KULTUR
oben: Friedhof Eichelberg und Huyssen: Die Grabmale stehen unter Denkmalschutz
mitte: Piepenstockstraße: Auch Fabrikgebäude stehen unter Denkmalschutz, allerdings sieht nicht jedes auf den ersten Blick danach aus.
unten: Denkmalpflegerin Heike Berlinski






Der alljährliche Tag des offenen Denkmals findet am 13. September statt und steht diesmal unter dem Motto ›Historische Orte des Genusses‹. Darunter kann die alte Kneipe ebenso fallen wie der Platz vor dem Kamin, ein Park oder ein Konzertsaal. In Iserlohn und Letmathe werden unter anderem der Danzturm, Haus Letmathe und die Bauernkirche in das Programm eingebunden. Genauere Informationen unter www.iserlohn.de
Nur alt reicht nicht!
Ein Denkmal muss schon etwas mehr vorweisen

Das älteste Denkmal Iserlohns ist uralt – und als einziges beweglich. Nicht, dass es davonlaufen könnte, aber man kann es von hier nach da tragen. Es handelt sich um einen Schädel und das dazugehörende Nashorn lebte vor 150.000 bis 300.000 Jahren. Heute ist es im Dechenhöhlenmuseum zu bestaunen.

Dass sie einmal auch für solche ge-schichtlichen Zeugnisse zuständig sein würde, hätte sich Heike Berlinski früher nicht träumen lassen. Seit eineinhalb Jahren ist die Architektin bei der Stadt Iserlohn für die Denkmalpflege zuständig. »Und man lernt immer wieder etwas dazu«, hat sie festgestellt. Der Nashornschädel ist allerdings bisher die Ausnahme geblieben. Auch wenn es noch neun Bodendenkmäler vom Hohlweg im Lägertal bis zur Höhle in der Grüne gibt: Das Alltagsgeschäft hat durchaus mit dem zu tun, was sie gelernt hat.
Rund 220 Gebäude stehen auf der Denkmalliste Iserlohns. Seit 1983 wird sie geführt – Ergebnis des NRW-Denkmalschutzgesetzes vom Anfang der 1980er-Jahre. Damals gab es eine Schnellinventarisation: Experten zogen durch die Straßen und notierten alles, was als Denkmal in Frage kam. Diese Kulturgutliste wird seitdem abgearbeitet. »Einiges steht noch drauf«, weiß Heike Berlinski, und so kommen immer wieder mal neue Gebäude hinzu. Auch, weil Hauseigentümer sich melden und Denkmalschutz beantragen. Heike Berlinskis Aufgabe ist es dann, sich vor Ort umzuschauen und zu bewerten. Nur alt reicht übrigens bei weitem nicht. »Es muss auch nicht gut erhalten sein«, betont die Denkmalpflegerin: »Besonders viel Historisches muss vorhanden sein. Es muss Bedeutung für die Geschichte des Menschen und für die Stadt haben. Oder es gibt städtebauliche Gründe, zum Beispiel, wenn es sich um eine beispielhafte Arbeitsstätte handelt.« Und so kommt es, dass auch eine Fabrik die Denkmalplakette erhält, bei der die meisten sagen: »Sieht die schäbig aus.« Oder eine alte Scheune, die sich – »Das war ein Zufall« – als ehemaliger Ziegelofen entpuppt, der einzige so erhaltene in Nordrhein-Westfalen. Oder der jüdische Friedhof in Oestrich, heute eigentlich nur eine Wiese, aber immer noch eine geweihte Fläche. Nicht jedes Denkmal fällt eben so ins Auge, wie die Bauernkirche, wie das Haus Letmathe, wie die ›VHS-Villen‹ an der Stennerstraße, die schmucken Fachwerkhäuser in Oestrich, die kunstvollen Grabmale auf dem alten Friedhof.
Dass die Denkmäler in ihrem Bestand erhalten bleiben, ist eine Aufgabe von Heike Berlinski. Nicht immer eine ganz einfache, denn der historische Wert muss mit dem Nutzen in Einklang gebracht werden: »Es hat ja keiner was davon, wenn ein nicht genutztes Denkmal verfällt.« Der Meinung, dass die Denkmalpflege keine Veränderungen zulässt, widerspricht Heike Berlinski: »Wir versuchen immer, Kompromisse zu finden.« Selbst ein Abriss ist möglich. Entscheidungen werden im ›Benehmen‹ mit dem Westfälischen Landesamt für Denkmalpflege getroffen, das auf zahlreiche Fachleute zurückgreifen kann. Die Beratung durch die Behörde ist kostenlos und oft hilfreich. »Die Wahl der richtigen Materialien ist wichtig für den langfristigen Bestand. Werden Balken im Fachwerkhaus falsch behandelt, faulen die nach eine paar Jahren weg«, erklärt die Expertin. Viele Eigentümer würden diese Beratung schätzen. So wie die meisten es auch nicht als Last empfinden, sondern stolz sind, in einem Denkmal zu leben. »Im Moment ist es zwar schwierig, weil überall das Geld fehlt«, hat sie festgestellt, aber es gebe wie jetzt in der Altstadt immer wieder Bauherren, die mit viel Liebe zum Detail beweisen, dass man sehr modern wohnen und trotzdem viel Historisches erhalten kann. Auf der anderen Seite gibt es ebenso Eigentümer, die enttäuscht sind, weil ihr vermeintliches Denkmal nicht unter Schutz gestellt wird. Alt und schön reicht eben nicht. Das ›schön‹ sei ohnehin relativ, meint die Denkmalpflegerin. Es würde auch viel Erhaltenswertes kaputt renoviert. Oder abgerissen.
Für vieles in Iserlohn ist das Denkmalschutzgesetz zu spät gekommen. »Die Stadt würde sicher anders aussehen, wenn es das damals schon gegeben hätte«, blickt sie auf die Sanierungsmaßnahmen vor rund 30 bis 40 Jahren. Ein Ergebnis – das ›neue‹ Rathaus, für viele ein Abrissobjekt erster Klasse – besitzt für sie aber auch schon wieder Denkmalcharakter: als Beispiel der typischen Architektur der 1970er. hgs

Artikel von S. 4 in Ausgabe 8 (07.2009)

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