KULTUR

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FSG in ›1000-jährigem‹ Flaggenschmuck






Quellen:
Denkmalliste der Stadt Lünen
Bildmaterial des Stadtarchivs Lünen
Expressionismus machte Schule

Ein architektonisches Kleinod in Lünen ist das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Der spätexpressionistische Backsteinbau wurde Ende der Zwanzigerjahre von den Architekten Dietrich und Karl Schulze aus Dortmund entworfen und 1931 eingeweiht.

Der 4-geschossige Ziegelbau erhebt sich über einem Z-förmigen Grundriss mit zentralem Turm im Gelenk zwischen Mitteltrakt und dem die Aula beherbergenden Südflügel. Abgerundete Ecken und die geschwungene Form des Nordflügels zeichnen ihn aus. Flachdächer, massive Traufgesimse und horizontale Ziegelbänder prägen die Fassaden mit den gegliederten Klassenraumfenstern. Flächiger und mit vertikal eingeschnittenen Lichtbändern stellt sich die Aula dar. Die farbigen Fliesen der Innenräume dringen mit den Zifferblättern der Turmuhren auch nach außen.
Die Formensprache ist, von wenigen Details abgesehen, strengem Backsteinexpressionismus verpflichtet. Eine Nähe zur Architektur Erich Mendelsohns (* Allenstein 1887, † San Francisco 1953) besteht durchaus, klammert man den organisch geformten Einstein-Turm einmal aus. So finden sich in dessen kurz zuvor in Stuttgart fertig gestelltem Kaufhaus ›Schocken‹ viele Elemente des Lüner Schulbaus wieder, ebenso bei Fritz Högers zeitgleich entstandener Konsum-Zentrale in Leipzig.
Die Eintragung in die Denkmalliste von 1985 stellt ausdrücklich einen Bezug zur Amsterdamer Schule her. Sicherlich finden sich auch dort, wie in vielen Strömungen der klassischen Moderne, horizontale Gliederungen, doch zeigt die Amsterdamer Schule sowohl in der plastischen Ausformung der Volumen als auch in der Anlage der Maueröffnungen eine noch dem Jugendstil nahe, jedoch von aller lebenden Kreaturen nachgebildeten Ornamentik befreite Formensprache. Die ›Neue Sachlichkeit‹, ebenfalls als Strömung zur Überwindung des Jugendstils herangezogen, ist bereits in ihren Anfängen radikaler als der in Lünen ausgeführte Stil. Sein geistiger Vater, der Wiener Adolf Loos, arbeitete mit scharf geschnittenen, ebenen Flächen, kombiniert mit edlen Materialien. Auch Willem Marinus Dudok (*Amsterdam 1884, † Hilversum 1974) wird als stilistisches Vorbild der Dortmunder Architekten angeführt. Dessen Werk, geprägt von der Amsterdamer Schule, später von Frank Lloyd Wright, zeigt allerdings kaum Parallelen auf. Seine komplex verschachtelten Kubaturen und schnörkellosen Flächen bilden eine sachlichere Moderne.

Amsterdamer Schule
Mit Amsterdamer Schule bezeichnet man eine Stilrichtung der klassischen modernen Architektur.
Wie die restliche klassische moderne Architektur wird die Amsterdamer Schule als Reaktion auf den Historismus betrachtet. Als Vorläufer der Amsterdamer Schule gilt H.P. Berlage, die führenden Architekten wurden Michel de Klerk, Johan van der Mey und Piet Kramer, die alle bis um 1910 bei Eduard Cuypers gearbeitet hatten.
Als Beginn der Amsterdamer Schule wird das Scheepvaarthuis von Johan van der Mey von 1912 angesehen. Es ist der Prototyp dieses Stils: ein Backsteinbau mit komplizierten gemauerten Mustern, Ziergiebeln, Kunstglas, Schmiedearbeiten, Reliefs und Skulpturen aus Naturstein. Enge Bezüge gibt es zur expressionistischen Architektur. Durch die starke Gliederung haben auch große Gebäude keinen massiven Charakter.
Wichtige Impulse kamen von der Stadt Amsterdam selbst, die 1905 als erste Stadt eine Bauverordnung erließ und van der Mey für die spezielle Position eines ›Ästhetischen Beraters‹ einstellte, um für künstlerische Einheit zu sorgen. Die meisten Bauten stehen in Amsterdam: ›Plan Zuid‹ nach einem Entwurf van Berlages, das Olympiastadion von Jan Wils, das Scheepvaarthuis von Johan van der Mey, das Wohnhaus in der Spaarndammerbuurt von Michel de Klerk und Schulgebäude u.a. von Cornelis Kruyswijk und Nicolaas Lansdorp. In den Gartenstädten Oostzaan und Nieuwendam in Amsterdam-Noord (u.a. von B.T. Boeyinga) präsentiert sich die Amsterdamer Schule in einer ländlichen Variante. Boeyinga baute einige reformierte Kirchen in diesem Stil. In anderen Städten findet man u.a. Bauten von Willem Marinus Dudok in Hilversum oder Park Meerwijk in Bergen aan Zee. Der Bijenkorf in Den Haag von Piet Kramer (1924–1926) wird als das letzte große Hauptwerk der Amsterdamer Schule betrachtet.
1923 starb De Klerk. Damit hatte die Amsterdamer Schule ihren Höhepunkt überschritten, auch wenn der Baustil in einer vereinfachten Form noch über ein Jahrzehnt fortbestand.
(Quelle: wikipedia)

Bei einer ersten Erweiterung von 1984 bis 1987 verhalf der neo-expressionistisch arbeitende Künstler und Kunsterzieher Rolf-Dietrich Ratzmann einem Entwurf der Lüner Architekten Marek, Weiß und Schlichterle zur Realisierung. Der Anbau an der Südwestecke, zwar durch einen Glasübergang getrennt, biedert sich in den Grundformen ebenso an wie die parallel gebaute Turnhalle, verzichtet jedoch auf jeden Zierrat. Bereits damals hielt das Westfälische Amt für Denkmalpflege dieses Nachempfinden für fragwürdig.
Von 1997 bis 1999 realisierte Karl Marek dann ein dreistöckiges Flachdachgebäude in zeitgemäßer Formensprache, übernahm das Ziegelmaterial, kombinierte es jedoch mit großflächigen Glasfassaden und stellte ausschließlich städtebauliche Bezüge her. masc

Artikel von S. 19 in Ausgabe 39 (02.2008)

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