sondern greifen bestehende Motive auf und ersetzen sie durch Alternativen, die einen ähnlichen Symbolwert haben.« Ein Konzept mit einer ganz eigenen Ästhetik und einer Ausdruckskraft, die nicht gleich jedem zugänglich war. Und so löste dieses Projekt eine Flut kontroverser Diskussionen aus. Catharina Wagner erläutert: »Unsere Kunst erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Aber wir öffnen immer Bezugspunkte, wo der Betrachter einsteigen kann. Und wenn man sich darauf einlässt, dem Pfad sinnlich und gedanklich konsequent folgt, dann kann man sich eine Deutung selbst erschließen.«

Neben den freien künstlerischen Arbeiten ergänzen pädagogische Projekte an Schulen und mit Jugendlichen das Schaffen des Ehepaares. Schon seit vielen Jahren erfreuen sie mit regelmäßigen Kunstaktionen in Kooperation mit der deutschen Kinderhospizakademie schwerkranke Kinder, die so für ein paar Stunden ihrem Alltag entfliehen können. Ein aktuelles Projekt in Lünen: Die Jugendwerkstatt der AWO mit ihrem Konzept ›Bildung und lernen‹. Hier geht es darum, schulmüden Jugendlichen auf künstlerische Weise dabei zu helfen, ihre Stärken und Interessen zu erkennen. »Wir entwickeln mit knapp 20 Jugendlichen Skulpturen aus Holz, unsere ›Malocheridole‹, die jeweils einen Beruf repräsentieren«, erklärt Dieter Wagner. »Es läuft super, die Kids arbeiten prima mit und die Ausstellungseröffnung ist am 9. Dezember im Foyer des Lüner Rathauses«, freuen sich Wagners, die gerade auch in diesen Aktionen ihre Suche nach existentieller Bedeutung und Sinn erfüllt sehen. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg!
CvO

Artikel von S. 26 in Ausgabe 50 (12.2009)

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