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mitte: Passionierte Geschichtsforscherin: Gertrud Ritter entziffert alte Handschriften.






Plattdeutscher Sprach- und Heimatverein Datteln 1922 e.V.
1. Vorsitzende Gertrud Ritter
Schlossstr. 45 · Datteln
Tel. 0 23 63 / 6 20 19
www.datteln-heimatverein.de

Geschichte(n),
die das Leben schreibt

Eine Päpstetafel, die versteckt hinter einem Balken auf dem Dachboden die Nazizeit überdauert. Ein junger Soldat, der im Schützengraben darum fleht, einen letzten Blick auf ›sein schönes Datteln‹ werfen zu dürfen und diese verzweifelten Worte später als Gedicht in plattdeutscher Sprache zu Papier bringen wird. Eine alte Handschrift, die, mühsam entschlüsselt, Licht in die Geschichte eines alten Dominikaner-Kosters bringt … – keine Romanerzählungen, sondern wahre Begebenheiten mitten aus dem Leben.

»Dattelns Historie steckt voller Überraschungen«, schwärmt Gertrud Ritter. Seit drei Jahrzehnten leitet sie den Plattdeutschen Sprach- und Heimatverein Datteln 1922 e.V. und hat sich in dieser Zeit intensiv mit der Lokalgeschichte ihrer Geburtsstadt auseinandergesetzt. Informative Tafeln, die an historisch bedeutsamen Gebäuden (z.B. Friedenskirche, Rathaus, HGM) und Stätten wie dem Judenfriedhof oder der alten Gerichtsstätte ›am Tigg‹ aufgehängt wurden, zeugen von dieser Arbeit, aber auch zehn ›Dattelner Hefte‹ sowie Beiträge, die die Geschichtsforscherin regelmäßig für den Vestischen Kalender verfasst. Ihre Recherchen bringen sie nicht selten ›von Hölzken auf Stöcksken‹: »Man sucht, liest und findet – vielleicht etwas ganz anderes, das einen schnurstracks zum nächsten Thema führt.«
Einmal im Monat trifft sich die Hobbyhistorikerin zum Austausch mit ihren Dattelner Vereinskolleginnen und -Kollegen im Museum. »Irgendjemand weiß immer etwas, sei es aus eigener Erinnerung, von Verwandten, aus dem Nachlass von Angehörigen oder dem Stadtarchiv.« Viele Gegenstände, die von Mitgliedern
des Heimatvereins entdeckt wurden, sind heute im Hermann-Grochtmann-Museum zu sehen: Milchkannen aus der alten Molkerei, ein antikes Kaffeeservice und oben genannte Päpstetafel. »Mit jedem dieser Ausstellungsstücke ist eine Geschichte verbunden«, lächelt Gertrud Ritter. Sie war es auch, die herausfand, dass es sich bei den im HGM ausgestellten Gussstahlglocken um die ältesten ihrer Art handelt. »Die Glocken wurden 1845 im damals gerade erst entwickelten Stahlformgussverfahren gefertigt und versahen nach Stationen in verschiedenen Kirchen zwischen 1949 und 1967 in der Friedenskirche am Schiffshebewerk ihren Dienst.« Die Kirche hat für die 1927 in Meckinghoven geborene Vereinsvorsitzende und ihre Mitstreiter eine ganz besondere Bedeutung: »Dorthin haben unsere Mütter in den Kriegsjahren manche Sorge getragen. Als die Friedenskirche Ende der 90er geschlossen werden sollte, war es selbstverständlich, dass wir uns dagegen stark gemacht, Unterschriften gesammelt und bei der Restauration des Gebäudes mitgewirkt haben.«
Im Mittelpunkt der Bemühungen des Heimatvereins steht aber nicht nur die Erforschung der Stadtgeschichte, sondern auch der Erhalt der plattdeutschen Sprache. »Als zu Beginn der 1920er-Jahre die Zeche abgeteuft wurde, kamen viele Arbeiter aus Ostpreußen nach Datteln. Zwecks besserer Kommunikation bemühte man sich, hochdeutsch zu sprechen, das Platt ging langsam aber sicher verloren.« Aus diesem Grund gründete sich im Jahr 1922 die plattdeutsche Sprachgemeinschaft, welche nach dem Krieg mit dem Verein für Orts- und Heimatgeschichte zusammengelegt wurde. »In meiner Familie wurde ausschließlich platt gesprochen. Weil ich mich danach sehnte, diese Sprache einmal wieder zu hören, besuchte ich einen VHS-Kurs und stieß hier auf Gleichgesinnte. Wir hatten so viel Spaß, dass wir beschlossen, zusammenzubleiben und den Verein, dessen Arbeit zehn Jahre lang geruht hatte, wieder aufleben zu lassen.« Einmal pro Jahr veranstalten die Mitglieder ein plattdeutsches Theaterstück bzw. einen Nachmittag in Hoch- und Plattdeutsch in der Stadthalle. »Nicht alle von uns sprechen fließend platt, aber verstehen können wir es alle!«

Artikel von S. 12 in Ausgabe 31 (12.2009)

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