KULTUR

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oben: ›Pottfiction: eine Aktion verschiedener Theater im Ruhrgebiet anlässlich der Kulturhauptstadt 2010 (Foto C. Schröter)
mitte: Die Theater-AG hat keine Angst vor großen Stoffen: Sommernachtstraum.
unten: Peter Adrian Krahl: »Die Jugendlichen sind engagiert und klug, und es macht unheimlich viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten.«
(Foto V. Beushausen)






Kontakt
Peter Adrian E. Krahl
krahl [at] westfaelisches-landestheater.de
www.pottfiction.de

»Theater bringt nie Lösungen, aber kann Fragen aufwerfen und für andere Sichtweisen sensibilisieren.«
Peter Adrian Krahl bringt Leben auf die Bühne des Comenius-Gymnasiums

Wenn Schule nicht nur Schule macht, sondern zugleich noch Probebühne und spielerischer Schauplatz für »das richtige Leben« ist, und das auf den Brettern, die die Welt bedeuten, dann hat wahrscheinlich einer die Finger im Spiel: Peter Adrian Krahl. Schauspieler, Sänger, Regisseur und Mitarbeiter des WLT.
Der Fall ist klar. Tatort: die ehemalige Turnhalle des Comenius-Gymnasiums in Datteln. Verdächtige: Schüler der Theater AG. Die Tat: Proben der Oberstufe zum Eulenspiegel-Projekt. Eine Turnhalle wird zum Kulturort. Bühne, Traversen, Licht, die Atmo passt. Die Schüler sind konzentriert, diszipliniert, engagiert – und sie sind gut. Inzwischen. »Etwa ein Jahr lang haben wir an den Grundlagen gearbeitet«, erinnert sich Krahl, der die Proben leitet. »Wir haben nach den Schauspielmethoden Tschechows und Stanislawskis unterschiedliche Rollen und Charaktere entwickelt: Wie ist ein Wirt, wie ein Hofnarr, ein Liebhaber? Und wie tickt ein Handwerker oder Richter? Die zentrale Frage dabei ist: Was haben die Figuren mit mir zu tun?« Krahl weiß was er tut. Fachlich und auch persönlich. Mit seiner ruhigen Gelassenheit wirkt er wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Er bringt die Stoffe auf eine Ebene, die den Jugendlichen Raum zur Identifikation gibt. Und er ist begeistert, von der Schule und von den Schülern: »Der Direktor steht hinter uns, ein Lehrer unterstützt mich und die Schule ist technisch toll ausgestattet. Anfangs war es zuweilen noch etwas chaotisch, doch inzwischen haben die Jugendlichen gelernt, absolut konzentriert und diszipliniert miteinander zu arbeiten.«
Peter Adrian Krahl ist ein Mann des Theaters durch und durch. Dunkles Sakko, schwarzes Hemd, ein nettes Lachen und eine angenehme Stimme, der es sich gut zuhören lässt – er ist ein sympathischer Typ. Muss er auch, denn als freier Schauspieler, Sänger, Regisseur, Dramaturg und Theaterpädagoge ist es sein täglich Lohn und Brot, andere zu motivieren, zu aktivieren und mit dem Ergebnis seiner Arbeit zu unterhalten.
Geboren in Krefeld verschlägt es ihn zunächst ins Rheinland, nach Düsseldorf, bis ihn der Weg nach Castrop-Rauxel führt. Seine künstlerische Heimat vor Ort: das WLT. Hier hat er zuletzt als Dramaturg gearbeitet, ein Job, der ihn fasziniert. Bereits während seines Studiums der Germanistik und Philosophie packt ihn die Leidenschaft für das kreative Geschehen der Welt der Bühne. »Ich hatte das große Glück, zu Anfang der 90er eine Hospitanz bei Pina Bausch in Wuppertal machen zu können«, schwärmt er noch jetzt, und seine Augen glänzen bei der Erinnerung an die Erfahrung mit dieser erst kürzlich verstorbenen Ikone des Tanztheaters. Er nimmt Unterricht in Schauspiel und Gesang, weil »die Musik mich seit jeher fasziniert.« Schon bald folgen diverse Engagements. Während seiner Zeit in Düsseldorf ergänzen Rollen in verschiedenen TV-Produktionen für ARD und ZDF sein Portfolio. 2002 führt er zum ersten Mal selbst Regie an einem freien Theater in Koblenz, an dem er in den folgenden Jahren immer wieder inszeniert, spielt und dessen Interimsintendant er 2005 für ein halbes Jahr wird.
