KULTUR

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Tankred Schleinschock
Interview mit Tankred Schleinschock
„Ich bin ein Geschichtenerzähler“

Fangen wir einfach mal mit ein paar Daten an. Alter / Familie / Beruf?

43 / verheiratet / musikalischer Leiter & Regisseur

Sie und Ihr Name kommen aus?

Ich komme aus Bremen. Woher der Name Schleinschock stammt, weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Und Tankred – meine Eltern konnten sich damals nicht einigen, ob ich Timo oder Alexander heißen sollte. Also wurde in einem Namensbuch geblättert und der kleinste gemeinsame Nenner war dann eben Tankred.

Was wollten Sie werden, als Sie klein waren?

Katholischer Priester und Sportreporter. Als Junge spielte ich begeistert in einem Fußballverein. Daneben war ich aber auch sehr gern Messdiener. Schwierig wurde es, als die Mannschaftsspiele von Samstag nachmittag auf Sonntag vormittag verlegt wurden. Da hieß es sich zu entscheiden. Ich blieb bei den Messdienern und durchlief dann eigentlich den klassischen Werdegang, habe Kirchenmusik studiert und wurde schließlich Organist.

Wie kam es zum Wechsel von der Orgel- zur Theaterbühne?

(schmunzelt) Ach, eigentlich sind die Abläufe einer katholischen Messe von einem Schauspiel gar nicht so weit entfernt. Hier wie da wird dramaturgisch gearbeitet. Aber nun mal im Ernst. Mich hat von jeher die Mischung Musik und Literatur interessiert, schließlich habe ich auch in Berlin Germanistik und Philosophie studiert. Und am ehesten kann diese Kombination am Theater gelebt werden. Das Fernsehen dagegen hat mich nie interessiert. Es ist zu aggressiv, lässt dem Zuschauer keinen Raum mehr für Fantasie und Vorstellungskraft – da fehlt das Geheimnis. Das Theater schafft noch Spannung, Erwartung, Vorfreude. Schon allein der Moment, bevor sich der Vorhang hebt, lässt dieses Knistern spüren.

Bremen, Berlin und dann Castrop-Rauxel?

Ein Bremer Zivildienstkollege hatte ein Engagement am WLT. Er wusste, dass ich Programme schreibe, also ein Thema literarisch, musikalisch und szenisch zu einem abgeschlossenen Konzept verarbeitete. Ich stellte schon immer gern zu einem Thema Geschichten zusammen, ich bin ein Geschichtenerzähler. Und so schlug er mir vor, zum 50. Jubiläum des WLT ein Programm zu schreiben und dem damaligen Intendanten vorzustellen. Das tat ich dann auch, das Programm wurde akzeptiert und war ein voller Erfolg. Daraufhin wurde mir ein Vertrag angeboten. Inzwischen bin ich seit 19 Jahren beim WLT.

Das ist in dieser Branche eine lange Zeit.

Stimmt. Ich hätte 1983 nicht gedacht, dass ich so lange bleibe. Ehrlich gesagt, hatte ich am Anfang schon so meine Probleme, mich hier zu Hause zu fühlen. In den ersten beiden Jahren behielt ich auch meine Wohnung in Bremen und pendelte hin und her. Das ist natürlich heute anders. Ich fühle mich ausgesprochen wohl hier. Positiv finde ich, dass im Gegensatz zu Großstädten (ich verbringe sehr viel Zeit in Rom, meine Frau ist Italienerin und ich inzwischen fast ein Halber) die Straßen längst nicht so verstopft und so die Wege kürzer sind. Die alltäglichen Verrichtungen sind schnell erledigt, das lässt Zeit für Wichtiges. Aber es geht mir immer noch das Herz auf, wenn ich Seeluft rieche. Und wenn Werder verliert, leide ich immer noch mit.

Was ist der Reiz eines Landestheaters?

Das WLT ist ein kleines Haus, ich kann viel ausprobieren und habe großen Spielraum. Auch habe ich immer die Möglichkeit, zwischenzeitlich etwas anderes zu machen wie Inszenierungen mit Lilo Wanders und Marlene Jeschke in Hamburg, Arbeiten mit der Bremer Shakespeare Company oder bei den Sommerfestspielen Bad Hersfeld. Diese Ausreißer bereichern. Manchmal ist schon ein wenig schade, dass durch den Tourneecharakter zum Publikum nicht die enge Beziehung aufgebaut werden kann, wie es bei einem festen Haus möglich ist. Aber ich spüre doch, zum Beispiel bei Veranstaltungen wie dem Kulturfrühstück, dass sich hier ein Stammpublikum entwickelt hat. Man lernt die Leute kennen, sieht bekannte Gesichter.

Lockt Sie das Rampenlicht oder ziehen Sie lieber an den Fäden?

Der Wechsel macht’s. Es bereitet Spaß selbst zu spielen, ist aber auch aufregend, das Spiel anderer zu gestalten. Die Regie reizt mich sehr. Ich muss nicht mehr 5x die Woche auf der Bühne stehen. Vielleicht liegt es auch am Alter, an der Erfahrung. Es fällt mir leichter und es ist ein fantastisches Gefühl, andere Menschen zum Glühen zu bringen.

Welche Musik legen Sie auf, wenn Sie Seele baumeln lassen möchten?

Das ist ganz unterschiedlich, aber vermutlich Blues oder Soul. Ich höre sehr viel schwarze Musik. Musik aus New Orleans. Eine Stadt, die ich unbedingt einmal besuchen möchte, wegen ihrer Musik und ihrer Kultur. Ich liebe Städte, in denen unterschiedliche Kulturen zusammenkommen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich selbst privat zwei Leben führe: mein Leben hier und mein italienisches Leben in Rom.

Mit wem würden Sie gern zusammen Musik machen?

Mit einer guten Soul Gospel Sängerin. Die absoluten Traumpartnerinnen wären Mahalia Jackson oder Ella Fitzgerald (gewesen).

Hobbies?

Fußball, lesen, gut essen.

Ihr Lieblingsgericht?

Fisch! Aber er muss noch nach Fisch schmecken. Ich bin kein Freund von Soßen. Frischer gegrillter Fisch, dazu Salat und Gemüse, so wie es die Italiener zubereiten.

Ein Wunsch für die Zukunft?

Schön wäre es, wenn sich die Castrop-Rauxeler noch stärker mit dem WLT indentifizieren würden, häufiger ,das ist unser Theater‘ sagen würden. Im letzten Jahr ist durch die Open-Air-Aufführung des Sommernachtstraums auf dem Marktplatz dahingehend viel passiert. Das WLT war Stadtgespräch. In diesem Sommer planen wir etwas Ähnliches mit der Inszenierung ,Männer‘ auf dem Grümer Hof an der Dortmunder Straße. Darauf freue ich mich schon.

Wir uns auch. Bis dahin alles Gute und vielen Dank für das Gespräch.

Artikel von S. 22 in Ausgabe 24 (06.2002)

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