Doch sein Schwerpunkt ist bis heute die Theater- und Jugendarbeit. Hier ist er aktiv, organisiert Projekte, knüpft Kontakte, schreibt Konzepte, akquiriert Fördergelder und entwickelt Stoffe auf eine Weise, so dass auch Jugendliche sich darin erkennen können. »Das tolle an dieser Arbeit ist die enorme Vielseitigkeit. Man muss sich in die Stücke einarbeiten, wobei die zentrale Frage ist: Was will ich erzählen und wie kann ich Inhalte so transportieren, dass sie andere interessieren und berühren.«
Neben der Arbeit als Leiter der Theater-AG des Comenius-Gymnasiums steht hier derzeit im Zuge der Kulturhauptstatt 2010 ein weiteres spannendes Projekt auf dem Plan: »Pottfiction«. Eine gemeinsame Aktion verschiedener Kinder- und Jugendtheater aus dem Revier. Das übergeordnete Motto lautet: »Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor und was bist Du bereit, dafür zu tun?« Jedes Theater hat zusätzlich noch sein eigenes Motto, und so stellt das WLT seine Arbeit mit den Jugendlichen unter die Überschrift »Macht und Demokratie«.
»Etwa 15 Jugendliche treffen sich in regelmäßigen Abständen in der Schule und bereiten insgesamt 95 Thesen mit damit verbundenen Aktionen zum Thema ›bessere Zukunft‹ vor, die sie während der kommenden Monate durchführen werden«, erläutert Krahl. Dabei kann es sich um Aktionen in der Öffentlichkeit, etwa zum Thema ›Jugendliche und Alkohol‹ handeln, um kleine Theaterszenen oder andere künstlerische Happenings. Mit theaterpädagogischen Methoden lernen sie etwas über sich selbst, arbeiten an ihren kommunikativen Fähigkeiten bauen Hemmungen und Ängste ab. Sie setzten sich auf künstlerische Weise mit ihrer Lebenswirklichkeit und ihrer Umwelt auseinander und machen die Erfahrung, dass sie auch in der Öffentlichkeit eine Stimme, ein Gewicht haben und mit ihren Aktionen wahrgenommen werden. Eine Erfahrung, die wichtig ist und motiviert. »Die Jugendlichen entwickeln ihre eigenen Ideen«, erläutert Peter Adrian Krahl die Kernidee. »Wir geben nur Hilfestellung bei der Umsetzung.« Dabei ist letztlich alles möglich, vom Straßentheater über Straßenmalerei bis hin zur Inszenierung von Theaterstücken oder so genannten »Flashmobs«, kurzen, scheinbar spontanen Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen. »Eine Aktion bestand darin, in Castrop-Rauxel, Datteln und Recklinghausen Pflanzensamen in Butterbrottütchen an Passanten zu verschenken«, so Krahl. Das Motto: »Unser Ruhrgebiet soll grüner werden.« Gedacht als Konzept für eine besser Welt und den bewussten Umgang mit der Natur. Und weitere Aktionen stehen auf dem Programm. Sein Fazit: »Die Jugendlichen sind engagiert und klug, und es macht unheimlich viel Spaß, mit Ihnen zu arbeiten.« Mitmachen können übrigens alle, die sich dafür interessieren.
Und jetzt, Herr Krahl? Haben Sie Wünsche für die Zukunft? Natürlich hat er, schließlich ist ein kreativer Kopf ist auch ein unruhiger Geist: »Ich hab ja nun schon viel gemacht und ich entwickle mich gern weiter. Eine Intendanz könnte mich interessieren. Ich kann mir durchaus vorstellen, ein Haus zu organisieren, zu leiten.« Wir wünschen weiterhin viel Erfolg!

Artikel von S. 13 in Ausgabe 31 (12.2009)

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